Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig

© Alexandra Unger

#brodnig
04/06/2022

Papa, glaub mir!

Auch in Familien führt der Ukraine-Krieg zu Streit. Ein Ukrainer zeigt, wie man mit Einfühlsamkeit antworten kann.

von Ingrid Brodnig

Der 33-jährige Misha Katsurin war vor dem Krieg ein erfolgreicher Unternehmer in Kiew, er hat eine Frau und zwei Kinder. Als die russische Invasion begann, arbeitete er daran, seine Familie sicher ins Ausland zu bringen. Und ihm fiel auf, dass er trotz Kriegsbeginn noch nichts von seinem Vater gehört hatte. Zur Erklärung: Als Katsurin ein Kleinkind war, trennten sich die Eltern. Der Vater ging nach Russland, die Mutter blieb in der Ukraine. Katsurin wunderte sich, dass sich sein Vater "gar nicht bei mir gemeldet hatte, um zu hören, wie es mir und meiner Familie geht", erzählte er in der Wochenzeitung "Die Zeit". Also rief er den Vater in Russland an. Im Gespräch merkte er, dass dieser der Meinung war, den Krieg in der Ukraine gäbe es so nicht, "dass die Russen eine friedliche Militäroperation durchführen würden, dass sie uns Ukrainern warme Kleider und Essen bringen und uns vor einem Nazi-Regime schützen würden. Mit einem Wort: dass die Russen Helden sind." Und obwohl Katsurin - sein Sohn - ihm berichtete, dass die Ukraine gerade bombardiert wird, wollte ihm der Vater nicht glauben.

Es ist ein extremes Beispiel, wie russische Desinformation wirkt, da werden sogar die Erfahrungen des eigenen Kindes angezweifelt und stattdessen die russische Propaganda geglaubt. Aber Katsurin blieb dran. Zuerst postete er ganz aufgewühlt von seinem Erlebnis auf Instagram. 135.000 Menschen teilten seinen Beitrag, viele hatten dieselbe Erfahrung mit Verwandten in Russland gemacht. Schritt für Schritt, im wiederholten Gespräch mit dem Vater, erzielte der Ukrainer kleine Erfolge.

Wie Katsurin dem Kommunikationswissenschafter Bernhard Pörksen in der "Zeit" erzählte, meint dieser heute nicht mehr, dass der Krieg eine "friedliche Militäroperation" sei - sondern er sagt: "Der Krieg ist schrecklich." Katsurin hat mittlerweile eine eigene Initiative gestartet, sie heißt "Papa pover" (auf Deutsch "Papa, glaub mir") und ist unter papapover.com erreichbar. Wer Angehörige in Russland hat, kriegt dort Empfehlungen, wie man mit diesen empathievoll sprechen und Desinformation zurückdrängen kann. Es gibt sogar eine eigene Datenbank auf Russisch, in der häufig genannte Argumente der Kreml-Desinformation aufgelistet sind sowie Tipps, wie man darauf antworten kann. Etwa kursiert das Argument, dass Russland in die Ukraine einmarschierte, um sich selbst vor einem Angriff zu schützen. Dagegen spricht zum Beispiel, dass Russland eine Atommacht ist - was abschreckt, Russland anzugreifen.

Auf der Website kann man sich auch ein Telefonat anhören, in dem der Sohn seinem Vater vom Krieg erzählt (es gibt auch eine englischsprachige Übersetzung dazu). Katsurin berichtet von Familienmitgliedern in Charkiw, die seine Frau um Hilfe bitten, einen Kindertherapeuten oder eine Kindertherapeutin zu finden - weil ihre Tochter während der Bombardierung fünf Stunden durchgehend weinte. "Das traumatisiert Erwachsene. Stell dir vor, was das mit Kindern macht", sagt er zu seinem Vater am Telefon. Und sein Vater antwortet: "Ich glaube dir, Misha, ich bin sehr besorgt." Das ist ein bemerkenswerter Moment, weil man merkt, dass dieses konkrete Beispiel aus dem eigenen Umfeld Empathie fördert. Katsurin berichtet, dass es hilfreich ist, detaillierte Belege mitzuteilen. Zum Beispiel hat er Screenshots einer Telegram-Unterhaltung mit seiner Mutter (also der Ex-Frau des Mannes) weitergeleitet: "Sie erzählt davon, dass sie Menschen kennt, die versucht haben, durch einen der Fluchtkorridore in Sicherheit zu gelangen, und dass sie jetzt tot sind, erschossen von der russischen Armee. Da ist es schwer, zu streiten."

Mir erscheint diese Initiative von Katsurin wirklich sinnvoll: Wer Verwandte oder Bekannte in Russland hat, kann im Kleinen versuchen, einen positiven Beitrag zu leisten. Es ist oft dort zielführend, zu diskutieren, wo man schon einen Draht zu Menschen hat, zum Beispiel weil man mit ihnen verwandt ist oder weil man länger mit ihnen zusammengearbeitet und eine Vertrauensbasis hat (man kann übrigens auch für "Papa, glaub mir" spenden, wenn man diesen Zugang unterstützen will).

Bemerkenswert ist dabei auch, dass Katsurin betont, wie wichtig es ist, nicht wütend oder rechthaberisch zu werden. Er sagt zu dem Wissenschafter Bernhard Pörksen: "Ich glaube, der einzige Weg, in einer solchen Lage die Tür in Richtung eines gelingenden Gesprächs aufzustoßen, liegt darin, die eigene Liebe zu zeigen. Wenn ich gleich zu predigen beginne und darauf beharre, den anderen über seinen Irrglauben zu belehren, wenn ich ihm erkläre, wo er falschliegt und was die Fakten sind, und ich dann noch auf das ukrainische Fernsehen, unsere Zeitungsberichte und die Ansprachen unserer Politiker als Quellen verweise - dann beginnt der Streit. Wir verharren dann in den Schützengräben gegensätzlicher Positionen, werfen uns wechselseitig vor, Opfer von Propaganda zu sein. Das bringt nichts."

Mich beeindrucken die Schilderungen von Katsurin: Es ist oft schwierig, in der Familie zu streiten und trotz der eigenen Aufregung ruhig zu bleiben, Wertschätzung zu zeigen. Aber er ist einfühlsam geblieben, obwohl sein Vater anfangs nicht einmal glauben wollte, dass es den Krieg gibt. Mir gibt das Beispiel Hoffnung, dass man mit Einfühlsamkeit und Beharrlichkeit argumentativ doch etwas bewirken kann.