Burgstar Dörte Lyssewski: „Was heißt schon sexy?”

Burgstar Dörte Lyssewski: „Was heißt schon sexy?”

Burgschauspielerin Dörte Lyssewski über Karl Kraus, Kritik und Dirndln, über die Salzburger Festspiele und den Finanzskandal am Burgtheater – und warum sie auf der Straße nicht erkannt wird.

profil: Sie spielen in Salzburg demnächst in „Die letzten Tage der Menschheit“. Karl Kraus hat sein Stück als „Marstheater“ bezeichnet. Was ist am Mythos der Unspielbarkeit dieses Werks dran?
Dörte Lyssewski: Das Stück ist extrem pointiert geschrieben, man steht permanent vor Problemen: Was will man szenisch dazu erfinden? Wie schafft man es, dass der Text nicht kleiner gemacht, dass er nicht bloß illustriert wird? Ich verkörpere die Kriegsberichterstatterin Alice Schalek, eine der wenigen durchgehenden Figuren. Alle anderen müssen 400 verschiedene Rollen stemmen.

profil: Wie geht es Ihnen mit dem Wiener Humor, den Kraus zugleich pflegt und persifliert?
Lyssewski: Es kommen doch auch Piefkes vor! Kraus ist bissig, erbarmungslos anderen gegenüber, schont aber auch sich selbst nicht. Als Norddeutsche bewege ich mich eigentlich in einer anderen Sprache, deshalb versuche ich den Text wie einen Klassiker zu behandeln. Ich komme somit gar nicht in Versuchung zu denken: „Mit ein bisserl Wiener Schmäh spielt sich das eh von selbst.“

profil: Kraus überschüttet
Alice Schalek mit Häme. War er da nicht etwas ungerecht?
Lyssewski: Klar, Kraus hat sie gehasst. In Sachen Kriegsbegeisterung war sie tatsächlich nur eine von Hunderttausenden, auch Autoren wie Hugo von Hofmannsthal ließen sich anstecken. Ich habe natürlich keine Lust, auf der Bühne eine Karikatur darzustellen. Es würde mich langweilen, sie als reißerische RTL–Tussi anzulegen. Für mich ist sie eine moderne, intelligente Frau, die als erste weibliche Berichterstatterin im Schützengraben berühmt wurde. Ich finde beeindruckend, wie sie sich durchsetzt. Wo ich ihr nicht folgen kann: Sie hat die Schrecknisse des Krieges gesehen und blieb trotzdem bis zuletzt begeistert. Sie ästhetisierte den Krieg und heroisierte den sogenannten einfachen Mann.

profil: Was genau finden Sie an ihr modern?
Lyssewski: Sie war die Erste, die nach der Psychologie fragte. Ihr Credo war stets: Ich will aus eigenem Erleben berichten. Sie wollte wissen, was für Empfindungen die Bombenwerfer haben. Heute klingt das banal und klischeehaft, aber damals war es neu. Soldaten durften doch gar nicht denken. Wer das tat, konnte keine Bomben werfen.

profil: Heute würde man von „embedded journalism“ sprechen. Viele ihrer männlichen Kollegen blieben lieber daheim und schrieben aus der Fantasie Schlachtszenen.
Lyssewski: Über die hat sich Kraus ja auch lustig gemacht. Journalisten, denen es an der Front zu laut war, die lieber vom Luxushotel aus geschrieben haben. Ich glaube, Kraus hatte durchaus Respekt vor der Schalek, die sich auf das Schlachtfeld traute. Aber wie sie berichtete, das war doch einigermaßen ungustiös.

profil: Wie geht man im Theater mit Kriegsszenen um, wie realistisch muss man sein?
Lyssewski: Gewehre auf der Bühne finde ich selten glaubwürdig. Ich kaufe nur wenigen Schauspielern ab, dass sie waffenkompetent sind. Als ich in Bochum „Hedda Gabler“ spielte – eine Generalstochter, die gerne herumballert – , ging ich zur Polizei, um schießen zu lernen. Da habe ich gesehen, wie schwer und kalt so eine Waffe ist. Wie laut ein Schuss dröhnt. Wie gewalttätig das ist. Das kann man auf der Bühne kaum darstellen, das wirkt schnell lächerlich. Ich denke, man kann den Krieg nur künstlich überhöhen.

profil: Eigentlich hätte Matthias Hartmann das Stück als Koproduktion zwischen Burg und Festspielen inszenieren sollen, für ihn sprang der Linzer Regisseur Georg Schmiedleitner ein. Wie schwierig ist es, sich umzustellen?
Lyssewski: Ich wäre bei Hartmann gar nicht vorgesehen gewesen. Ich wollte meinen Sommer eigentlich auf dem Land verbringen. Die Interimsintendantin an der Burg, Karin Bergmann, rief mich vor rund zwei Monaten an und fragte mich, ob ich denn für den Sommer schon Flüge gebucht hätte. Aus Neugierde auf den Stoff bin ich kurzfristig eingesprungen.

profil: Wie nahmen Sie die Finanzkrise am Burgtheater wahr?
Lyssewski: Das war sehr unangenehm für alle Beteiligten. Keiner wünscht sich einen solchen Zustand, auf welcher Seite auch immer er steht.

profil: Ein wesentliches Problem waren die vielen, sehr hohen Bargeldzahlungen. Haben Sie sich auch Honorare in bar auszahlen lassen? Ließen Sie Geld von Geschäftsführerin Stantejsky verwalten?
Lyssewski: Gott sei Dank nicht. Glück gehabt. Ich hab mein Konto bei der Bank, und damit basta.

profil: Sind diese Barauszahlungen an anderen Theatern tatsächlich auch üblich? Oder ist das ein Relikt aus alten Zeiten, das langsam verschwindet?
Lyssewski: Das ist wohl eher lokalspezifisch.

profil: Wie ist die Stimmung im Ensemble?
Lyssewski: Es hat sich alles beruhigt, aber es bleibt ein komisches Gefühl. Karin Bergmann macht ihre Arbeit sehr gut, aber die Prozesse vor Gericht haben ja gerade erst begonnen. Der Konsolidierungskurs am Haus muss weitergehen. Was das für uns alle bedeutet, ist im Moment noch gar nicht abzusehen. Ich will gerne in Wien bleiben, habe jedenfalls keine anderen Pläne. Aber da die Zukunft des Burgtheaters ungewiss erscheint, ist es meine natürlich auch.

profil: Sie gingen nach der Schauspielschule 1989 direkt an die Berliner Schaubühne. Waren diese heiligen Theaterhallen nicht überfordernd für eine Anfängerin?
Lyssewski: Das war unfassbar, die Schaubühne war ja der Olymp! Aber sobald man arbeitet, vergisst man alles andere, es ist nicht so wichtig, dass deine Kollegen Stars sind, sondern dass sie gut sind.

profil: Waren Sie als junge Frau denn nicht auch ein bisschen rebellisch gegenüber älteren Regisseuren wie Peter Stein?
Lyssewski: Klar war ich privat als Teenager aufmüpfig, aber im Theater musste ich das gar nicht sein. Dort wurde so gearbeitet, wie ich es immer wollte. Die Art, wie Stein zugeschaut hat, wie da geredet und benannt wurde, das war doch der Grund, warum ich diesen Beruf gewählt hatte. Im Nachhinein bin ich froh, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Viele der großen Regisseure und Intendanten wie Klaus Michael Grüber, Jürgen Gosch oder Gerard Mortier sind inzwischen gestorben. Damit geht auch eine künstlerische Vision verloren.

profil: Sie haben erst spät mit Regisseurinnen und Regisseuren Ihrer Generation gearbeitet. Warum eigentlich?
Lyssewski: Die waren einfach nicht an der Schaubühne, und ich habe sie damals auch nicht vermisst. Ich war einfach froh, von den Supergöttern inszeniert zu werden. An der Schaubühne gab es noch das Nachbeben des Mitbestimmungstheaters, es wurde ständig diskutiert. Das hatte zumindest den Anschein von Demokratie, obwohl es natürlich durch und durch hierarchisch war. Wahrscheinlich sogar mehr noch als an anderen Theatern. Aber man hatte trotzdem das gute Gefühl, an Prozessen beteiligt zu sein. Deshalb gab es keinen Grund, hinter den Rücken der Chefs zu jammern. Aber vielleicht lag das bloß daran, dass wir keine Kantine hatten.

profil: Können Sie denn mit autoritären Regisseuren gut umgehen, streiten Sie gern?
Lyssewski: Streiten als Selbstzweck interessiert mich nicht, das finde ich anstrengend und unökonomisch. Ich erwarte von Regisseuren, dass sie sich gut vorbereiten, dass sie mehr wissen als ich. Wenn ich das Gefühl habe, da wird nur launig vor sich hingebrütet, werde ich sauer. Ich bin bereit, viel zu geben, aber es muss auch etwas zurückkommen.

profil: Sie haben, schon in den Jahren vor Ihrem Umzug nach Wien, viel mit Hartmann gearbeitet. Schätzen Sie ihn als Regisseur?
Lyssewski: Das ging je nach Stück und Konstellation anders auf. Wir hatten bessere und schlechtere Erfahrungen.

profil: Sie waren ab 1999 bei den Salzburger Festspielen drei Saisonen lang die Buhlschaft im „Jedermann“. Einige Ihrer Kolleginnen betrachten diese klischeehafte Minirolle tatsächlich als Höhepunkt Ihrer Laufbahn. Wie sehen Sie das aus der zeitlichen Distanz?
Lyssewski: Es war nie mein Bestreben, die Buhlschaft zu spielen. Als ich damals angefragt wurde, war ich ziemlich erstaunt: Ich hatte mich nicht in dieser Kategorie von Frau gesehen. Ulrich Tukur als Jedermann überzeugte mich aber. Ich dachte: Diese Paarung ist so abstrus, das mache ich.

profil: Sie wollten die Buhlschaft also nicht supersexy und als klassische Verführerin anlegen?
Lyssewski: Was heißt schon sexy? Die Buhlschaft ist doch nicht unbedingt sympathisch. Sie sagt zwar, dass sie den Jedermann liebt. Aber wenn es ihm nicht gut geht, haut sie doch sofort ab. Nach dem Motto: Mein Freund hat Aids, ich bin dann mal weg. Natürlich hat Hofmannsthal holzschnittartige Figuren entworfen, und die Buhlschaft steht für das Begehren, die Wollust. Aber nur Arsch-Posing zu machen, hat mich nicht sonderlich interessiert. Ich wollte eine Figur zeigen, nicht ein Klischee. Wahrscheinlich bin ich zu ernsthaft an die Rolle herangegangen.

profil: Stimmt es denn, dass man als Buhlschaft–Darstellerin in Salzburg hofiert und permanent auf der Straße angesprochen wird?
Lyssewski: Mich hat man damals nie erkannt, und heute werde ich nur noch selten auf diese Rolle angesprochen. Bei der Buhlschaft ist die Fluktuation enorm hoch, nach mir kam Veronica Ferres, die einiges mehr an körperlichen Reizen aufgefahren hat.

profil: Sie kennen die Festspiele schon lange. Wie hat sich das Festival verändert?
Lyssewski: Das Schauspiel hat einen anderen Charakter bekommen. Theater machte der Oper früher mehr Konkurrenz. Es wurde mehr geklotzt. Mortier hat sehr um ein innovatives Programm gekämpft. Zuerst ging ein Empörungsschrei durch Salzburg, und heute schwärmt jeder, wie toll es damals war.

profil: Apropos Traditionenpflege: Besitzen Sie ein Dirndl?
Lyssewski: Ich muss gestehen: ja. Eine Pinzgauer Alltagstracht, die ich mir in Salzburg gekauft habe. Aber das ist kein Folklore-Dirndl, nichts Plüschiges für das Oktoberfest. Es ist aus schwarzem, schwerem Wollstoff. Ich habe es auf einer Feier nach dem „Jedermann“ getragen und einmal in Niederbayern. Da wurde ich aber beide Male angeglotzt, als käme ich vom Mond. Danach habe ich mich nicht mehr getraut, es anzuziehen.

profil: Können Sie gut mit Kritik umgehen?
Lyssewski: Ich weiß ja, wie subjektiv das ist. Aber angenehm ist es nicht, wenn auf der Premierenfeier jemand sagt: „Du, ich fand den Abend total öd.“ Ich höre mir alles an, nehme nicht alles Ernst. Aber es gibt nur ein paar wenige, für mich wichtige Leute, an deren Meinung mir sehr liegt.

profil: Was tun Sie, um nach der Vorstellung abzuschalten?
Lyssewski: Ich bin gern in der Natur, und ich koche wahnsinnig gern. Kochen ist für mich Kultur. Ich will nicht immer in Restaurants gehen müssen, sondern genau das essen, worauf ich Lust habe.

profil: Sind Sie in Restaurants sehr kritisch?
Lyssewski: Na, wenn ich Geld dafür bezahlen muss, natürlich! Wenn das Essen ganz verpfuscht ist, lasse ich es schon zurückgehen. Oder lasse den vollen Teller stehen. Da erübrigt sich diese ohnehin nervige Frage: „Hat’s geschmeckt?“

profil: Wie schwer ist es, als Schauspielerin älter zu werden?
Lyssewski: Noch läuft es gut, ich kann nicht klagen. Aber es ist sicher für Frauen schwieriger als für Männer. Im Augenblick schleicht sich eine Art Filmästhetik ein: Die Rollen werden altermäßig eins zu eins besetzt. Da wurde ich anders sozialisiert. In der Schaubühne waren die Damen 40, 50 oder noch älter. Sie spielten alles, auch ganz junge Mädchen. Theater ist schließlich eine Frage der Behauptung.

profil: Midlife-Crisis kennen Sie also nicht?
Lyssewski: Älter zu werden, ist scheiße, keine Frage. Aber ich kann es ohnehin nicht ändern. Also bleibe ich gelassen.

Zur Person
Dörte Lyssewski, 47, bekam ihr erstes Engagement 1989 an der Berliner Schaubühne. Am Schauspielhaus Zürich arbeitete die in Niedersachsen gebo­rene Darstellerin unter Matthias Hartmann, der sie nach Bochum und später ans Burgtheater mitnahm. Seit 1992 ist sie regelmäßig bei den Salzburger Festspielen zu Gast, unter anderem in Grillparzers „Libussa“ (Regie: Peter Stein); zwischen 1999 bis 2001 verkörperte sie dort die Buhlschaft im ­„Jedermann“.

Foto: Bild: Philipp Horak für profil