Matthias Hartmann: Die Burg ist ein kranker Patient

Techniker-Crew auf der Feststiege des Burgtheaters

Matthias Hartmann, Direktor des Burgtheaters, über die Hintergründe der Entlassung seiner Geschäftsführerin, seine Privilegien und die finanzielle Notlage seines Hauses.

Interview: Karin Cerny, Angelika Hager

profil: Die Vizedirektorin und ehemalige Geschäftsführerin Silvia Stantejsky wurde entlassen , weil ein fünfstelliger Euro-Betrag aus dem Burgtheater-Budget auf ihrem Privatkonto gefunden wurde. Was wissen Sie von diesen Vorwürfen?
Matthias Hartmann: Ich darf zu diesen noch zu prüfenden Fragen keine Stellung nehmen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es sich dabei um eine Form von persönlicher Bereicherung gehandelt haben könnte. Es gibt für mich keinen Grund, an der persönlichen Integrität meiner geschätzten Mitarbeiterin zu zweifeln.

profil: Wann haben Sie von den Bilanz-Ungereimtheiten erfahren?
Hartmann: Die externen Gebarungsprüfer haben darauf hingewiesen. Sie wurden dann von einer internen Revision und Rechtsexperten der Bundestheater-Holding geprüft. Dann wurde mir die Weisung erteilt, meine Vizedirektorin zu suspendieren. Als sich weiterhin keine plausible Erklärung für die Unregelmäßigkeiten finden ließ, wurde mir erklärt, dass ich eine Entlassung aussprechen müsse.

profil: Es war also nicht Georg Springer, Chef der Bundestheater-Holding, der Stantejsky entlassen hat?
Hartmann: Wie man es nehmen will: Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte ich von ihm die Weisung dazu bekommen. Es gilt das Unverzüglichkeitsgesetz, weil man sich als Geschäftsführer sonst ebenfalls strafbar macht. Aber diese Entlassung ist hoffentlich eine Zwischenmaßnahme, bis man die Dinge nachvollziehen kann. Und dann ist alles wieder gut. Menschen, die am Theater arbeiten, müssen ständig Konflikte miteinander regeln, und dabei gilt das Gesetz des gesunden Menschenverstandes und nicht das der Juristen.

profil: Wann wurde Frau Stantejsky denn entlassen? Unseren Recherchen zufolge wurde sie bereits Mitte November freigestellt.
Hartmann: Ungefähr. Und seither arbeiten die Wirtschaftsprüfer mit Hochdruck an der Klärung der Sachlage.

profil: In der Geschäftsführung gilt das Vieraugenprinzip. Sind Sie als künstlerischer Direktor nicht gleichermaßen haftbar? Wie sah Ihre Zusammenarbeit konkret aus?
Hartmann: Sie war für die Verwaltung, die Technik und die Verkehrsströme des Geldes zuständig. Ich gebe den künstlerischen Weg vor, mache den Spielplan, kümmere mich um den Repertoirebetrieb und bin zuständig für Engagement und Besetzung des Ensembles. Unsere Wege kreuzen sich buchhalterisch einmal im Jahr, wenn wir den Geschäftsbericht unterschreiben.

profil: Es gibt wenig Kontakt im Alltag?
Hartmann: Natürlich waren wir permanent im Gespräch, und bei Zahlungen über 10.000 Euro mussten wir beide unterschreiben.

profil: Dann hätten Sie den kolportierten fünfstelligen Betrag, der auf das Privatkonto ging, doch mitunterschreiben müssen – und Sie wären dementsprechend haftbar.
Hartmann: Das hätte ich ganz bestimmt nicht getan. Und zu dieser Angelegenheit nehme ich, wie eingangs gesagt, keine Stellung.

profil: In einer profil vorliegenden parlamentarischen Anfrage des Grünen-Politikers Wolfgang Zinggl wird unter anderem die Offenlegung Ihrer Gagen für Inszenierungen, Wiederaufnahmen aus Bochum und Zürich und sonstiger Tantiemen gefordert. Warum gibt es darüber keine Informationen?
Hartmann: Ich stehe mit weitem Abstand unterhalb dessen, was meine Topregisseure verdienen. Die Gagen namhafter Kollegen sind weitaus höher als meine, das kann ich Ihnen versichern. Ich habe einen ganz normal dotierten Vertrag, der mit der Bundestheater-Holding abgesprochen wurde und sich in finanzieller Hinsicht mit dem meiner Kolleginnen in Hamburg und Zürich deckt.

profil: Was kostet die angeblich sehr teure Kinder- und Jugendtheaterschiene, die von Ihrer Schwester und Ihrem Schwager geleitet wird?
Hartmann: Die Geschäftsführerin dieses Hauses wird überprüft, und da stellen Sie mir diese Frage? Dabei wissen Sie doch schon von meiner Antrittspressekonferenz vor über fünf Jahren, dass ich bereits in meiner dritten Intendanz erfolgreich mit diesem Team zusammenarbeite. Die „Junge Burg“ macht eine wichtige Arbeit, das ist eine Investition in die Zukunft, damit wir unser Publikum sichern.

profil: Die „Junge Burg“ gab es vorher nicht. Womit wurden die Mehrkosten gedeckt? Hat das Burgtheater in den vergangenen Jahren mehr Geld ausgegeben, als es tatsächlich zur Verfügung hatte?
Hartmann: Als künstlerischer Direktor habe ich folgende Stellschrauben: Die Einnahmen habe ich stetig erhöht, das bitte ich zur Kenntnis zu nehmen. Ich habe bei den Personalausgaben im künstlerischen Bereich gespart. Was die Produktionskosten betrifft, verlasse ich mich auf jene Zahlen, die ich von meinem kaufmännischen Direktor bekommen habe. Laut diesen Zahlen sind meine Produktionskosten gleich hoch geblieben. Ich habe ja auch Verträge mit meinen Abonnenten, ich muss eine bestimmte Anzahl von Vorstellungen liefern. Deshalb mache ich jedes Jahr ein Reservestück, für den Fall, dass eine Produktion ausfällt.

profil: Sie produzieren ein zusätzliches Stück, weil Sie damit rechnen, dass es zu künstlerischen Ausfällen kommt?
Hartmann: Es wäre gefährlich, das nicht zu tun, denn sonst liefe ich Gefahr, bei den Abonnenten wortbrüchig zu werden.

profil: Sie haben Ihr Budget also tatsächlich nie überzogen, auch nicht im ersten Jahr, als es ein wahres Feuerwerk an Inszenierungen gab?
Hartmann: Was heißt: mein Budget? Es wurde von meinem kaufmännischen Direktor abgegeben und stets abgesegnet. Ich bin Künstler, ich muss mich darauf verlassen, was meine Kaufleute sagen.

profil: Woher kommt dann das kolportierte Defizit?
Hartmann: Es gab im Lauf der Zeit unterschiedliche Abschreibungsmethoden. Die jetzigen Wirtschaftsprüfer sind beispielsweise zu dem vernünftigen Schluss gekommen, dass sich Bühnenbilder nicht auf fünf Jahre abschreiben lassen, man hat sich auf drei Jahre geeinigt. Das ist, als hätten Sie 20.000 Euro Schulden bei der Bank und böten als Gegenwert einen Mini-Cooper im Wert von 20.000 Euro an. Damit schreibt man eine sogenannte schwarze Null.

profil: Das klingt nach prekären Zahlenspielen, denn an wen sollte man ein Bühnenbild im Notfall verkaufen?
Hartmann: Stimmt. Aber diese Art der Abschreibung hat uns reicher gerechnet, als wir eigentlich sind.

profil: Allein deswegen sind Defizite entstanden?
Hartmann: Es wurde noch einmal scharf gerechnet. Dann sah plötzlich alles anders aus. Im Moment ist diese Rechnerei noch nicht zu Ende. Das bedeutet, es könnte eine schöne Überraschung geben.

profil: Laut profil-Recherche handelt es sich um ein Defizit von zehn bis zwölf Millionen Euro. Wollen Sie dazu Stellung nehmen?
Hartmann: Bitte passen Sie auf, wenn Sie anfangen, mit unbestätigten Zahlen um sich zu werfen. Im Moment rechnen die Prüfer noch, insofern kann es gar keine Zahlen geben. Die von Ihnen genannten Summen kommen mir allerdings utopisch vor.

profil: Und Sie tragen dafür keine Verantwortung?
Hartmann: Ich war kein Freund der eben beschriebenen Praxis und habe das auch immer deutlich gesagt.

profil: Sie verfügen über einen gesponserten Dienstwagen und einen Chauffeur, der am Burgtheater angestellt ist. Ist es in Zeiten angespannter Budgets sinnvoll, diese feudale Tradition aufrechtzuerhalten?
Hartmann: In meinem Vertrag ist formuliert, dass mir ein Chauffeur zusteht, das war an der Burg immer so. Ich treffe ständig Regisseure, Künstler, Sponsoren. Ein freier Fahrer würde viel mehr kosten. Außerdem ist er ohnehin nicht nur für mich abgestellt, wir holen damit auch Künstler vom Flughafen ab und machen sonstige Fahrten fürs Haus.

profil: Ihr Kollege Robert Meyer, Direktor der Volksoper, hat von diesem Recht keinen Gebrauch gemacht. Er hat keinen Chauffeur und besteht darauf, die Treibstoffkosten selbst zu zahlen.
Hartmann: Dann macht Meyer das vielleicht besser als ich.

profil: Es heißt, Silvia Stantejsky habe, um Sie und das Burgtheater zu schützen, möglichst lange versucht, die Finanzen zurechtzubiegen, damit das Defizit nicht aufscheint.
Hartmann: Ich habe schon vor Längerem gesagt, dass dieses Theater unter den bestehenden finanziellen Bedingungen nicht arbeiten kann. Aber ich wollte diese Frage nie mit der Causa Stantejsky in Verbindung gebracht sehen. Diesen Zusammenhang haben die Medien hergestellt.

profil: Gibt es einen Plan B für den Fall, dass die Subventionen für die Burg nicht erhöht werden?
Hartmann: Kein Kinderstück mehr, kein Reservestück, keine experimentellen Projekte wie Jan Lauwers. Die Schließung von Spielstätten. Die Burg ist ein kranker Patient, der geheilt werden muss.

profil: Es gäbe auch andere Möglichkeiten: Sie könnten etwa weniger inszenieren und sich auf Ihre Kernkompetenz als Intendant konzentrieren.
Hartmann: Sehr freundlich! Ich bin Regisseur und wurde als solcher an die Burg geholt. Ich inszeniere zwei bis drei Produktionen im Jahr, das ist nicht mehr, als auch meine Intendantenkolleginnen Karin Beier oder Barbara Frey machen. Es kommt dem Theater günstiger, wenn ich selbst inszeniere.

profil: Stückaufträge haben sich diese beiden aber bislang nicht erteilt, während Sie demnächst mit „Der falsche Film“ Ihr erstes Stück vorlegen werden. Muss der Burg-Chef nun auch noch selber dichten?
Hartmann: Ich bin bei diesem Debüt als Autor dermaßen schüchtern gewesen, dass ich keine Sekunde lang über Geld nachgedacht habe. Da ist kein einziger Cent geflossen. Ich bin viel schamhafter, als Sie glauben.