Chris Magerl: „Ich bin älter und gelassener geworden“

Chris Magerl: „Ich bin älter und gelassener geworden“

Vor mehr als zehn Jahren tourte Chris Magerl mit „Sick of Silence" als erste österreichische Hardcore-Band durch Kanada. Nun legt der 35-jährige Grazer mit seinem Soloalbum „Places" eine persönliche Zwischenbilanz vor. Ein Gespräch über das Älterwerden, Tourpannen und was ihn nach 15 Jahren immer noch wütend macht.

Interview: Stephan Wabl

profil online: Deine Dreadlocks sind verschwunden. Was ist passiert?
Chris Magerl: Sie haben mich einfach genervt. Dreadlocks sind ja auch umständlich und gingen mir zum Beispiel beim Baden auf die Nerven. Ich hatte sie über zehn Jahre lang - in Blau, Rot, Grün, Blond. Aber dann habe ich mir gedacht, es ist genug, und sie vor rund drei Jahren abgeschnitten. Es fehlt natürlich ein bisschen etwas, denn die Dreadlocks waren schon ein Wiedererkennungsmerkmal. Aber ich fühl mich mit kurzen Haaren sehr wohl.

profil online: Dein neues Album „Places“ ist rockiger geworden als „A New Season“, deine Debüt-EP als Solomusiker. Außerdem hat sich die Veröffentlichung um zwei Jahre verzögert. Was waren die Gründe?
Magerl: „Places“ hätte eigentlich schon Ende 2011 erscheinen sollen, die Musik war eingespielt und die Promo schon in den Startlöchern. Ich habe dann allerdings Probleme mit meiner Stimme bekommen und konnte die Lyrics nicht einsingen. Das hat dann knapp ein Jahr gedauert, bis meine Stimme wieder stark genug war. Ich habe „Places“ mit Band eingespielt und wollte ein Album machen, das durchaus rockt. Ich sehe mich nicht als klassischen Singer/Songwriter, der nur alleine Musik macht und auftritt. Für mich ist das neue Album eine Art Mittelstück meiner bisherigen Arbeiten, angesiedelt zwischen den härteren Anfängen und den langsamen Nummern zu Beginn meiner Sololaufbahn.

profil online: Du meintest, „Places“ sei für dich eine Zwischenbilanz. Wie fällt diese aus?
Magerl: Eigentlich ganz gut. Einerseits bin ich zwar nicht dort, wohin ich wollte. Mein Ziel war es immer, von der Musik leben zu können. Als ich mit meiner Band „Sick of Silence“ vor 15 Jahren angefangen habe, ernsthaft Musik zu machen, war es mein Wunsch, dass Musik mein Hauptberuf wird. Dieses Ziel habe ich nicht erreicht. Auf der anderen Seite bin ich heute sehr zufrieden. Ich habe in all diesen Jahren sehr viel erlebt, war auf Tour in Kanada, England, Russland und Osteuropa und bin spannenden Menschen begegnet. Aber wohl am wichtigsten für mich ist, dass ich heute die Art von Musik spielen kann, die mir Freude macht. Ich mache mir selbst keinen Druck mehr und kann meine aktuelle Situation genießen.

profil online: „Sick of Silence“ war eine politische Hardcore-Band. Ein Genre, das nicht unbedingt dazu geeignet ist, um große Stadien zu füllen.
Magerl: Das stimmt natürlich. Aber ich war der Meinung, dass man den Durchbruch auch mit dieser Art von Musik schaffen kann. Meine Vorstellung war, Schritt für Schritt immer größere Konzerte zu spielen, in der Folge bessere Plattendeals zu bekommen und dadurch wiederum mehr Aufmerksamkeit auf die Band ziehen zu können. Diese Idee, auch wie so eine Band funktioniert, war natürlich naiv. Ich war damals Anfang Zwanzig und dachte, vier Freunde schreiben Musik, gehen durch dick und dünn und erobern – etwas überspitzt formuliert – die Welt. Tatsächlich waren die Jahre mit „Sick of Silence“ sehr chaotisch und schwierig. Einmal sind wir schon im Tourbus nach Deutschland gesessen, haben uns dann allerdings zerstritten, die Tour abgesagt und die Band aufgelöst. Wir haben uns danach zwar wieder zusammengerauft, aber 2003 war es dann endgültig vorbei.

profil online: Ab 2002 warst du dann mit „Once Tasted Life“ aktiv, einer Band, mit der du Poprock statt Hardcore gespielt hast. Der große Erfolg ist aber auch mit dieser Band nicht gelungen.
Magerl: Mit „Once Tasted Life“ war es im Vergleich zu „Sick of Silence“ eigentlich fast das Gegenteil. Wir hatten eine sehr genauen Plan, wie das nun ablaufen soll: größere Shows, besseres Plattenlabel, Booking Agentur, lukrativere Verträge. Dabei ist allerdings der Spaß verloren gegangen, wir waren zu verbissen, und die Band ist uns über den Kopf gewachsen. Ich habe in dieser Zeit auch das Musikbusiness erst so richtig kennengelernt, und gemerkt, wie viele Kompromisse man eingehen muss. Das fängt bei der Songauswahl an, geht über das Artwork, die Preisgestaltung und endet bei Promoaktionen, die mit der Musik eigentlich nichts mehr zu tun haben. Damit konnte ich mich nie richtig anfreunden. Diese Erfahrungen habe ich auch auf „Places“ mit dem Lied „Unique Selling Proposition“ verarbeitet.

profil online: „Places“ liegt ein Heft bei mit Tourgeschichten und weiteren Erlebnissen in den vergangenen zehn Jahren. Was war das einprägsamste Ereignis deines Tourlebens?
Magerl: Da gibt es unzählige Geschichten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber eine Tour durch das Baltikum mit „Sick of Silence“. Am Weg von Litauen nach Lettland ist unser Tourbus eingegangen, die Hälfte der Band hat das aber nicht interessiert, ist erst einmal in den Wald abgehauen und hat sich ein Fechtduell mit Ästen geliefert. Dann ist ein betrunkener Russe auf mich zugekommen und hat mich vollgequatscht. Gleichzeit fand in der Nähe eine Flugshow statt und die ganze Zeit sind Doppeldecker-Flugzeuge in Loopings am Himmel auf und abgeflogen. Da habe ich mir gedacht, dass wir hier nie wieder wegkommen. Wir wurden dann aber doch noch bis zur nächsten Stadt abgeschleppt, haben den Bus reparieren lassen, sind mit unserer Begleitband weitergefahren und dann bei der Rückfahrt wieder in unseren Bus umgestiegen.

profil online: Das britische Musikmagazin KERRANG! schrieb über „Sick of Silence“: „Possibly the most interesting thing in Austrian music right now.“ Das Onlineportal punknews.co.uk meinte über „Once Tasted Life“ schmeichelnd: „If they were living over here (...) and were touring incessantly they’d be huge.“ Klingt fast so, als ob euch jeweils kurz vor dem Ziel die Kraft ausgegangen ist.
Magerl: So sehe ich das nicht. Was sicher stimmt, ist, dass wir es mit unserer Musik in England leichter gehabt hätten. In England hatten wir immer gut besuchte Konzerte und positives Feedback. Die Musiklandschaft in England ist groß und vielschichtig genug, damit auch Bands wie „Sick of Silence“ oder „Once Tasted Life“ ein gutes Maß an Aufmerksamkeit bekommen können. Das ist in Österreich schwieriger. Denn für FM4 war unsere Musik meistens nicht progressiv genug - und dann bleibt nicht mehr viel übrig. Auf der anderen Seite haben wir in Österreich ebenfalls gutes Feedback und Airplay bekommen, die Bands waren zu diesem Zeitpunkt aber tatsächlich schon in Auflösung begriffen. Das erste Album von „Once Tasted Life“ zum Beispiel, „A Thousand Moments We Let Pass“, haben wir auf FM4 vorgestellt und ist auch gut angekommen. Die Band hat sich jedoch bald darauf aufgelöst.

profil online: Dieses Schicksal teilst du mit einigen Grazer Bands, wie „Red Lights Flash“ oder „Antimaniax“, die in den frühen 2000er-Jahren sehr aktiv waren, die neue Wertschätzung für österreichische Bands einige Jahre später aber nicht mehr wirklich miterlebt haben.
Magerl: Da ist natürlich etwas dran. Graz hatte ab dem Jahr 2000 einige sehr gute und umtriebige Bands. „Red Lights Flash“ zum Beispiel waren regelmäßig in Frankreich und England auf Tour und haben in großen Venues gespielt. Gute Gitarrenmusik mit einem Punkbackground aus Österreich kannte damals im Ausland kaum jemand und hatte auch keinen großen Stellenwert. Das hat sich in den letzten Jahren stark geändert. Wir haben damals sicherlich auch einige Türen aufgestoßen. Mittlerweile ist es bekannt, dass aus Österreich sehr gute Bands kommen. Diese Entwicklung ist natürlich sehr positiv, es ist aber nach wie vor sehr schwierig in Österreich von der Musik leben zu können.

profil online: Welche Rolle spielte in diesem Zusammenhang das Grazer Bandkollektiv „Conan City“ für dich?
Magerl: Eine sehr wichtige. Ich habe dort gelernt, wie viel man weiterbringen und bewegen kann, wenn man sich gegenseitig unterstützt. Am Höhepunkt waren rund zehn Bands dabei – darunter „Red Lights Flash“, „Antimaniax“, „Sick of Silence“, „Bounce the Ball“ oder „Pledge Alliance“ - und haben Konzerte organisiert, Promotion gemacht, sich gegenseitig unterstützt. Das war eine schöne Erfahrung. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, dass es umso schwieriger wird Entscheidungen zu treffen und Dinge umzusetzen, desto mehr Menschen involviert sind.

profil online: Zu diesem Zeitpunkt war die neue schwarz-blaue Regierung gerade wenige Monate im Amt. Die von dir genannten Bands galten alle als durchaus politisch. Spielte die damalige politische Situation eine Rolle bei der Gründung des Kollektivs?
Magerl: Nein, nicht wirklich. Es ging in erster Linie um Musik. Manche von uns waren natürliche bei Demos dabei, ich kann mich aber nicht erinnern, dass sich „Conan City“ als Kollektiv an solchen oder ähnlichen Veranstaltungen beteiligt hätte.

profil online: Liveshows sind heute wichtiger denn je und das Internet erleichtert die Arbeit. Glaubst du, dass es eure Bands von damals heute leichter hätten?
Magerl: Da bin ich skeptisch. Die Musik meiner alten Bands - und in gewisser Weise trifft das auch auf meine Soloarbeiten zu – spielt sich einfach zu sehr zwischen allen Stühlen ab. Sie war nie besonders hip, war und ist aber auch nicht auf das Punk- und Hardcore-Genre zu reduzieren. Heute ist es zwar dank Internet leichter, ein Publikum zu finden. Dafür ist der Livesektor stark umkämpft. Die erste Frage von Promotoren lautet: „Wie viele Leute bringst du?“. Und da weiß ich einfach, dass es Grenzen gibt – damals wie heute.

profil online: Du hast mit „Sick of Silence“ im April 2013 eine Reunionshow in Graz gespielt gespielt. Wie kam es dazu?
Magerl: Es hat im Zuge eines Festivals eine Anfrage gegeben, daraus ist dann aber nichts geworden. Später ist die Idee einer Reunion wieder aufgetaucht, und die 25 Jahrfeier des Explosivs in Graz erschien uns dann als guter Rahmen, nach zehn Jahren wieder gemeinsam auf die Bühne zu gehen. Wir haben uns aber sehr langsam an das Projekt herangewagt. Niemand wollte böse alte Geister wecken und wir haben uns darauf geeinigt, dass wir nur spielen, wenn es sich für alle Beteiligten gut anfühlt. Es gab also keinen Druck und alle hatten sich mit der Vergangenheit ausgesöhnt. Es war dann auch ein wirklich schöner Abend und es gibt Überlegungen, das zu wiederholen, obwohl diese Art von Musik mittlerweile körperlich sehr anstrengend ist.

profil online: Mit „Sick of Silence“ hast du laute Musik gemacht und wütende Texte gesungen. Was macht dich heute noch wütend?
Magerl: Sicherlich nicht mehr so viel wie damals, da ich älter und gelassener geworden bin. Was mich aber auch heute noch aufregt, sind Menschen, die über Dinge reden und schimpfen, von denen sie keine Ahnung haben. Ich lese regelmäßig Onlineforen von Tageszeitungen wie „Kleine Zeitung“ oder „derstandard.at“, da wird in den Kommentaren oft so viel Mist und Blödsinn geschrieben und behauptet, das regt mich richtig auf.

profil online: Vegetarismus war vor allem zu Beginn deiner Musiklaufbahn mit „Sick of Silence“ sehr wichtig für dich. 15 Jahre später ist das Thema im Mainstream angekommen. Wie erklärst du dir das?
Magerl: Vegetarismus ist halt einfach cool und trendy geworden. Zudem treten immer mehr Promis in der Öffentlichkeit für weniger Fleischkonsum ein. Da spielt natürlich auch ein gewisser Charity- und Trendfaktor eine Rolle. Aber die Entwicklung ist auf alle Fälle positiv, und ich bin auch froh darüber, dass ich heutzutage in fast jedem Supermarkt vegetarische Produkte bekomme.

profil online: Du meintest vor kurzem, mittlerweile sei dir manchmal schon die Fahrt zu einem Konzert nach Wien zu anstrengend. Wie gemütlich bist du in den letzten 15 Jahren geworden?
Magerl: Schon sehr gemütlich. Ich habe heute ein geregeltes Leben, meinen Job als Sozialarbeiter in einem Jugendzentrum, eine langjährige Beziehung und sogar einen Hund. Ich würde heute nicht mehr so einfach drei Wochen auf Tour durch Osteuropa gehen, allein deshalb schon, weil ich mir dafür Urlaub nehmen müsste. Ich fühle mich sehr wohl im Moment und zuhause, da stellt sich eine gewisse Gemütlichkeit automatisch ein. Früher hat sich alles um die Musik gedreht und ich hatte auch keine Räume, um Energie zu tanken. Das hat sich mittlerweile geändert - und darüber bin ich froh.

profil online: Hat sich deine politische Sicht auf die Welt mit steigender Gemütlichkeit ebenfalls verändert?
Magerl: In gewisser Weise bin ich pessimistischer geworden, da ich einfach gemerkt habe, wie schwierig es ist, etwas zu verändern. Auf der anderen Seite bin ich nach wie vor der Überzeugung, dass es wichtig ist, sich für etwa einzusetzen. Ich bin immer noch der Meinung, dass Musiker Verantwortung haben und Texte etwas auslösen können. Ich habe mich aber wegbewegt von den plakativen Slogans hin zu Geschichten über kleine Dinge, Menschen, denen ich begegne oder Erfahrungen in meinem Umfeld. Ich wünsche mir nach wie vor eine tolerante Gesellschaft, ein Verständnis dafür, dass die Probleme anderer auch mich etwas angehen, Respekt gegenüber Zuwanderern; ganz einfach eine reflektierte Sichtweise.

profil online: Bernhard Heinzlmaier, Mitbegründer des Wiener Instituts für Jugendkulturforschung, meinte kürzlich, ihm sei die Jugend zu angepasst und brauche einen „Schuss Anarchie“ und „Verpunkung“. Du arbeitest seit zehn Jahren in einem Jugendzentrum und hast deine Wurzeln im Punkrock: Teilst du seinen Befund?
Magerl: Das ist schwierig zu sagen. Ich arbeite in einem Jugendzentrum, in das sehr viele Jugendliche mit Migrationshintergrund kommen. Da geht es manchmal ganz schön wild zur Sache, da steckt auf alle Fälle ein „Schuss Anarchie“ drinnen. Prinzipiell habe ich den Eindruck, dass es der Politik nicht gelingt, eine Basis zu schaffen, um Menschen in diesem Land zusammenzubringen. Die Jugendlichen mit denen ich arbeite haben durchaus eine Skepsis gegenüber Autoritäten, aber es gibt auch sehr viel Aggressivität. Oft fehlen einfach die Möglichkeiten der Begegnung, die dann auch eine Integration – von allen Beteiligten – ermöglichen könnte.

profil online: Ein Lied auf „Places“ heißt „How the Story Ends“. Wie wird die Chris-Magerl-Story enden?
Magerl: Ich hoffe, dass ich dann ein glücklicher alter Mann bin, der viele gute Texte und Musik geschrieben haben wird.

Zur Person
Chris Magerl (35) lebt als Musiker und Sozialarbeiter in Graz. Mit seiner Band „Sick of Silence“ (1999-2003) tourte er als erste österreichische Hardcore-Band durch Kanada. Seine Nachfolgeformation „Once Tasted Life“ spielte bis zur Auflösung im Jahr 2009 zahlreiche Konzerte in England, Osteuropa und Russland. „Places“, seine zweite Veröffentlichung als Solokünstler, erschien am 24. Jänner auf Remedy/No Need for Flags Records.