Das Strafausmaß für die „Verletzung der Intimsphäre durch manipulierte Bildaufnahmen“ soll in Deutschland nach dem neuen Gesetzesentwurf bei zwei Jahren liegen, wobei nicht nur die Verbreitung, sondern auch schon die Herstellung von Deepfakes mit herabwürdigendem Content strafbar werden soll. So werde „eine Strafbarkeitslücke“, so Ministerin Hubig, geschlossen.
Hass-im-Netz-Bekämpfung per Gesetz
In Österreich wurde mit dem im Jahr 2021 beschlossenen „Hass-im-Netz-Bekämpfungsgesetz“ (einer Erweiterung des Cybermobbing-Gesetzes 2016) zwar ein wichtiger Schritt getan, der auch die Betreiber von Plattformen wie Facebook, TikTok oder YouTube in die Pflicht nimmt, indem diese innerhalb festgesetzter Fristen auf Beschwerden über Hasspostings und die Persönlichkeitsrechte verletzendes Fotomaterial reagieren müssen. Allerdings, so die Kritik der Juristin Pia Wendelin in ihrer 2025 erschienenen Studie „Rechtliche Bekämpfung digitaler Gewalt gegen Frauen und Mädchen“, würde der 2024 im EU-Parlament beschlossene „Digital Services Act“, der die gleiche Zielsetzung habe und über den nationalen Bestimmungen stehe, viele nationale Regelungen obsolet machen und die Behördenwege verlängern und verkomplizieren. Die österreichischen Grünen hatten schon im November eine gesetzliche Nachschärfung und Anpassung an die neuen Technologien gefordert.
Ähnlich wie im Fall der vielfach betäubten, vergewaltigten und im Netz zur Schau gestellten Gisèle Pelicot wird die Aufdeckung des digitalisierten Serienmissbrauchs der Collien Fernandes eine unschätzbare Beschleunigung beim Schutz von Opfern pornografischer Deepfake-Inhalte zur Folge haben.
Die Zahlen zeugen davon, dass dieses Phänomen längst raumgreifend in unserer Alltagskultur angekommen ist. Ein UN-Report aus dem Jahr 2023 erhob, dass 98 Prozent aller Online-Deepfake-Videos pornografisch und 99 Prozent der gezeigten Personen Frauen sind. Seit 2019 hat sich die Produktion solcher Deepfake-Videos um 550 Prozent gesteigert. Die Werkzeuge zur Herstellung solcher Videos sind in der Regel gratis abrufbar und verlangen keine große technische Expertise. Das Licht des Netzes erblickten Deepfakes 2017, als ein Nutzer verfälschte Aufnahmen von Hollywood-Stars sowie einen Deep-Learning-Algorithmus als Open-Source-Code zur freien Entnahme online stellte. Einen dramatischen Einblick in die Abgründe der „Manosphere“ lieferte der reichste Mann der Welt, Elon Musk, mit der Entwicklung seines KI-Bots Grok, mit dem problemlos auch sexualisierte KI-Bilder von Frauen und Kindern zu erstellen sind. Cyberstalking und installierte Überwachungs-Apps führen laut WAVE, einem europäischen, aus 180 NGOs bestehenden Frauennetzwerk, die Statistik zur Cybergewalt gegen Frauen an, gefolgt von Online-Belästigung und Hassreden; danach folgt schon der Missbrauch von nicht einvernehmlich erstellten intimen Bildern und Deepfakes.
Schamgefühl und präventive Resignation
Man muss davon ausgehen, dass mit Anzeigen von weniger prominenten Frauen als Fernandes, die mit ihrem Ex-Mann Christian Ulmen im deutschen Showbiz über ein Jahrzehnt lang eine hoch dotierte Fixgröße war, möglicherweise noch interesseloser umgegangen wird als mit deren damaliger Bitte um polizeiliche Hilfe im Jahr 2024. Was natürlich auch mit den mangelnden Ressourcen und technischen Defiziten angesichts der rasanten Entwicklungen im Cybercrime zu erklären ist, wie auch die auf Opferschutz und Gewalt gegen Frauen spezialisierte Anwältin Sonja Aziz im aktuellen profil-Podcast „No Bullshit“ erläutert. In Österreich wurden 2024 rund 100 Deepfake-Straftaten registriert, wobei die Dunkelziffer nicht zur Anzeige gebrachter Straftaten – sei es aus Schamgefühl oder präventiver Resignation – riesig sein dürfte.
Prominente Fälle wie die global kursierenden gefakten Pornovideos und Fotos von Popstar Taylor Swift oder den Schauspielerinnen Emma Watson und Scarlett Johansson sind nur die Spitze der digitalen Gewalt, wobei die Anonymität einen großen Anteil an der „toxischen Enthemmung“ der Täter hat. Und die Gefahr wird weiter wachsen: Schon sehr bald werden Deepfakes nicht mehr von echten Bildern, Filmen und Dokumenten zu unterscheiden sein.
„Was sind denn das für Männer, die solche Deepfakes erstellen?“, wollte die damals noch ahnungslose Collien Fernandes von der berühmten Gamerin und feministischen Aktivistin Pia Scholz wissen. Das Gespräch für die ZDF-Doku „Deepfake-Pornos – auf der Jagd nach den Tätern“ (2024), in der Fernandes gemeinsam mit den Journalistinnen Marie Bröckling und Birgit Tanner das grassierende Phänomen untersuchte, fand in einem neutralen Fabriksgelände statt. Denn Scholz ist nicht nur, wie ihre Gesprächspartnerin Fernandes, ein Opfer von digitalem Identitätsraub, indem ihr Gesicht auf fremde Körper montiert und in vor Frauenverachtung triefenden Pornos durch das Netz geschickt wurde, sondern musste nach der öffentlichen Bekanntgabe ihrer Adresse durch Cyber-Angreifer auch ihre Wohnung wechseln. Ihr offenes Eintreten für LGBTQ-Rechte und Feminismus hätte einen Verbleib an ihrer bekannt gewordenen Adresse gefährlich gemacht. In Telegram waren regelrechte Hassgruppen mit Tausenden Mitgliedern gegen die Gamerin gegründet worden.
Scholz, mit ihren 28 Jahren eine Internet-Veteranin, konnte einige ihrer Peiniger sogar orten. Einer sei ein alleinstehender Pensionist gewesen, der immer wieder auch Fotos von seinem Garten auf Facebook gepostet hatte. Auf die Frage, warum ein Täter sich diesem erbärmlichen Digital-Hobby verschrieben habe, antwortete dieser schlicht: „Neugier.“ Und versuchte gleichzeitig, Missbrauch, Machtillusion und Voyeurismus abzuschwächen, indem er verharmlosend ergänzte: „Herauszufinden, was man einstellen muss, um ein besseres Ergebnis zu erhalten, ist der eigentliche Reiz für mich. Man freut sich einfach, wenn man eine kleine Stellschraube gefunden hat, die alles noch einen Tick besser aussehen lässt.“
An den „Stellschrauben“ drehen
Zum damaligen Zeitpunkt, im Frühjahr 2024, hatte die heute 44-jährige Collien Fernandes offenbar noch keinerlei Verdacht gehegt, wer der oder die Menschen hinter den perfiden Aktionen und virtuellen Vergewaltigungen waren, denen sie im digitalen Raum seit vielen Jahren ausgesetzt war. Sie wollte ihren Leidensweg im Zuge der ZDF-Dokumentation an die Öffentlichkeit bringen, um die Aufmerksamkeit für das wachsende Phänomen, das im öffentlichen Bewusstsein und bei der Justiz noch nicht in seiner ganzen zerstörerischen Tragweite angekommen ist, zu wecken.
Im Lauf der Jahre hatten der oder die Täter hinter dem pornografischen Diffamierungs-Aktivismus gegen Fernandes auch erheblich an den technischen Stellschrauben gedreht: „besser“ aussehen lassen heißt in dem Fall glaubwürdiger und authentischer, täuschend echt eben. Was anfangs noch mit plumpem Face-Swapping, also dem digitalen Gesichtstransfer in jenes einer anderen Person, begann, wurde mit den Jahren wesentlich elaborierter. Die Konturen weniger verschwommen, die Hautfarben angepasst, Augen und Zähne schärfer modelliert, das Augenblinzeln verbessert.Mittels KI wurde auch Fernandes’ Stimme so manipuliert, dass viele Männer glaubten, mit ihr Telefonsex gehabt zu haben; Pornoclips wurden mit offensivem Sexting an Männer aus ihrem beruflichem Umfeld verschickt. Gipfel der Erbarmungslosigkeit: das Verschicken einer „erotischen Geschichte“, in der Fernandes von 21 Männern vergewaltigt wurde und dabei weinte und über ihre Angst und ihre Schmerzen klagte. Ein Akt, der so erbärmlich wie erbarmungslos ist und Rückschlüsse auf die Psyche des Täters zulässt. „Ich wage keine Ferndiagnose“, so die austro-amerikanische Psychotherapeutin und Narzissmusforscherin Alina Kastner, „aber ganz allgemein gesprochen würde ich hier einen von Unsicherheit geprägten Narzissten mit psychopathischen Zügen verorten, der mit diesen Abwertungen seinen Sadismus befriedigen muss.“Das Erscheinen der Fernandes-Ulmen-Story im „Spiegel“ setzte die deutsche Öffentlichkeit unter größeren Schock als jedes Kriegsgeschehen. Denn darin erklärte Fernandes, dass ihrer Meinung nach ihr Ex-Ehemann Christian Ulmen hinter den „digitalen Vergewaltigungen“ stehe. Er habe ihr dies zu Weihnachten 2024 auch gestanden. Ulmen hatte sich auf Anfrage des Magazins nicht zu den Vorwürfen geäußert, seine Anwälte drohten mit medienrechtlichen Klagen wegen „in großen Teilen unzulässiger Verdachtsberichterstattung“. Es gilt die Unschuldsvermutung. Das Paar, Eltern einer 13-jährigen Tochter, ist seit dem Februar 2026 offiziell geschieden.„Ist das eure Art, liebe Frauenhasser, damit umzugehen?“, fragte Collien Fernandes am Ende ihres aktuellen Instagram-Postings über die Morddrohungen gegen ihre Person. Und anschließend bat sie ihre Unterstützerinnen: „Seid bitte LAUT für mich!“