WC Schild in einem Club
Reportage

Bin gleich wieder da!

Wenn es einen Ort gibt, an dem feministische Solidarität wirklich kompromisslos gelebt wird, dann ist das wohl – die Frauentoilette. Was macht sie so anders? Oder ist sie das vielleicht gar nicht? Ein Lokalaugenschein in Wien.
Eva  Sager

Von Eva Sager

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Klos gehen immer. Besonders in Nachtclubs, und besonders bei Frauen. Wenn man etwas Geheimes zu besprechen hat: Klo. Wenn man vor ungewollten Avancen flüchten muss: Klo. Wenn man kurz fünf Minuten Handypause braucht: Klo. In Greta Gerwigs neuestem Film „Barbie“ gibt es „Barbieland“, bei uns, in der echten Welt, eben Frauentoiletten – zumindest fühlt es sich manchmal so an. Hier haben die Kens ebenfalls nichts zu sagen, es regiert der Feminismus. Aber ist das überhaupt noch zeitgemäß? Denken wir noch derart binär? Machen wir aus dem Damenklo vielleicht mehr, als es ist? Und was passiert da überhaupt? Eine Reportage über den alltäglichsten Ort der Welt, an dem vieles gar nicht so alltäglich ist; von drei Orten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Die Einführung: Schweden Espresso

Das Schweden Espresso ist ein bisschen wie Las Vegas, wenn Las Vegas eine Landtankstelle am Wiener Schwedenplatz wäre und wir noch 1990 hätten. Hier trifft Shabby Chic auf urigen Postbus-Flair, vereint mit einem Hauch von Weihnachtsmarkt, Raststation und Therme Tropicana – und aus unerfindlichen Gründen passt das alles perfekt zusammen. Hinter der Bar brennt ein strenges blaues LED-Licht, an der roten Wand, ganz hinten im Lokal, steht ein Cola-Automat voller Bier, Radler und Red Bull, und die Bänke in den Sitznischen haben einen ähnlichen Überzug wie alte ÖBB-Regionalzüge. In Sachen Dekoration folgt das Schweden Espresso stringent dem Motto: Mehr ist mehr.

Im Licht der orangenen Deckenleuchten und dem Sog der monotonen Gesprächsfetzen, zwischen „Total Eclipse of the Heart“ von Bonnie Tyler und DJ Ötzis „7 Sünden“, merkt man schnell: Hier trifft die Gesellschaft aufeinander, hier findet man die Welt im Kleinen. Alle sind da: Geschäftsfrauen, aufgewühlte Rapid-Fans, Kunst-Studenten, Bauarbeiter, Pensionistinnen. Im Schweden Espresso darf sich jeder einen reinstellen, hier sind alle wer und gleichzeitig niemand – eine selten gewordene Stimmung. Die Toiletten sind videoüberwacht. Zumindest lässt das die Kamera, die über der Tür hängt, vermuten. Beige Fliesen, fast alle mit schwarzem Edding bemalt, eine Herren- und eine Damentoilette, ein gemeinsames Waschbecken, alles eng und lang gezogen. Auf der Seite stehen zwei weiße Kühlschränke, drei gestapelte Bierkisten – wenn viel los ist, muss man sich wie an einer Schnur aufgefädelt neben ihnen aufstellen. „Are you waiting?“ „Yes, but somebody is inside.“

Man wird hier Zeugin eines gesamtgesellschaftlichen Problems. Die belgische Universität Gent hat es in Zahlen gegossen: Frauen müssen vor Toiletten im Schnitt sechs Minuten warten, Männer nur elf Sekunden. Urinale brauchen weniger Platz, dementsprechend haben Herrenklos höhere Kapazitäten. Das Ding im Schweden Espresso ist nun: Dieses „Barbie-World“-Gefühl, dieses Einander-Sagen, dass man gut aussieht, dass der Typ einen nicht verdient hat, gemeinsam betrunken heulen, weil die Welt ungerecht und hart ist, sich anschließend gegenseitig aufbauen und vor Selbstbewusstsein strotzend zurück ins Lokal torkeln, findet nicht statt. Vielleicht, weil es hier eben buchstäblich keinen Raum dafür gibt. Weil es dafür einen abgetrennten Ort braucht, einen, wo man das Gefühl hat, die Gesellschaft sitzt einem nicht so im Nacken. Sei’s drum: nächste Station.

Der Wendepunkt: Locobar

In der Billig-Cocktail-Bar Loco am Wiener Gürtel ist das Publikum vergleichsweise jung – so jung, dass man den meisten Gästen von Weitem schon ansehen kann, dass sie sich irgendwie schämen – und zwar irgendwie für so ziemlich alles, so wie es dem Naturell von Jugendlichen eben entspricht. In der Luft hängt ein penetranter Geruch von Wodka-Red-Bull, Schweiß und Axe-Bodyspray. Alles klebt, und wenn es nicht klebt, sieht es aus, als würde es kleben. Die Getränke haben knallbunte Farben, schmecken kaum nach Alkohol. Der „Loco Moon“ zum Beispiel ist so türkis wie einst die Österreichische Volkspartei, und beim Strawberry Daiquiri muss man alle Warnsignale des Körpers ignorieren, um die neonrote Flüssigkeit runterkippen zu können. Es spielt „Despacito“, den Justin-Bieber-Remix, die LEDs leuchten grell, zwischen Bar und DJ-Pult wird zaghaft getanzt, während aus den Toiletten der unverkennbare Geruch von Erbrochenem wabert.

„Klogeschichten hat sicher jede. Wenn man sich vor creepy Typen verstecken muss, zum Beispiel. Da kenne ich genug Mädels.“

Aus dem Frauenklo hört man Gekicher. Hier gehen fast alle zu zweit in eine der drei Kabinen – manchmal sogar zu dritt. In einer hat jemand „Girl Power“ auf die Tür gekritzelt, in der anderen prangt plakativ eine „We Can Do It!“-Zeichnung an der Wand. Ob die hiesigen Klogängerinnen schon einmal die feministische Solidarität der Frauentoilette verspürt haben? „Ja, sicher. Immer beim Mensafest, das darfst in den Artikel sogar reinschreiben!“ Eine andere, sie feiert heute den Junggesellinnen-Abschied einer Freundin, erzählt: „Klogeschichten hat sicher jede. Wenn man sich vor creepy Typen verstecken muss, zum Beispiel. Da kenne ich genug Mädels.“

Szenenwechsel. Bei „Universo Diverso*“ versucht man genau das zu verhindern – also die „creepy Typen“. Das Kollektiv organisiert seit 2022 drei bis vier Mal im Jahr FLINTA*-only-Events, so nennt man Veranstaltungen, die sich an Frauen, Lesben, Inter-, Non-Binary-, Trans- und A-gender-Personen richten. Zusammengefasst: eingeladen sind alle, die keine „Cis-Männer“ sind – also Personen, denen man das männliche Geschlecht bei ihrer Geburt zugewiesen hat und die sich auch als Männer identifizieren. Die Projektidee des Kulturvereins sei spontan entstanden, erklären die Mitglieder: „Wir kamen ins Gespräch, wie FLINTA*s in der Clubszene unterrepräsentiert sind, und auch, dass das Nachtleben keinen ‚sicheren‘ Ort darstellt. Das Privileg, sich unbeschwert in diesen Räumen zu bewegen und sich beim Feiern gehen zu lassen, ist den meisten Cis-Männern vorbehalten und ihnen oft gar nicht bewusst“, so „Universo Diverso*“. Nun seien die Events des Kollektivs nicht automatisch frei von struktureller Diskriminierung. Aber man würde versuchen, dieser entgegenzuwirken. Und so schließt sich der Kreis zum Klo. „Da auf unseren Events keine Cis-Männer anwesend sind, brauchen Toiletten nicht die Funktion eines ‚Schutzraums‘, sondern können ihrer eigentlichen Funktion dienen. Wir glauben allerdings schon, dass Toiletten auch auf unseren Events als Rückzugsort genutzt werden, um sich dem Getümmel kurz zu entziehen oder eine Tür hinter sich abschließen zu können, aber eben nicht, um sich vor übergriffigem, patriarchalem Verhalten schützen zu müssen.“

Wichtig ist „Universo Diverso*“ noch anzufügen, dass Frauentoiletten, als Orte, an denen man Hilfe suche und Solidarität erfahre, oft nur „weiblich gelesenen“ Personen offenstehe. Ein Gründungsmitglied des Vereins erzählt: „Aus eigener Erfahrung als nicht-binäre Person, die bei kurzer Betrachtung sehr oft ‚maskulin‘ gelesen wird, stellen Toiletten weder Rückzugs- noch Schutzraum dar. Es kommt vermehrt vor, dass mir der Zugang verweigert wird oder ich ‚gebeten‘ werde, die Toiletten zu verlassen, weil es ja ‚Frauen‘-Toiletten sind.“

Der Höhepunkt: Club U

Zu guter Letzt: Club U. Der liegt direkt bei der U-Bahn-Station Karlsplatz und sieht ein bisschen so aus wie das Schmetterlingshaus im Burggarten: grüne, abgerundete Bögen, vergoldete Dekorationen, grün-weiße Fließen – Fortgehen wie zu Kaisers Zeiten (wenn der Kaiser „woke“ gewesen wäre). Kurz vor Mitternacht wummert im unteren der zwei Stöcke Taylor Swifts „Cruel Summer“, im oberen sitzen Menschen entspannt unter weißen Sonnenschirmen und rauchen.

Auf der Frauentoilette ist erstaunlich wenig los. Die Tür steht weit offen; die wenigen, die warten, nicken einander wohlwollend zu. Eine Gruppe von Britinnen hat sich vor dem grauen Waschbecken versammelt; eine von ihnen lehnt erschöpft an dem kleinen Holztisch, der aus der Wand ragt; sie diskutieren, ob sie noch bleiben wollen. Der grüne Boden und die orangenen Heizkörper um sie herum strahlen derartig kräftig, dass man das Gefühl hat, die Frauen würden ihre Planungskonferenz in einem riesigen Twinni abhalten. Keine 15 Minuten später erzählt eine Studentin, für sie seien Frauenklos vor allem wichtig, wenn sie keine Lust auf „übergriffige Männer“ habe. „Gerade mit so 15, 16. Da hat man sich immer gewarnt: ‚Pass vor dem auf.‘ Da war das Klo schon ein Rückzugsort“, sagt sie. Es ist heute nicht das erste Mal, dass eine Frau das sagt. Tatsächlich war es den gesamten Abend über fast immer das Erste, was sie sagten.

Flora Löffelmann vom Institut für Philosophie der Universität Wien und der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung erklärt: „Man muss als Erstes die Frage stellen: Was für Orte sind Clubs eigentlich? Für wen sind sie intendiert, welche Regeln und Normen gelten da? Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft. Und diese patriarchalen Normen spiegeln sich natürlich auch dort wider. Aus einer praktischen Sicht ist es sicher wichtig, dass Rückzugsräume wie Frauenklos existieren – aber es ist nur ein Symptom dieses Systems, dass wir sie als Schutzräume erleben müssen.“

"Im Moment fühlen sich viele dazu gezwungen, sich in die Unsichtbarkeit des Frauenklos zu begeben, um ‚auszuharren‘, wenn Männer sie verfolgen oder belästigen."

Frauenklos wären so gesehen nur eine Behelfsmaßnahme, die kein Bewusstsein für das eigentliche Problem schafft: patriarchales Verhalten. Löffelmann sagt: „Ich bin ganz stark dafür, dass es in Clubs Awareness-Teams gibt, also Personen, zu denen man hingehen kann, wenn man Hilfe braucht. Am besten auch Awareness-Räume, in denen marginalisierte Gruppen Gehör finden. Im Moment fühlen sich viele dazu gezwungen, sich in die Unsichtbarkeit des Frauenklos zu begeben, um ‚auszuharren‘, wenn Männer sie verfolgen oder belästigen.“

Um 2:24 Uhr stehen im Frauenklo des Club U drei Männer und eine Frau. Sie teilen sich eine Kabine. In der Schlange hinter ihnen stört das niemanden, zumindest lässt sich das vermuten, schließlich starren alle weiterhin stur in ihr Handy und werfen sich hin und wieder kleine Komplimente zu. „Dein Outfit ist cute!“ Wahrscheinlich ist das Frauenklo wirklich nichts Besonderes. Und gleichzeitig irgendwie doch (ein bisschen). Das muss diese Ambivalenz sein, von der immer alle sprechen. Ein Ort, an dem alles anders ist und trotzdem genau so, wie überall sonst. An dem sich Dinge umkehren, weil sie draußen gleich bleiben. Klos gehen immer.

Eva  Sager

Eva Sager

schreibt über Gesellschaft und Gegenwart.