Beide zählen zum „Happy Bär“-Stammpersonal, sind eigentlich täglich da, außer montags, da hat das Restaurant geschlossen. Im Sommer zieht Ruth für drei bis vier Monate in ihren Camping-Wagen in Ungarn, und Martin macht hier in Wien ein bisschen größere Runden, zum Strandcafé an der Alten Donau etwa: „Da fahr ich mit dem Roller hin auf ein oder zwei Budweiser und ein bisschen Blabla.“ Aber heute, Ende März, Mittwochnachmittag, sitzt er hier, „beim Joe. Geh, Joe?“
Glück ist eine offene Tür, hinter der es durchgehend warme Küche gibt, und, vielleicht noch wichtiger: kalte Getränke.
Der „Happy Bär“ im Klinkan-Hof existiert seit 1996, im Februar hat man 30-jähriges Bestehen gefeiert. Der Joe, von dem Martin gesprochen hat, buchstabiert sich eigentlich Zhou, und das ist sein Familienname. Qi Zhou stammt aus der Provinz Fujian, südlich von Shanghai, er kam mit 18 Jahren nach Österreich und hat den „Happy Bär“ von seinem Vater übernommen, als dieser vor acht Jahren in Pension gegangen ist. Ein Hauch von Unerschütterlichkeit umgibt den 52-Jährigen, der mit einem verständnisvollen Lächeln auch den größten Blödsinn quittiert.
Das Lokal ist ein klassischer Familienbetrieb, „wir machen alles zu zweit, meine Frau Lin und ich. Und die Kunden sind alles Stammgäste. Alle auch sehr alt. Fast wie im Pensionistenheim“, sagt Qi Zhou und strahlt. Sein ältester Stammgast sei 95 Jahre alt, noch älter war nur der Herr Willi, aber der ist vor zwei Jahren mit 96 gestorben.
Die Einrichtung des Restaurants „Happy Bär“ wirkt zweckdienlich und ist großteils in Praktisch-Braun gehalten. Fliesenboden, Winkekatze, Rollatorparkplatz. In einer Ecke stapeln sich hinter einem Perlenvorhang Bierkisten. Die Leute sind ja schließlich nicht nur zum Essen da, und die Bierpreise hält Herr Zhou bewusst – und mit vereinter familiärer Arbeitskraft – vorinflationär. Das Mittagsmenü kostet knapp über zehn Euro, es gibt austrochinesische Klassiker und ein paar „Spezialitäten des Hauses“ („Spezial-Huhn“) sowie eine kleine Auswahl an „österreichischen Speisen“, sprich Frittatensuppe, Schnitzel, Cordon, das ist Herr Zhou seinen Stammgästen schuldig.
Rauchen verboten, Hunde erlaubt
Menschen kommen, um ihr Mittagessen to go abzuholen, andere setzen sich mit der Tschick in den Gastgarten, Postler Robert bringt Gratiszeitungen, man grüßt einander per „Seeervas“. Das Radio läuft, Herr Zhou poliert Töpfe.
Rauchen ist im „Happy Bär“, wie mehrere laminierte Hinweiszettel betonen, seit dem 1. November 2019 verboten, Hunde sind dagegen erlaubt und auch erstaunlich zahlreich vorhanden, Ruths schwarzer Labrador Leo hängt seine Schnauze in jede Hand, die er erwischen kann, während sich die Hundehalter von Tisch zu Tisch erzählen, wie viele Pulverl sie selbst und ihre Tiere so tagtäglich zu sich nehmen müssen. Offenbar sind keine Wechselwirkungen mit Mittagsbieren bekannt.
Das Essen sei im „Happy Bär“ übrigens hervorragend, attestiert Martin, „der Joe“ auch flexibel, wenn eine Kundschaft etwas nicht verträgt, „dann lässt er das einfach weg, kein Problem“. Leider verträgt Martin wegen einer Krebserkrankung kaum noch was, er muss strenge Diätvorschriften einhalten und kocht deshalb meistens selber. „Die Frühlingsrollen gehen, aber das ist eigentlich das Einzige.“ Spritzer geht aber auch, dazu serviert Martin Geschichten von früher, als hier noch kein Chinarestaurant war, sondern ein Greißler.
Seine Ex-Frau Sabine sei damals gern beim Einkaufsgespräch picken geblieben. „Der hat ja alles gewusst: wer gestorben ist, wer eingezogen ist, wer einen Wickel gehabt hat. Wie ein Bezirksblattl war der.“ Die Gegend habe sich in den vergangenen 20, 30 Jahren schon deutlich verändert, tendenziell zum Schlechteren, meint Martin. Man kenne heute kaum noch einen Nachbarn, das Sozialleben im Gemeindebau liege brach, „das hat sich aufgehört“. Seine Gemeinschaft muss man sich heute anderswo suchen. Auch dafür gibt es, zum Glück, den „Happy Bär“.
Links beim Bierlager-Alkoven macht sich ein älteres Ehepaar auf den Heimweg, beide schick gekleidet, in Anzug und Perlenkette. „Die gehen immer nach dem Friseur hierher“, erklärt Ruth. Das Leben im Chinarestaurant verläuft in gewohnten Bahnen, das hat wohl auch etwas Therapeutisches.
Die Stammgäste haben ihre Stammzeiten, ihre Routinen. Da gibt es die, die immer mittwochs kommen und zu zweit ein Menü essen, da sind „die mit dem Salat“ oder „die mit dem Rotwein“ oder dieser eine legendäre Langzeitarbeitslose, der im „Happy Bär“ 17 Bier getrunken hat. Am Tag. Jeden Tag. „Aber der ist jetzt aufs Land gezogen.“
Ruths Mann ist 2024 gestorben, Martin ist „glücklich geschieden“. Wobei, das stimmt nicht wirklich. Eigentlich stimmt es überhaupt nicht, denn: „Glücklich bin ich ganz und gar nicht. Dafür ist in den letzten drei Jahren zu viel passiert.“ Martin hat seinen Job verloren, Schulden bei der Bank und Krieg mit der Ex. „Alle haben mich vor ihr gewarnt. Aber ich hab’s nicht hören wollen, ich Trottel. Jetzt falle ich ins Bodenlose, und zwar ohne Rettungsschirm.“
Martin könnte sehr lang von seinem Unglück erzählen, von seinem schlechten Händchen für Frauen, er kann es selbst kaum fassen. „Das klingt wie aus einem schlechten Film, aber für mich ist es ein schlechter Film.“ Und zwar einer mit Überlänge, auch darum geht er täglich (außer montags) zum „Happy Bär“. Zu Hause ist das Leben nicht immer einfach auszuhalten.
Ruth kann das nachvollziehen: „Daheim fällt dir die Decke auf den Kopf.“ Würde sie sich denn, alles in allem, als glücklich bezeichnen? „Glücklich würde ich nicht sagen. Aber sorgenfrei.“ Und gab es denn, vor seinem Fall ins Bodenlose, auch glückliche Zeiten im Leben des Martin? Er muss länger überlegen. „Mit der Sabine habe ich eine gute Zeit gehabt.“ Das war seine zweite Ehefrau, jene, die gern beim Greißler getratscht hat. „Aber das habe ich verbockt.“
Wie die Zeit vergeht
Martin versinkt in seinem Spritzer, Qi Zhou muss wieder in die Küche. Einen Moment noch – wie kam das „Happy Bär“ eigentlich zu seinem Namen? „Bevor wir übernommen haben, hat es ‚Panda Bär‘ geheißen. Wir wollten es anders nennen. Aber nicht zu anders, sonst verschwinden die Stammgäste. Also ‚Happy Bär‘.“ Qi Zhou wird wahrscheinlich der letzte Chinarestaurantbetreiber seiner Familie hier an der Donaustadtstraße sein. Er rechnet nicht damit, dass seine zwei Töchter den Betrieb einmal übernehmen. Die Ältere studiert an der WU, die Jüngere ist noch am Gymnasium. Genau 14 Jahre hat er noch bis zur Pension, aber wenn er eines gelernt hat von seinen Stammgästen, dann das: „Die Zeit vergeht“, sagt Herr Zhou. Es klingt ein bisschen wie: Die Zeit vergibt.