Fassade des Restaurants "Happy Bär" in Wien Donaustadt
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Das Leben, süß-sauer: Ein Nachmittag im Chinarestaurant „Happy Bär“

Wien-Donaustadt, beim Mittagsbier: Wie geht es den Leuten hier?

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Es spricht nicht viel dagegen, den lieben Gott um Trost, Rat oder andere dringende Gefälligkeiten zu bitten. Sorgen muss man sich erst machen, wenn er einem antwortet. Die Glückskatze im Restaurant „Happy Bär“ winkt zum Glück nur stumm vor sich hin, die Stimmen, die man hier zu hören bekommt, gehören Martin und Ruth, und bei beiden handelt es sich um sehr leibhaftige Wesen aus Wien-Donaustadt.

Sie sitzen am Stammtisch des Chinarestaurants „Happy Bär“, vom Eingang aus gleich rechter Hand, mit unverbautem Panoramablick auf die Raucher im Schanigarten und die Arminenstraße, die eher Gasse ist als Boulevard. Dafür rauscht ums Eck die Donaustadtstraße, eine vierspurige Chaussee, die Kaisermühlen von Kagran trennt und dann in Richtung Stadlau verläuft. 

An ihren Rändern zeigt sich Wien von seiner Flächenbezirksseite: Kleingartenhäuser zwischen Gemeindebaublöcken, Parkplätze rund um Supermärkte. Das wuchernde Donauzentrum dominiert die Gegend, die Ladenzeile im Erdgeschoss des Alfred-Klinkan-Hofs hängt ein bisschen in den Seilen, neben dem „Happy Bär“ fristet ein Frisiersalon sein Dasein.

„Man sitzt hier schon ein bissl in der Auslage“, bemerkt Ruth, aber sie will nicht klagen, die Scheibe zur Arminenstraße ist ein Fenster zur Welt, hinter dem man seine Ruhe haben kann, aber die Einsamkeit trotzdem nicht allzu sehr spürt. Ruth wohnt im Bundesländerhof auf der anderen Seite der Donaustadtstraße, einer städtischen Plattenbausiedlung aus den 1960er-Jahren, Martin gleich hier im Alfred-Klinkan-Hof, der 1975 eröffnet wurde. 

Ruth ist 67, Martin 58 Jahre alt, er trinkt Spritzer, sie Bier, beide leben seit Ewigkeiten hier. Ruth war früher Pflegeassistentin in der Heimkrankenpflege, ein harter Job, „drei Bandscheibenvorfälle, das sagt alles“. Momentan lässt sie der Rücken einigermaßen in Ruhe, allerdings ist sie beim letzten Glatteis gestürzt, ein Muskel ist mindestens beleidigt, „in meinem Alter macht man halt keinen Spagat mehr“. Martin war früher Notfallsanitäter bei der Wiener Berufsrettung, aktuell bezieht er Reha-Geld.

Sebastian Hofer

Sebastian Hofer

schreibt seit 2002 im profil über Gesellschaft und Popkultur. Ist seit 2020 Textchef und seit 2025 stellvertretender Chefredakteur dieses Magazins.