Frustration im Dating-Dschungel: Schmetterlinge im Sturzflug
Vierzig zu werden war natürlich auch eine Krise, aber gleichzeitig eine Befreiung. Viel Rückblick-Gegrübel, vorsichtige Blicke in die Zukunft. Man reflektiert, ob dieses Leben auch das ist, das man in den nächsten 20 Jahren führen will. Denn das sind möglicherweise die letzten guten Jahre, ehe man dann echt alt wird. Fazit also: Alles, was man vorhat, sollte nicht zu lange aufgeschoben werden. Wie so viele fand ich: Eigentlich gab es bis dato keine Beschwerden, alles eh super, aber das Leben muss doch noch etwas für mich parathaben. Die großen Themen sind erledigt: Haus gebaut, Kind gekriegt, Job auf solide Beine gestellt. Aber es ist ein bisschen eintönig geworden. Man trennte sich in Freundschaft. Willkommen am Frischfleischmarkt, zweiter Frühling, ich bin bereit.
Ich bin an die Sache naiv herangegangen. Dachte mir, ganz dämlich bin ich nicht, ganz passable Optik, bin selbstständig und auch freiheitsliebend. Ich bin also nicht needy, nicht eifersüchtig, klammere nicht. Klingt doch wie der Traum für jeden Mann? Wer will mich also?
App herunterladen, Profil erstellen, schauen wir einmal. Die Ernüchterung kam schnell, das konnte man sich trotz viel Alkohol nicht schöntrinken. Das erste Date war mit Abstand das Schlimmste: Der Typ redete drei Stunden ausschließlich von sich selbst, chronologisch beginnend bei seiner Geburt. Zwischenfragen waren nicht gestattet – dafür bemerkte er irgendwann: „Du trinkst aber schon schnell.“
Als ich ihm unwirsch sagte, dass ich hier ja sonst keine Aufgabe hätte, lachte er – und monologisierte völlig ungerührt weiter. Irgendwann schaffte ich es, mich loszueisen. Am nächsten Tag schreibt er mir, dass es so super mit mir war, er meinen Witz schätze (es war lächerlich, aber nicht zum Lachen) und ob wir uns wiedersehen. Dude, warst du im selben Termin wie ich?
Leises Schnarchen im Nebenzimmer
Nummer zwei darf beim zweiten Date mit in meine Wohnung. Aufregend, ich bin ja komplett aus der Übung nach so vielen Jahren in exklusiver Monogamie. Wir kuscheln, schauen uns einen Film an und schmusen ein wenig. Alles ganz nett. Irgendwann wache ich auf der Couch auf, der Mann ist weg. Ich höre ein leises Schnarchen aus meinem Schlafzimmer.
Hat sich mein Date doch einfach in mein Bett gelegt. Auf meine Seite. Ich tippe ihn an und frage, warum er mich nicht mitgenommen hat. Flippt der doch tatsächlich komplett aus. Schlaf sei ihm heilig, warum ich ihn geweckt habe. Der wirklich gut aussehende Psycho zieht sich fluchend an und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.
Ich swipe dennoch weiter und stelle fest: Die meisten Menschen sind einfach echt fad und im Gegensatz zu mir gar nicht auf Weltentdeckertrip. Warum wollen alle nur bouldern, ruhige Sonntage genießen und auch „urgern“ kochen? Bin ich in der Pension oder was? Dann gibt’s die Abenteurer: Erkennt man daran, dass sie sich vornehmlich oben ohne mit Surfbrett oder Skateboard fotografieren lassen. Ordentlich viele Buben, die offenbar nie zu Männern geworden sind.
Swipe nach links, ich brauche einen Erwachsenen. Duckface-Schnütchen machen Männer übrigens genauso oft wie Frauen – Leute, lasst das. Viele Konversationen enden nach den ersten drei Chats. Als „Opener“ habe ich folgende Frage eingestellt: „Was wärst du, wenn du ein Lebensmittel wärst?“ Offenbar ein Fehler. Ich bekomme total gewitzte Antworten wie: „Schokolade, ich bin süß.“ Oder „Find’s selbst raus, leck mich ab.“ Oder: „Ich hoffe, du bist ein Schnitzerl, weil ich will dich klopfen.“ Ich frage mich ja: Funktioniert das manchmal wirklich? Findet das irgendwer originell oder heiß und ruft dann: „Oh ja, nimm mich bitte?“
Je mehr man swipt, desto abgestumpfter wird man. Desto mehr sinkt das Interesse generell an anderen Menschen. Ich will aber nicht in diese emotionale Schutt-Zone. Also weg mit dem Handy, nur manchmal gezielt schauen. Ich verordne mir die Regel, nicht mehr als zehn Vorschläge auf einmal anzusehen. Ich finde das alles zunehmend ermüdend, aber ich denke mir: Gut, scheitern gehört dazu, doch statistisch gesehen muss doch irgendwann auch was Vernünftiges dabei sein.
Ich werde wählerisch. Der eine, der mir wirklich gefällt: gebildet, gut aussehend, aber leider psychisch lädiert. Diese rote Flagge sehe ich jedoch erst mit Verzögerung. Er redet die ganze Zeit von seiner Ex, die ihn verlassen hat. Er erklärt mir, dass seine „zarte Seele nur irrsinnig schwer zugänglich“ sei. Ich nehme die Herausforderung an. Und die Bauchlandung hin. Am Ende landet er dann doch wieder bei russischen Models.
Nach zwei oder drei weiteren öden Dates, die ich so schnell wie möglich wieder verlassen habe, kommt der Diplomat, den ich richtig süß finde.