Eine andere Bumble-Veteranin, Mitte 30, ist inzwischen den Exodus angetreten, weil ihre Frustrationserlebnisse sich zu sehr angehäuft haben: „Die Generation „Vielleicht” oder „Schauen wir einmal” dominiert bei den Typen. Du schreibst zig Mal hin und her, dann wird endlich ein Treffen vereinbart, das aber dann in letzter Minute aus nebulosen Gründen doch noch abgesagt wird. Als ob sie vor der Realität Angst haben...”
Eine Angst, die auch ihre Berechtigung hat. Denn weibliche Millenials und Gen-Z-Repräsentantinnen haben ein weitaus höheres Selbst- und Unabhängigkeitsbewusstsein als die vorangegangenen Generationen. „Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann leisten kann”, konstatierte der Ökonom Karl Marx einst. Für Frauen scheint diese Form von Luxus inzwischen, zumindest ab der Mittelschicht, wesentlich leichter zugänglich zu sein. Früher gehörte eine Paarbeziehung in einem Frauenleben zum Nervenzentrum einer gelungenen Existenz. Diese Notwendigkeit hat deutlich an Attraktivität verloren.
„Einen Freund zu haben, fühlt sich inzwischen echt „republican” an, ” konstatiert die New Yorker Influencerin Halley auf ihrem Beziehungs-Podcast „Delusional Diaries”, und ihre Partnerin Jaz bestätigt: „Ja, die Zeiten, wo die Aura einer Frau sich über ihren Beziehungsstatus definiert hat, sind definitiv vorbei. Die Jungs können gerne zurück kommen, wenn sie wissen, wie sie sich zu benehmen haben. ”
In einem Essay zum dem Thema mit dem Titel „Ist es peinlich, einen Boyfriend zu haben?” in der US-Vogue konstatiert die Autorin, dass die Sicherheit verlässlicher Freundschafts-Netzwerke unter jungen, gebildeten Frauen den Beziehungswunsch inzwischen dominieren.
Das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist”, bekanntlich eine verlässliche Adresse für Fakten-Akribie, spricht in einer kürzlichen Ausgabe sogar von einer „Relationship-Rezession in der reichen Welt”, verglichen mit dem Erhebungszeitraum 2017 seien das „100 Millionen mehr Singles“ in absoluten Zahlen weltweit. Dominierende Begründung: „Coole, ehrgeizige Frauen sind weitaus wählerischer und ziehen sich auch schneller aus nicht funktionierenden Beziehungen zurück.” Das „New York Magazine” titelte kürzlich mit dem erhobe nen Mittelfinger einer Frauenhand: „Single-Frauen sind die politische Macht, auf die es in Zukunft ankommt.”
Als Konsequenz frisst sich gegenwärtig ein neuer Psycho-Trend durch die sozialen Medien: Unter dem Schlagwort #datingfatigue finden sich tausende traumatisierende Erlebnisse, Warnhinweise und Exit-Strategien, wie man aus aussichtslosen IRL-Dates (in real life) schnell wieder den Abgang machen kann. Verhaltens-Ezzes beim Dating überfluten Instagram und TikTok: „Hör auf deinen Instinkt. Versuche „red flags” nicht durch Dinge wie Unsicherheit zu rechtfertigen. Keine Marathon-Dates. Wird ein Treffen immer wieder verschoben, nichts wie weg...”
Zwar dominiert vor allem in der Gruppe der unter 30jährigen noch immer der Online-Markt mit seinem breiten Angebot von Tinder (bevorzugt für Suchende für unkomplizierten Sex), über bumble (dort machen Frauen den ersten Schritt) oder Hinge (die Parship-Variante für die Gen Z), als Köder-Pool, aber zunehmend kommt das Match-Making wieder durch Freunde (Quelle: Statista Deutschland) zustande. Der Arbeitsplatz, der einst neben Vermittlung durch Freunde die größte Chance für zwischengeschlechtliche Nachhaltigkeit bot, rangiert – wahrscheinlich auch durch die #Metoo-Wachsamkeit bedingt – bei mehreren Umfragen als Schlußlicht.
Frustrationserlebnisse häufen sich durchaus auch bei den Männern. Auf „Reddit” klagt ein 40jähriger Mann über seine Online-Dating-Erlebnisse in Wien: „Ich bin fit. Sehe OK aus. Habe eine Firma. Bin gebildet und kann mich gut artikulieren. OK, ich kriege 15 Matches, die Hälfte davon antwortet nicht einmal. Der Rest erst innerhalb mehrere Tage. Wenn du länger zurück schreibst, schreckst du offensichtlich Frauen ab. Im Gegenzug davon: Karge Botschaften, eher der Anschein von Desinteresse: das animiert.”
Wie sehr sich die Wisch-und Weg-Datingkultur und das damit verbundene Beziehungs-ADHS auf eine eindeutige Verrohung der Umgangsformen nieder geschlagen hat, weiß jeder und jede, die sich unverdrossen auf dem digitalen „Dating Strich” bewegen. „Eine emotionale Abstumpfung ist unvermeidlich”, bilanziert auch ein 39jähriger Sozialarbeiter, der mehr als ein Jahrzehnt Online aktiv ist, „manchmal habe ich sieben bis acht Frauen gleichzeitig am Start gehabt”. Das Gefühl, ständig von „FOMO” (Fear of Missing-Out) geplagt zu sein, vergleicht er so:„Du siehst am Beginn der Mariahilfer Straße einen Pullover, der dir eigentlich ganz gut gefällt. Aber trotzdem ziehst du noch weiter, um ganz sicher zu gehen, dass es keinen gibt, der noch besser zu dir passt.” „Ghosting” oder „Breadcrumbing” sind davon psychologische Konsequenzen: Ersteres bezeichnet den erklärungsbefreiten Kontaktabbruch, inklusive des Blockierens auf sämtlichen Kommunikationskanälen; das Verteilen von Brotkrumen ist das Synonym für das Bekunden von sporadischem Interesse, um den- oder diejenige „warm” zu halten.
Zusätzlich ist Sex, durch den frühen freien Zugang zu pornografischen Inhalt in der Generation Smartphone, zu einem Posten auf der Erledigungsliste verkommen.
„Die Sexualität hat viel von ihrem früheren Abenteuercharakter verloren”, so Beate Wimmer-Puchinger, langjährige Gesundheitsbeauftragte für Frauen der Stadt Wien, „und ist sehr von der Frage„Kann mein Körper genügen?” bestimmt.” Eine Beobachtung, die auch die Grazer Sexuamedizinerin Doris Köpp teilt: Nicht nur Mädchen, die an perfektionistischen Rollenbildern verzweifeln, zählen zu ihrer Klientel, sondern auch junge Männer, die an Erektionsstörungen leiden, weil sie „von der Angst, nicht zu genügen” beherrscht werden. Der damit verbundene Stress, gilt unter Forschern als die Hauptursache für den Lustverlust unter jungen Erwachsenen.
Düstere Aussichten für den Fortbestand der Menschheit. Doch wie bekommt sie wieder Lust auf Liebe und leidet nicht am chronischen Dating- oder Beziehungsburnout? „Die Rückkehr ins analoge Leben wird mit Sicherheit stärker werden”, prognostiziert die britische Beziehungsforscherin Natasha McKeever. Immer mehr Apps fokussieren mehr auf das Finden von Freunden und „slow dating”, sprich einander öfter zu treffen, ehe man sofort wieder entkoppelt. Die schwedische Forscherin Marie Bergström, die in Frankreich die größte Beziehungsstudie bisher untern jungen Erwachsenen leitete, ist im profil-Interview überzeugt: „Die Grenzen zwischen Freundschaft und Sexualität werden zunehmend nieder gerissen. Immer mehr Beziehungen laufen unter dem Label Freundschaft-plus oder Sex-Buddies.” Es bleibt also kompliziert, aber vielleicht weniger anstrengend. Denn Freundschaften sind weit weniger fehleranfällig als die klassische Liebe.