Die Flammenwerferin: Nachruf auf Lauren Bacall

Die Flammenwerferin: Nachruf auf Lauren Bacall

Der letzte Superstar des alten Hollywood ist abgetreten: Stefan Grissemann zum Tod von Lauren Bacall.

Es war natürlich ein Witz, dass ausgerechnet sie, als sie erstmals auf der großen Leinwand erschien, um Feuer bitten sollte. „Anybody got a match?“, fragt sie, lässig in der Tür lehnend, in „Haben und Nichthaben“ (1944) lakonisch Humphrey Bogart, und sie blickt ihm, ehe sie ihm die Streichholzschachtel zurückwirft, mit einer Mischung aus Verachtung und Interesse in die Augen; selbst stark Kurzsichtige werden feststellen, dass es in dieser berühmten Filmszene ums Rauchen allenfalls in zweiter Linie geht. Denn wenn es etwas gab, das Lauren Bacall nicht brauchte, war es Feuer. Sie galt schon mit 19, der Weltkrieg tobte noch, als Hollywoods heißeste junge Schauspielerin, stieg – von Regisseur Howard Hawks protegiert – zum Instant-Superstar auf.

Als Warner Bros. 1946 den Kurzfilm „Bacall to Arms“ in die Kinos brachte (um den Start des Hawks-Bogart-Bacall-Krimis „Tote schlafen fest“ zu bewerben), war sie erst 21 Jahre alt, aber bereits eine derart öffentliche Figur, dass man einen Cartoon nach ihr benennen konnte. In „Bacall to Arms“ wiederholten die Zeichentrick-Avatare des neuen Noir-Traumpaars, im Vorspann „Bogey Gocart and Laurie Bee Cool“ genannt, den längst zur Populärkultur geronnenen Schlüsselmoment aus „Haben und Nichthaben“ – nur dass die animierte Bacall ihre Zigarette diesmal mit einem Flammenwerfer entzündete und mit jedem ihrer Schritte kleine Brandherde hinterließ.

Ihre Freunde und Kollegen nannten sie bloß Betty, das passte auch besser zu ihrer robusten Art. Geboren 1924 als Betty Joan Perske in eine jüdische Familie in der New Yorker Bronx, studierte sie schon als Teenager Schauspiel und arbeitete als Model. Mit 18 hatte sie ihren Künstlernamen und ihr Gesicht auf dem Cover von „Harper’s Bazaar“. Im Mai 1943 unterschrieb sie ihren ersten Kinovertrag. Während der Arbeit an ihrem Debüt lernte sie Bogart kennen, 1945 heirateten sie – und traten gemeinsam in Hawks’ „The Big Sleep“ (1946), in Delmer Daves’ „Dark Passage“ (1947) und John Hustons „Key Largo“ (1948) auf. Hawks arbeitete an ihrer Schlagfertigkeit, der Tiefe ihrer Stimme und der Eleganz ihrer Bewegungen – und der Plan ging auf: Die Publicity-Strategen bei Warner nannten Bacall „The Look“, und der Kritiker James Agee schwärmte von der „Bewegungseloquenz einer geborenen Tänzerin“, die über eine „Posaunenstimme“, „wilden weiblichen Scharfsinn“ und ein „Steine zerschmetterndes Selbstbewusstsein“ verfüge. Regisseur Vincente Minnelli träumte von ihrem „katzenhaften Slowburn“.

1955 trat Bacall in zwei großen Melodramen auf: Minnellis „The Cobweb“ und Douglas Sirks „Written on the Wind“. Nach dem Krebstod Bogarts 1957 ließ Bacall, die keine Lust darauf hatte, nur noch die gute Witwe eines Filmidols zu spielen, Hollywood hinter sich, um sich erfolgreich dem Theater zu widmen, nach dem sie süchtig war. Mit 33 war Bacall mit Hollywood durch, hatte alle bedeutenden Filme ihrer Karriere hinter sich. Zwischen 1966 und 1974 nahm sie keine einzige Filmrolle mehr an; bis in die frühen 1990er-Jahre trat sie nur sporadisch im Kino auf und spielte danach vorwiegend Rollen in unabhängigen Produktionen, arbeitete mit alten Nonkonformisten wie Robert Altman und Paul Schrader oder jüngeren Regie-Exzentrikern wie Jonathan Glazer und Lars von Trier, allerdings bis fast ganz zuletzt.

Auf Einladung der Viennale verbrachte Bacall im Oktober 2004, gerade 80 geworden, einige Tage in Wien, hielt in der Roten Bar des Hotel Sacher Hof. Sie setzte den allzu leger gekleideten Festivaldirektor Hans Hurch mit Krawattenempfehlungen spöttisch unter Druck und berichtete nebenbei nonstop aus ihrem Arbeitsleben. Sie liebe es, mit jungen Filmemachern zu drehen, sagte sie damals im profil-Interview. „Was zum Teufel soll ich an diesem Punkt meines Lebens denn sonst tun? Ehe ich mich diesem Blockbuster-Kino, das nichts bedeutet, zuwende, drehe ich wirklich lieber mit außergewöhnlichen neuen Leuten.“ Sie habe eben „sehr hohe Ansprüche – das ist wohl mein Pech“.

Politische Kämpfe scheute sie nie. Schon in den 1940er-Jahren legte sie sich mit Studioboss Jack Warner an, lehnte in wenigen Jahren zwölf Rollen ab, die sie laut Vertrag hätte spielen müssen. Und an der Seite Bogarts trat sie öffentlich gegen den ultrakonservativen Senator McCarthy auf. 1953 weigerte sie sich sogar, ihren Fußabdruck vor dem berühmten Grauman’s Chinese Theatre auf dem Hollywood Boulevard zu verewigen. Damals habe sie beschlossen, dass sie „im Gegensatz zu all den prominenten, unvergesslichen Menschen, die da vor dem Theater ihre Spuren in den Beton setzten, lieber vergessenswert sein wollte“. Später gab sie in Interviews gern zu Protokoll, dass sie US-Präsident George Bush „für eine vollkommene Katastrophe“ halte. Es sei, als hätte sie 4000 Leben gelebt, sagte sie – und die meisten davon dürften ziemlich zufriedenstellend verlaufen sein. Am Dienstag vergangener Woche starb Lauren Bacall, nachdem sie in ihrem Apartment an der New Yorker Upper West Side einen massiven Schlaganfall erlitten hatte. Mitte September wäre sie 90 Jahre alt geworden. Die Liebe ihres Lebens, Humphrey Bogart, überlebte sie um 57 Jahre.