Die Geschichte des Striptease: Nachbar in Rot

Die Geschichte des Striptease: Nachbar in Rot

Was heute leider niemand mehr weiß: In seiner ursprünglichen Form war das Variété keine Oben-ohne-, sondern eine Alles-inklusive-Veranstaltung: inklusive menschlicher Pyramiden, Drahtseilakte und klavierspielender Hunde.

Manches wurde auch schon damals in freizügigen Outfits präsentiert, eine gewisse Familienfreundlichkeit dabei doch meistens gewahrt. In der Doku „Zwischen Rampenlicht und Rotlicht“ (Bild) erzählt Karoline Heflin die Geschichte des Varietés denn auch ganz in diesem Sinne: als Verfallsgeschichte. Von den bunten Showspektakeln der Jahrhundertmitte bis zu den traurigen Geschäftsanbahnungstänzen in zeitgenössischen Nachtclubs begleitet der Film zwei zentrale Figuren der Branche, zufälligerweise die Eltern der Regisseurin, Christo und Ernestine Kirdall. Gemeinsam reiste das Paar in den 1950er-Jahren mit seinen Masken- und Schlangentänzen um die halbe Welt, ließ sich schließlich in Wien nieder, gründete die „Kirdall Agency“ zur Künstlervermittlung und musste mitansehen, wie die Branche in Richtung Prostitution abrutschte. Immerhin, eine zarte Hoffnung kann Heflin doch noch anmelden, nämlich dass der New-Burlesque-Trend der vergangenen Jahre die alten Tugenden des Varietés wiederbelebt. Klavierspielende Hunde sind freilich auch dort eher passé.

„Diese Kunst baut vor allem auf gekonnte Andeutungen und raffinierte Verzögerungen (englisch: to tease) ­während des verführerischen Tanzes der Stripperin oder des Strippers. Oft wurden und werden dabei auf der Bühne Geschichten inszeniert, treten die Stripperinnen z. B. in ­orienta-­
lischen Gewändern auf oder verkleiden sich als Salome, Lolita oder Marilyn ­Monroe. Gefragt sind vor allem Erotik und ­Sex-Appeal, persönliche Ausstrahlung und Fantasie.“
Wikipedia, Stichwort „Striptease“

„Mit den ‚Tillergirls‘ hat es begonnen. Diese Produkte der amerikanischen Zerstreuungsfabriken sind keine ­einzelnen Mädchen mehr, sondern unauflösliche Mädchenkomplexe, ­deren Bewegungen mathematische Demonstrationen sind.“
Siegfried Kracauer, „Das Ornament der Masse“, 1927

„Entgegen dem gängigen Vorurteil ist der Tanz, der das Strip-tease während seiner ganzen Dauer begleitet, keineswegs ein ­erotischer Faktor. Er ist wahrscheinlich ganz das Gegenteil. Das schwach rhythmisierte Wiegen bannt die Angst vor der Unbeweglichkeit.“
Roland Barthes, „Strip-Tease“, 1957

„Eine gute Stripperin macht aus, dass sie eine gute Story hat, eine gute Idee, ein supergutes Kostüm, das auch beim Ausziehen funktioniert, und dass die Frau das präsentieren kann, was sie – von der Story her – präsentieren soll.“
Ernestine Kirdall