Kühbauer soll's richten: Rapid schiebt die Verantwortung ab

Neuer Trainer, neues Glück? Nun soll Dietmar Kühbauer Rapid zum Erfolg führen

Neuer Trainer, neues Glück? Nun soll Dietmar Kühbauer Rapid zum Erfolg führen

Rapid Wien hat seit langem keinen Erfolg, weil die Vereinsführung nicht langfristig denkt. Daran wird sich trotz des neuen Trainers nichts ändern.

Dietmar Kühbauer heißt der neue Rapid-Trainer. Das ist keine Überraschung. Der Verein wählt seine Trainer nach einem bekannten Muster: entweder waren sie ehemalige Rapid-Spieler oder sie hatten mit einem Dorfverein Erfolg. Nichts scheint Rapid-Verantwortlichen den Mund so wässrig zu machen, wie diese Kombination. Georg Zellhofer und Damir Canadi hatten mit Dorfvereinen großen Erfolg, kurz darauf waren sie im Rapid-Trainingsanzug unterwegs. Was immer ging: Ehemalige Spieler auf der Betreuerbank (zuletzt Hickersberger, Pacult, Schöttel, Barisic). Auf Kühbauer trifft idealerweise beides zu. Eine Rapid-Legende, die einen Abstiegskandidaten auf den zweiten Tabellenplatz coachte. Mehr Anforderungsprofil brauchte es nicht. Die Rapid-Führung konnte gar nicht anders, als zuzuschlagen, St. Pölten ein paar hunderttausend Euro zu überweisen und Kühbauer bis 2021 an den Verein zu binden.

Mit Kühbauer sollen klassische Tugenden zum Rekordmeister zurückehren: Kämpfen und Siegen. Rapid wartet seit zehn Jahren auf einen Titel. Die Realität heißt Platz 8 in der Liga und wütende Fans auf der Tribüne. Rapid ist seit Monaten als Chaos-Klub in den Medien. Das bringt viel Aufmerksamkeit, aber keine Werbung. Doch die Misere ist hausgemacht und der Trainer hatte nicht alleine Schuld daran. Er hat sich nicht selbst verpflichtet. Vertrieben wurde Trainer Gogo Djuricin, aber nicht die Probleme des Klubs.


Es ist mangelhafte Analysekompetenz gepaart mit draufgängerischem Manager-Gehabe, das Rapid auf der Stelle treten lässt.

Der Verein hat seit langem keinen Erfolg, weil die Vereinsführung nicht langfristig denkt. Rapid spielt seit Jahren einen uninspirierten Ballbesitzfußball. Jedes Jahr steht man vor dem gleichen Problem: gegen tiefstehende Dorfmannschaften weiß man nicht weiter. Dann heißt es: die Spieler laufen zu wenig, es sind zu viele verletzt, man verwerte die Torchancen einfach nicht. Behoben wurden die offensichtlichen taktischen Probleme nie. Nach dem Aufstieg in die Europaleague-Gruppenphase verstand Sportdirektor Fredy Bickel die Kritik nicht, man sei doch aufgestiegen. Im heimischen Cupbewerb fixierte Rapid erst im Elferschießen mit viel Glück das Weiterkommen gegen Mattersburg. Die Rapid-Fans kritisierten das schwache Auftreten. Bickel schüttelte erneut den Kopf. Man sei doch aufgestiegen.

Es ist mangelhafte Analysekompetenz gepaart mit draufgängerischem Manager-Gehabe, das Rapid auf der Stelle treten lässt. Vereinspräsident Michael Krammer erklärte am Wochenende: „Wir dachten, wenn wir in das neue Stadion einziehen, wird - verbunden mit den Transfers - alles gut und wir werden sofort einen Titel erringen. Es war dann die schlechteste Saison seit 2002. Und dieser Rucksack, mit der Abstiegsgefahr, der hängt uns heute noch schwer am Rücken." Das mag eine nette Metapher sein, viel mehr ist es eine erschreckend laienhafte Problemanalyse. Der Präsident gibt offen zu: Die Vereinsführung dachte, dass das neue Stadion Fußball spielt und ohne weitere Zugabe von strategischem Hirnschmalz einen Titel garantiert.


Während in Salzburg vor allem ein durchgängiges Konzept einen Titel nach dem anderen beschert, wirken die Analysen der Rapid-Entscheider hilf- und orientierungslos.

Sportdirektor Bickel argumentierte zuletzt die Misere mit einer unglückliche Mischung aus hoher Erwartungshaltung, Verletzungspech und der Doppelbelastung in Meisterschaft und Europacup. Was bedeutet das für den Verein? Die hohe Erwartungshaltung wird bleiben. Nur Salzburg hat mehr Geld als Rapid, Platz 8 genügt logischerweise nicht. Die Doppelbelastung wird (aus finanziellen und sportlichen Gründen) ebenso gewünscht. Also sollte der Verein die Mehrfach-Belastung geschickt in seine Pläne einbauen, anstatt darüber zu klagen. Während in Salzburg vor allem ein durchgängiges Konzept einen Titel nach dem anderen beschert, wirken die Analysen der Rapid-Entscheider hilf- und orientierungslos.

Sportdirektor Bickel erklärte den Erfolg der Salzburger vor kurzem so: "Das ist langjährige Aufbauarbeit, da steht ein Konzept dahinter, und davon sind die anderen Klubs in Österreich weit weg. Das wird man auch nicht in ein, zwei Monaten wettmachen." Eine durchgängige Spielphilosophie lehnte er aber im selben Interview ab. Entscheidend sei es, junge Talente mit gestandenen Spielern in der Kampfmannschaft zu einer schlagkräftigen Truppe zu vereinen. Sportdirektor Bickel hat bisher einige gute Transfers für den Verein abgewickelt und ein paar Millionen dadurch lukriert. Eine sportliche Vision ist aber nicht zu erkennen. Wenn Rapid – wie jetzt – alles neu machen will, wird bloß der Trainer getauscht. Der versucht dann seine Ideen umzusetzen. Ein riskantes Spiel für den Verein, der mehr Passagier ist als Steuermann.

Trainerentscheidungen bei Rapid waren selten tiefgründig durchdacht. Vor zwei Jahren verpflichtete der deutsche Sportdirektor einen deutschen Ex-Vereinskollegen als Trainer. Der Präsident erzählte später, dass ihm dieser Vorschlag als "alternativlos" präsentiert wurde. Nach ausbleibendem Erfolg war der Präsident so wütend, dass er Sportdirektor und Trainer gleichzeitig hinauswarf.


Kühbauers bisherige Spielweise ist für Rapid nicht brauchbar.

Vor zwei Jahren verpflichtete Präsident Krammer im Alleingang den Altacher Erfolgscoach Damir Canadi. Die Logik dahinter: Wer mit einem kleinen Klub Erfolg hat, muss mit Rapid durch die Decke gehen. Canadi ließ viel verteidigen und wenig angreifen. Eigentlich wurde anfangs von allen Seiten betont, er sei in seiner Spielweise flexibel. Doch Canadi blieb stur, gewann die Spiele nicht, forderte neue Spieler und wurde beurlaubt. Das Führungspersonal hatte sich die Sache nicht genau durchgedacht. Beide Wiener Vereine probierten das Modell mit erfolgreichen Dorfklub-Trainern ausreichend. Funktioniert hat es nie. Zellhofer, Baumgartner, Bjelica und Canadi sind warnende Beispiele, dass die oft reaktiven Philosophien mit dem dominanten Selbstverständnis der Wiener Großvereine nicht gut harmonieren.

Es mag ordentlich Eindruck gemacht haben, dass Kühbauer mit dem Abstiegskandidaten St. Pölten das große Rapid in dessen Zuhause besiegte. Aber Kühbauers bisherige Spielweise ist für Rapid nicht brauchbar. Es ist legitim, mit einem Außenseiter das Tor zu vernageln und zu kontern. Rapid aber muss das Spiel machen, nicht defensiv gut stehen und schnell umschalten. Ob Kühbauer dazu in der Lage ist, kann bei Rapid niemand wissen. Mit der Admira ließ er in der zweiten Liga einst angeblich begeisternden Offensivfußball spielen. Doch in der Bundesliga, gegen taktisch ausgereifte Teams, hat er nie nachgewiesen, dass er kann, was man bei Rapid will.

Wer mit heimischen Trainern spricht, hört dazu oft, dass ein variantenreiches Offensivspiel wesentlich schwieriger zu gestalten sei als hinten Beton anzurühren. Sprich: Der Wille, begeisternden Fußball zu spielen, kann leicht an der Ausführung aufgrund fehlender Übung scheitern. Einige meinen jetzt: Kühbauer ist immer noch besser als Djuricin. Was hat man schon zu verlieren? Knappe Antwort: Der Verein ist ein Unternehmen und hat zuletzt 44 Millionen Euro umgesetzt. Also: eine wenig durchdachte Trainerentscheidung kostet viel Geld. Die sportliche Führung hätte längst eine Spielweise entwerfen können, um sie vom Nachwuchs bis zu den Profis durchzuziehen. Das würde die Auswahl von Spielern erleichtern, ebenso die Suche nach einem geeigneten Trainer. Doch der Verein verwehrt sich dagegen.


Rapid hat vergessen, dass er für sich und sein sportliches Vorankommen selbst verantwortlich ist.

Der gerade entlassene Goran Djuricin wollte noch vor der Saison ein angriffiges Pressing mit Rapid spielen. Geholt wurden mit Deni Alar und Christoph Knasmüller aber Spieler, die dafür nicht wirklich geeignet sind. Bei Rapid fehlt die große Vison und eine Idee, die ein Rädchen ins andere greifen lässt. Und auch jetzt wurde nichts tiefgründig geändert, sondern bloß der Trainer getauscht. Dem Verein bleibt, auf einen Trainereffekt zu hoffen und darauf, dass Kühbauer ein passendes Konzept für die vorhandenen Spieler einfällt. Oft wurden diese Dinge in der Vergangenheit nicht im Detail besprochen, so schockierend das auch klingen mag. Einst gestand Präsident Krammer, es sei ein Fehler gewesen, zuerst den Trainer und erst danach den Sportdirektor zu verpflichten. Er sah dies später als Lernprozess. Die aktuelle Situation wirkt vergleichbar: Im modernen Fußball gilt es durchaus als Fehler, zuerst den Trainer zu holen und dann erst die Spielweise zu entwerfen. Einfacher Grund: Der Verein macht sich dadurch von einem Mann und seiner Strategie abhängig. Er schiebt sozusagen die Verantwortung ab. An den Trainer. Der dann im schlimmsten Fall als Bauernopfer vom Feld gejagt wird.

Möglicherweise ist das der nächste Lernprozess für die Führungsetage.

Kühbauer übernimmt jedenfalls ab heute die Verantwortung für die sportliche Entwicklung des Traditionsvereins. So wie vor ihm Djuricin, Canadi, Büskens, Barisic, Schöttel usw. Langfristig entwickelt wurde nichts.

Die bitterste Erkenntnis an der hastigen Trainerfindung ist wohl: Der Verein hat vergessen, dass er für sich und sein sportliches Vorankommen selbst verantwortlich ist. Kein Trainer kann dem Klub diese Aufgabe langfristig abnehmen.