Großmutter, warum hast du so wenige Freunde?
Kennengelernt haben sie sich auf einem Ball. Ein halbes Jahr später folgt der Heiratsantrag. „Wir haben alles gemeinsam gemacht“, sagt Ingrid heute, wenn sie von ihrem Mann Horst erzählt. Gemeinsam ziehen sie in ihre erste Wohnung, einen Wiener Gemeindebau mit Zentralheizung – damals, in den 1960-Jahren, noch ein Luxus, der einen höheren Mietzins kostet. Deshalb geht auch Ingrid arbeiten, nur rund um die Geburt ihrer Tochter bleibt sie zuhause. Auch später, in der Pension, bleiben sie und ihr Mann ein eingespieltes Team. Bis heute kommen Ingrid manchmal die Tränen, wenn sie von ihm spricht. „Er war ein seelensguter Mann. Wirklich einmalig.“
Heute trägt Ingrid, 86, an ihrer rechten Hand drei Ringe: ihren Ehering, einen zum fünfzigsten Hochzeitstag – und einen dritten, mit einem rosafarbenen, herzförmigen Stein. Der Stein wurde aus der Asche ihres Mannes gefertigt. Nach 65 Jahren Ehe starb er 2023 an einer Sepsis.
Plötzlich sitzt Ingrid allein am Frühstückstisch. Niemand bringt mehr Blumen mit, niemand fragt, ob noch Kaffee da ist. Die Wohnung wirkt ungewohnt still. „Man merkt erst so richtig, was man hat, wenn es dann weg ist“, sagt sie. Eine schwierige Zeit beginnt. Wohin mit der Lücke, die sich plötzlich auftut?
Eine Entscheidung gegen die Einsamkeit
Ingrid will nicht vereinsamen. Also fasst sie sich ein Herz und geht zum Pensionist*innenclub – eine Einrichtung der Stadt Wien – gleich ums Eck. Gleich bei ihrem ersten Besuch wird sie zur bevorstehenden Krampusfeier eingeladen. Ingrid geht hin – verkleidet als Krampus. Sie lacht, als sie sich erinnert: „Ich habe mich dann vorgestellt, aber die anderen haben gesagt: Nein, du bist unser kleiner Krampus. Und seitdem bin ich der kleine Krampus.“ Beim Line Dance, bei Yoga- oder Bastelstunden entstehen neue Freundschaften. Mittlerweile gehören Renate, Sonja, Martha und die anderen Frauen aus dem Pensionist*innenclub zu Ingrids Alltag dazu. Die Lücke, die Horst hinterlassen hat, verschwindet nicht – aber sie wird kleiner. Ingrids Tage sind wieder gut gefüllt: mehrmals pro Woche geht sie in den Club, am Wochenende zum Turnen. Manchmal ist sie so viel unterwegs, dass ihre Tochter scherzhaft fragt, ob sie überhaupt noch Zeit für sie habe.
Ingrid widerspricht dem Bild, das viele Jüngere vom Alter haben: jenem der einsamen Großmutter, um die man sich Sorgen machen muss, weil ihre Sozialkontakte verkümmern. Aber stimmt dieses Bild denn?
Alleinsein ist nicht gleich Einsamkeit
Tatsächlich zeigen Studien, dass dieses Klischee sehr oft nicht der Realität entspricht, erklärt die Altersforscherin Christina Ristl von der Universität Wien. Zwar verbringen ältere Menschen im Durchschnitt tatsächlich mehr Zeit allein, doch laut vielen Erhebungen fühlen sie sich subjektiv seltener einsam als jüngere. „Alleinsein ist nicht einsam sein. Gerade ältere Menschen können oft besser mit dem Alleinsein umgehen“, sagt Ristl. Mit den Jahren werde das soziale Netzwerk zwar kleiner, die verbleibenden Beziehungen würden jedoch enger und bedeutungsvoller. Viele konzentrierten sich stärker auf Menschen, die ihnen wirklich gut tun.
Einsamkeit sei weniger eine Altersfrage als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Entscheidend, so Ristl, sei weniger das Lebensalter als die jeweilige Lebenssituation. Besonders häufig entstehe Einsamkeit wenn vertraute Strukturen wegbrechen.
Solche Phasen des Umbruchs erleben Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensabschnitten. Jüngere Menschen etwa beim Wechsel der Schule, beim Auszug aus dem Elternhaus oder beim Umzug in eine neue Stadt. Auch berufliche Veränderungen oder Arbeitslosigkeit können dazu führen, dass tägliche Kontakte plötzlich wegfallen. Später im Leben verändert der Übergang in die Pension den Alltag oft grundlegend. Hinzu kommen mit zunehmendem Alter häufiger gesundheitliche Einschränkungen oder Verluste im persönlichen Umfeld, die soziale Kontakte zusätzlich erschweren können.
Wie gut Menschen mit solchen Veränderungen umgehen können, hänge auch von persönlichen Erfahrungen und Eigenschaften ab, erklärt Ristl. Menschen, die in ihrem Leben wenig stabile Beziehungen erfahren oder belastende Kindheitserfahrungen gemacht hätten, seien häufiger von Einsamkeit betroffen. Auch Persönlichkeitsmerkmale wie ein Hang zu Angst, Reizbarkeit oder Unsicherheit könnten dazu beitragen, dass sich Menschen schneller isoliert fühlen.
Im Leben ist jeder irgendwann einsam. Die Frage ist nur, ob man sich davon wieder erholt.
Wenn Einsamkeit bleibt
Ein höheres Alter kann die Einsamkeit durch unterschiedliche Risikofaktoren sicher verstärken. Und natürlich gibt es ältere Menschen, die sich einsam fühlen. Im Unterschied zu jüngeren Menschen fällt es ihnen auch oft schwerer, sich aus dieser Situation zu befreien.
„Das Risiko ist, dass ältere Menschen in der Einsamkeit bleiben. Ein Grund dafür sind tatsächlich die vorherrschenden Altersbilder“, sagt Ristl. Nach Verlusten im Freundeskreis oder dem Tod des Partners entstehe oft der Gedanke: Jetzt bin ich alt, da gehört Einsamkeit eben dazu. Wer das glaube, ziehe sich auch leichter zurück – und gerate so in einen Teufelskreis.
Solche Vorstellungen kennt auch Ingrid. „Ich habe schon manche sagen hören: In den Pensionistenclub gehe ich nicht, da sind nur die alten Weiber“, erzählt sie. Dann schüttelt sie den Kopf. „Zu denen sage ich immer: Na ja, wie alt sind denn wir?“
Dass es in den Clubs längst nicht nur um Krankheiten oder Kaffeerunden geht, betont auch Madlena Komitova, Bereichsleiterin der Pensionist*innenclubs in Wien. „Wir sind ein bunter Haufen. Ich sage immer: Vom Feuerschlucker bis zum Zauberer haben wir alles.“
Entscheidend sei, so die Altersforscherin Ristl, aus starren Vorstellungen vom Alter auszubrechen. Denn Einsamkeit sei kein Schicksal. „Alter führt nicht zur Einsamkeit. Im Leben ist jeder irgendwann einsam. Die Frage ist nur, ob man sich davon wieder erholt.“
Ich habe ein glückliches Leben. Auch wenn er nicht mehr da ist.
Das Leben geht weiter
Ingrid hat einen Weg gefunden, mit dem Verlust ihres Mannes zu leben. Fehlen tut er ihr bis heute. Doch ihr Alltag ist wieder gefüllt. „Ich habe ein glückliches Leben. Auch wenn er nicht mehr da ist. Aber das Leben geht weiter. Man muss das Beste draus machen.“
Jeden Abend gibt Ingrid einem Foto ihres Mannes einen Gute-Nacht-Kuss. Am nächsten Tag geht es dann wieder in den Club.