EM-Tagebuch: Aus für Österreich, Torflaute und Spaßbremsen

Traurige Österreicher

Traurige Österreicher

Die Österreicher mussten nach drei glanzlosen Auftritten wieder heimfahren. Das ist nicht die einzige grobe Enttäuschung bei dieser EM, findet

Für Zlatan Ibrahimovic war es kein vergnügliches Turnier. Der schwedische Superstar kam nur ausnahmsweise vor das gegnerische Tor, und wenn doch, schoss er daneben oder scheiterte am Keeper. Den Rest des Bewerbs wird er sich wie seine Teamkollegen im Fernsehen ansehen müssen – falls ihn das überhaupt noch freut. Die Türken sind noch mehr zu bedauern. Ziemlich genau 24 Stunden lang hatten sie fix mit einem Platz im Achtelfinale gerechnet. Dann traf der irische Abwehrspieler Robby Bradie fünf Minuten vor dem Schlusspfiff ins italienische Tor. Das bedeutete den Aufstieg für die Iren und Rückflugtickets für die Türken. Besonders schlimm erwischte es die Ukraine. Mit null Punkten aus drei Spielen war die Elf von Trainer Michail Fomenko das schlechteste Team in der Gruppenphase. Obwohl die Ukrainer phasenweise gar nicht so unterirdisch kickten, gelang ihnen kein einziges Tor.

Trauerflor

Hilft das? Ist es ein Trost, zu wissen, dass andere auch daheim sitzen und weinen? Leider nein. Im Moment hilft gar nichts. Als österreichischer Fußballfan sieht man die Welt derzeit durch einen Trauerflor. Es fühlt sich an, als wäre jemand gestorben – nicht gerade ein Familienmitglied, aber zumindest ein netter Bekannter. Diverse Markenartikelhersteller sollten jetzt bitte schleunigst ihre Werbespots mit ÖFB-Beteiligung aus dem Programm nehmen. Christian Fuchs als trällernde Pippi Langstrumpf und Marcel Koller als fröhliches Testimonial für Hautcreme sind beim besten Willen nicht länger auszuhalten.


Ich glaube nicht, dass es am System gelegen hat, sondern an der Hektik und Nervosität. (Marcel Koller)

0:2 gegen Ungarn, 0:0 gegen Portugal, 1:2 gegen Island. Das ist die Ausbeute dieser EM für Marcel Koller und sein Team. Ergibt in Summe einen Punkt und ein schlechteres Torverhältnis als bei der Euro 2008 – an der Österreich bekanntlich nur teilnehmen durfte, weil der Veranstalter von Amts wegen dabei ist. Dieses Mal sollte alles besser werden. Nach der grandiosen Qualifikation war praktisch jeder befragte Experte fix davon ausgegangen, dass die Nationalelf mindestens bis ins Achtelfinale marschieren würde, zumal es aufgrund des neuen UEFA-Reglements so einfach war wie nie zuvor. Drei mickrige Punkte reichten etwa den Portugiesen. Doch schon im Match gegen Ungarn stellte sich heraus, dass die Leistungsträger des Teams – bis auf wenige Ausnahmen – pünktlich zum EM-Start auf dem Tiefpunkt ihrer individuellen Schaffenskraft angelangt waren. Mitunter tat es körperlich weh, David Alaba und Kollegen bei der Ausübung ihres Jobs zu besichtigen. Die ersten 45 Minuten gegen Island waren überhaupt das Schlimmste, was die Fans seit langer Zeit mitansehen mussten. Am 22. Juni 2016, zwischen 18.00 und 18.45, stolperte der österreichische Fußball wieder einmal durch jenes dunkle Tal, aus dem ihn Marcel Koller doch angeblich hinausgeführt hatte. Die zweite Hälfte war deutlich besser, aber das reichte nicht mehr.

Am fehlenden Glück lag es diesmal sicher nicht. Allein das unverdiente Remis gegen Portugal erforderte mehr Fortüne, als andere Teams in einem ganzen Turnier verbrauchen. „Normalerweise verlierst du so ein Spiel“, analysierte Herbert Prohaska nachher gewohnt trocken.

Glückliche Isländer

Expedition ins Ungewisse

Vielleicht hätte ein wenig Selbstkritik dann und wann nicht geschadet, zum Beispiel anlässlich der vermurksten Freundschaftsspiele im Vorfeld des Turniers. Aber diese Fähigkeit dürfte irgendwann im Lauf der vergangenen zwei Jahre verloren gegangen sein. Auch jetzt ist es damit nicht weit her. Aleksandar Dragovic etwa hätte allen Grund dazu gehabt – und zwar nicht nur, weil er gegen Island einen Elfmeter an den Pfosten schubste. Statt sich ordnungsgemäß zu zerknirschen, erinnerte er gleich nach dem Match trotzig daran, dass so ein Missgeschick schon ganz anderen Kalibern passiert sei. Auch Teamchef Marcel Koller konnte bisher keine Fehler in seiner Taktik erkennen. „Ich glaube nicht, dass es am System gelegen hat, sondern an der Hektik und der Nervosität.“ Mag ja sein. Aber dem Nervenkostüm der ohnehin angeschlagenen Truppe tat es bestimmt nicht gut, dass der Trainer in der ersten Halbzeit gegen Island auf eine völlig neue Formation gesetzt hatte. Hundertmal eingeübte Kombinationen waren damit wertlos geworden, jeder Laufweg musste sich anfühlen wie eine Expedition ins Ungewisse. Der Versuch hat erkennbar nicht funktioniert. Warum ist es so schwer, das einfach zuzugeben?

Am Donnerstag Abend kam die Nationalmannschaft am Flughafen Schwechat an. Wegen eines Streiks der französischen Fluglotsen hatte die Maschine eine Stunde Verspätung. Das war aber egal, weil ohnehin niemand daran gedacht hatte, einen großen Empfang für die traurigen Helden zu organisieren.

Tore in homöopathischen Dosen

Wenn sich der erste Schock gelegt hat, werden sich die Österreicher vielleicht damit aufrichten, dass sie nicht gerade das unterhaltsamste Turnier aller Zeiten verlassen mussten. Ein prickelndes Fußballfest war die UEFA EURO 2016 bisher wirklich nicht. Das liegt zunächst einmal daran, dass ein für diesen Sport relativ wichtiges Detail, nämlich Tore, nur in homöopathischen Dosen verabreicht wurde. In 36 Partien fielen 69 Treffer, also nicht einmal zwei pro Spiel. So niedrig war die Quote bei einem Großereignis noch nie. In 17 Spielen hätte man sich rückblickend die erste Halbzeit sparen können, weil 45 Minuten lang niemand traf. Viermal blieb es überhaupt beim 0:0.

Die WM vor zwei Jahren in Brasilien war ein so großartiges Spektakel gewesen, dass es schwerfiel, sich danach wieder an fußballfreie Abende zu gewöhnen. Damals gab es zumindest in der Gruppenphase haufenweise Tore, jede Menge origineller Typen, Dramen und Triumphe in allen Größen. Allein die Einlagen des mexikanischen Trainers Miguel Herrera hätten gereicht, um das Publikum einen Matchabend lang gut zu unterhalten. Deutschland gewann gegen Brasilien 7:1, Luis Suárez aus Uruguay biss herzhaft in eine italienische Schulter, im ORF wurde nicht ganz geschmackssicher Samba getanzt. Schön war das!

Auf Ronaldos Launen war einigermaßen Verlass

In Frankreich muss es als humoristische Einlage reichen, wenn den Schweizern (im Spiel gegen die Franzosen) ein paar Trikots reißen. Und nein, das lag nicht an erbitterten Infights oder der mangelhaften Maniküre eines französischen Abwehrspielers. Es handle sich um einen bedauerlichen Produktionsfehler dieser Charge, teilte der Hersteller der Dressen mit. Nur auf Cristiano Ronaldos Launen war einigermaßen Verlass. Weil er sich über einen zudringlichen Journalisten geärgert hatte, warf er das Mikrofon des Reporters kurzerhand in einen See. Dieser kleine Wutausbruch hat die Real-Diva offenbar beflügelt. Im nächsten Match (gegen Ungarn) traf er nach zig erfolglosen Versuchen zweimal ins Tor.

Die Finalphase begann erst nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe. Kann also sein, dass es noch besser wird. Aber bis zur Halbzeit des Turniers kickte Europa, wie es sich dieser Tage auch abseits des Fußballplatzes präsentiert: mutlos und von sich selbst genervt. Manche Spiele erinnerten an lähmende EU-Gipfel mit quasi alternativlosen Entscheidungen in letzter Minute. Dass sich in Frankreich vorwiegend britische und osteuropäische Schlachtenbummler danebenbenahmen, geht in diesem Kontext eher nicht als Überraschung durch. Die Bandenwerbung in den Stadien wird derweil hauptsächlich von Globalisierungsgewinnern aus anderen Teilen der Welt bestritten. Ihren großen Auftritt haben unter anderem der chinesische Elektronikkonzern Hisense (weiß jemand, wie man das ausspricht?) sowie Socar, das staatliche Mineralölunternehmen der Republik Aserbaidschan. Socar belegte in einem 2011 durchgeführten Antikorruptionsranking unter Erdölfirmen den letzten Platz. Aber bei der UEFA wird das niemanden gestört haben. Fußballverbände sind diesbezüglich nicht so pingelig.

Taktik statt Leidenschaft

„Lasst das Fest neu beginnen“, titelte vor ein paar Tagen die französische Sportzeitung „L’Équipe“. Wenigstens zwei, drei große Spiele sollten doch noch drin sein, hoffen die Kollegen. Dass bisher deutlich mehr Taktik als Leidenschaft geboten wurde, liegt auch am neuen Austragungsmodus. Durch die Ausweitung des Teilnehmerfeldes auf 24 Mannschaften mussten sich die Favoriten nicht groß anstrengen, um die Gruppenphase zu überstehen. Erstmals seit 1996 hat kein Team alle drei Vorrundenspiele gewonnen. Es war schlicht nicht nötig, sich zu verausgaben. Allerdings konnte man sich im Schonprogramm auch ordentlich verdribbeln: Die Spanier dominierten im Spiel gegen die Kroaten anfangs so klar, dass sie erst die Lust und dann auch noch das Match verloren. Zur Strafe treffen die Spanier jetzt schon im Achtelfinale auf Italien. Am Montag Abend werden sie wissen, ob es nicht doch klüger gewesen wäre, gegen Kroatien zu punkten.

Gewohnt zuverlässig startete Deutschland in den Bewerb. Zwei knappe Siege und ein torloses Unentschieden waren für den regierenden Weltmeister zwar kein glanzvoller Auftakt, aber richtig gefährlich wurde es für die Mannschaft von Jogi Löw bisher nicht. „An Deutschland zu zweifeln, heißt, daran zu zweifeln, dass der Himmel blau ist und Wasser nass macht“, formulierte eine spanische Zeitung recht poetisch nach dem 1:0 über Nordirland.

Die größte Überraschung dieser EM war bisher wohl das Team von Wales, das seit mehr als einem halben Jahrhundert an keinem Fußballgroßereignis teilgenommen hatte. Mit sechs Punkten und ebensovielen Toren wurden die Waliser Gruppensieger und zogen locker ins Achtelfinale ein. Die Mannschaft kickt erfrischend, der Erfolg ist Gareth Bale und seinen Kollegen sehr zu gönnen. Nur blöd, dass Wales ab Herbst in der WM-Qualifikation gegen Österreich kämpfen wird. Bis dahin sollten die heimischen Kräfte ihr Formtief überwunden haben. Sonst geht das nicht gut aus.