Nicht nur auf unter Dauerbeobachtung stehenden Familientrümmerfeldern, wie sie Prinz Harry und Meghan Markle, pardon: die Duchess of Sussex, bei den Windsors hinterlassen haben. Oder im Fall jener sechs Kinder, die nach einer hässlichen Scheidung von Angelina Jolie den Kontakt mit ihrem leiblichen und Adoptivvater Brad Pitt verweigern. Die Liste der von ihren Eltern entfremdeten Celebrity-Kinder ist lang, aber auch jenseits dieser Scheinwerferwelt nimmt das Phänomen des Kontaktabbruchs zwischen Eltern und Kindern „ungeahnte Dimensionen“ an, wie der „New Yorker“ kürzlich vermeldete. Auf TikTok, Instagram und Reddit häufen sich abtrünnige Kinder, die die Nase vollhaben, aber auch gekränkte Eltern, die unter den Schlagworten #nocontact oder #toxicfamily millionenfach ihr Leid thematisieren.
Studien oder Statistiken über solche familiären Auszeiten existieren für Österreich nicht, was auch damit zu tun hat, dass für Eltern der Exodus ihrer Kinder mit starken Scham- und Schuldgefühlen behaftet ist. In Deutschland wird davon ausgegangen, dass in jeder zehnten Familie ein solcher Fall vorkommt. Heftig sind die Zahlen auch in den USA. Sechs Prozent aller erwachsenen Kinder haben sich laut einer Universitätsstudie von ihren Eltern zumindest für eine bestimmte Phase getrennt. 38 Prozent aller Amerikaner und Amerikanerinnen haben, Stand 2024, laut einer YouGov-Studie ein Kontaktembargo mit einem Familienmitglied, also Geschwister, Ex-Partner, Eltern- oder Großelternteil am Laufen.
Nach früheren profil-Geschichten zu diesem Thema häuften sich die Leserreaktionen überdurchschnittlich hoch, es kristallisiert sich klar heraus: Das Phänomen des Kontaktabbruchs innerhalb der Herkunftsfamilie ist ein Tabuthema, aber auch wesentlich weiter verbreitet, als man glauben möchte.
Fachleute sind sich einig, dass die Häufung des Phänomens auch mit einem erstarkten Bewusstsein für mentale Gesundheit unter den 20- bis 40-Jährigen und einem Crash der Generationen zu tun hat. Schließlich sind die Kinder der Boomer in einer durchpsychologisierten Zeit aufgewachsen, in der die Selbstinspektion und Artikulation der eigenen Befindlichkeiten zu einem zentralen Thema wurde. Gen-Z und Millennials, die in der Populärpsychologie gerne die Adjektive „beleidigt“ und „überempfindlich“ verpasst bekommen, haben es mit Eltern und Großeltern zu tun, die sich das Verdrängen, Vergessen und Wegschieben von Schmerzhaftem zur Überlebensstrategie gemacht haben – und die jetzt lernen müssen, sich auf die Sichtweise ihrer Nachkommen einzulassen. Der „Tribe“ oder Stamm, der früher vor allem aus der Herkunftsfamilie bestand, wird zunehmend aus Wahlfamilien und selbst gestalteten Netzwerken rekrutiert.
Gen-Z-Bewusstsein
Schnelle Diagnosen wie „Meine Mutter ist toxisch-narzisstisch“ haben sich in der Bubble der gebildeten „Zler“ und Millennials längst zum Alltagsjargon verfestigt. T-Shirts mit Aufschriften wie „Undiagnosed, but something ain’t right“ (nicht diagnostiziert, aber irgendetwas stimmt nicht) oder „I’m on the spectrum“, als Referenz auf das „neurodivergente“ Spektrum zwischen Autismus und ADHS, werden nicht nur ironisch getragen. Laut dem jüngsten „Austrian Health Report“ des Pharmakonzerns Sandoz, durchgeführt vom Meinungsforschungsinstitut IFES 2024, beurteilen nur 54 Prozent der unter 30-Jährigen in Österreich ihre psychische Gesundheit als sehr gut oder gut. Bei den über 60-Jährigen liegt dieser Wert bei 83 Prozent. Was wenig über die mentale Stärke der Älteren, aber viel über die psychologische Wachsamkeit und Achtsamkeit der jüngeren Generationen aussagt.
Der generationenbedingte Bewusstseinsspalt im Umgang mit den eigenen Bedürfnissen, Konflikten und deren Bewältigung führt zu dieser Form von Schlussstrichen, wobei die Chance zu einer Versöhnung und einem Aufstieg auf eine neue Beziehungsebene von Studien auf 60 bis 80 Prozent geschätzt wird. Entfremdete Mütter haben übrigens eine weitaus größere Chance, wieder in das Leben ihrer Kinder integriert zu werden, als Väter. Was auch dadurch zu erklären ist, dass die Beziehungen von Scheidungs- und Trennungsvätern zu ihren minderjährigen Kindern häufig versickern oder ganz abbrechen.
Inzwischen ist zu dem Phänomen, vor allem im angloamerikanischen Raum, eine ganze Bewältigungs- und Hilfsindustrie entstanden: Zahlreiche How-to-Bücher, auf Kontakt-Cuts spezialisierte Therapeuten, Selbsthilfegruppen und Podcasts geben Strategien und Navigationstipps aus. Die Quintessenz all dieser Ezzes: Grenzen respektieren, auch was den totalen Stillstand des Kontakts betrifft, und nach einer Zeit in kleinen Schritten Bereitschaftssignale senden. Und bei einem Treffen nicht mehr die vorangegangenen Kränkungen, Streite und Vorfälle aufwärmen.
Natürlich kann Familie auch anstrengend, ungerecht, kränkend und umständlich sein. Aber noch viel schrecklicher ist es doch, wenn niemand mehr da ist, über den man sich aufregen kann. Oder, wie der Kinder- und Jugendpsychiater Paulus Hochgatterer es in einem profil-Interview über die Macht der Kindheit ausdrückte: „Ein Schlussstrich ist immer ein totalitäres Konstrukt. Er suggeriert fälschlich die Möglichkeit, ein Leben zu führen, ohne irgendwo anschließen zu müssen.“