Mehrere Menschen in traditionellen Kostümen mit Masken und Hüten gehen in einer winterlichen Dorfszene hintereinander her.
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Brauchtum: Als die Patscher Frauen die Fastnacht übernahmen

In der Tiroler Gemeinde Patsch haben Frauen einst einen Fastnachtsbrauch von den Männern übernommen. Ein Skandal – und der Beginn einer neuen Tradition.

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Sie werden Matschgerer, Muller oder Hutterer genannt, die Brauchtumsgruppen, die in der Fastnachtszeit in kunstvoll gestalteten Kostümen durch die Tiroler Dörfer ziehen. Die Umzüge gehen auf jahrhundertealte Traditionen zurück. Bei dem wilden Treiben vor Beginn der katholischen Fastenzeit wird nicht nur symbolisch der Winter beendet. Es werden seit jeher auch die sonst geltenden Regeln außer Kraft gesetzt. Knechte schlüpfen in die Rolle der Herren, Menschen streifen Tierhäute über, Männer tragen Frauenkleider. Aber auch der organisierte Tabubruch kennt Grenzen: Die Tiroler Brauchtumsgruppen sind reine Männersache.

Zumindest war das die längste Zeit so.

Im Jahr 1958 hätte es in Patsch beinahe keinen Fastnachtsumzug gegeben. Die Männer des Ortes am Fuß des Patscherkofels konnten sich, so vermerkt es die Vereinshistorie, „nicht dazu aufraffen“. Sechs junge Frauen wollten sich damit nicht abfinden. Sie organisierten sich heimlich ihre Kostüme: weißes Hemd, dunkle Hose, ein mit Federn geschmückter Hut und die „Larve“ genannte Holzmaske. „Der Schiane“, also der Schöne, heißt diese bei den Tiroler Fastnachtgruppen weitverbreitete Figur. Er gehört zum prototypischen Inventar wie der Bär, die Hexe, der wilde Zottler oder die Schelmenfigur Bujazzl. Am „Unsinnigen Donnerstag“ 1958 hüpften die sechs Frauen im Gleichschritt durch Patsch und schlugen die Schellen hinter ihrem Rücken.

Zunächst wusste niemand, dass sich hinter den Männermasken Frauen verbargen. Schon gar nicht, dass es welche aus dem Ort waren. Und natürlich wusste damals niemand, dass Regina Knoflach, Traudl Knoflach, Erna Seeber, Mimi Span, Anni Töchterle und Sophie Troger mit ihrer Aktion eine eigene Tradition begründen sollten. „Einige Männer waren damals beleidigt. Es hat aber bald auch Unterstützer gegeben“, sagt Claudia Lackner. Die Krankenschwester ist Obfrau der Patscher Schellenschlagerinnen. Heute zählt der Verein 76 Mitglieder. Es ist inzwischen ein Mehrgenerationenprojekt: Von der betagten Seniorin bis zur Dreijährigen reicht die Spanne. Auch heuer waren sie am „Unsinnigen Donnerstag“ vor Aschermittwoch wieder im Einsatz. Eines ist Lackner wichtig: Die Schellenschlagerinnen sehen sich nicht als Opposition gegen die Männer von Patsch. „Wir haben eine gute Dorfgemeinschaft“, sagt Lackner. Seit 1976 gibt es mit der Brauchtumsgruppe Patsch auch wieder eine Männerpartie, die am Umzug teilnimmt.

Josef Redl

Josef Redl

ist Redakteur im Wirtschafts-Ressort.