„Kanadas Nationalschatz“, der mit seinem Autoteile-Zulieferer Magna zu besten Zeiten 170.000 Mitarbeiter in 25 Ländern beschäftigt hatte, bekam erhebliche Kratzspuren, als er im Juni 2024 an der Polizeistation Peel in Ontario seinen Pass abgeben und eine Kaution hinterlegen musste, nachdem „charge sheets“ von mehreren Frauen wegen schwerwiegender Sexualdelikte vorgebracht worden waren. Wie erst im Zuge dieser Ermittlungen herauskam, hatte die Polizei über Jahre gar nicht oder behäbig auf solche Opfer-Protokolle reagiert. Frank Stronach, geborener Franz Strohsack, Sohn eines kommunistischen Arbeiters im steirischen Weiz, galt in der Provinz Ontario als großzügiger Gönner, der unter anderem auch die lokale Polizei im Distrikt seines Firmensitzes mit Spenden unterstützte.
Klägerinnen am juristischen Grill
Die 59-jährige kanadische Schriftstellerin Jane Boon, die profil ihre eigene traumatisierende Begegnung mit dem damaligen Magna-CEO schon 2025 geschildert hat, zeigt sich erleichtert über den Ausgang des jüngsten Verfahrens: „Ich bin positiv überrascht. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass auch die schwerer wiegenden Anklagepunkte gehalten hätten. Aber die Krone (so der kanadische Terminus für die Staatsanwaltschaft, Anm.) hatte es angesichts von Stronachs höchst effizientem Verteidigungsteam natürlich schwer. Sie waren nicht gewappnet für Shemesh, die ihr Geschäft beherrscht wie kaum jemand sonst. Die Klägerinnen wurden entsprechend gegrillt, und man versuchte, sie als inkompetent, verlogen und erinnerungsschwach bloßzustellen.“
Eine kanadische Journalistin und Prozess-Beobachterin, die anonym bleiben will, berichtete profil, dass Shemesh „ein Heer von Privatdetektiven beschäftigt, um die Klägerinnen zu demontieren und aus der Balance bringen zu können“. Das System Stronach habe auch deswegen über Jahre so gut funktioniert, weil junge Frauen dem CEO von Mitarbeitern regelrecht zugeführt wurden, so die Journalistin.Eine der Klägerinnen, die im Verhandlungssaal regelrecht zusammenbrach, war eine unter dem Pseudonym „Leigh“ auftretende frühere Pferdepflegerin auf einem Stronach-Gestüt. Die Frau war im Oktober 2024 anonym in der kanadischen Investigativ-Sendung „The Fifth Es-tate“ aufgetreten. Dort erzählte sie von einem Abend in Stronachs Nachtclub „Rooney“, der damit endete, dass sich die damals 20-Jährige, der Stronach trotz ihrer Bitte, damit aufzuhören, wiederholt Champagner eingeschenkt hatte, plötzlich in einem Appartement mit Hafensicht wiederfand: „Stronach lag auf mir. Mir war ganz klar, dass ich gerade vergewaltigt wurde. Ich verhielt mich ruhig, denn ich hatte Angst, sonst im Hafenbecken versenkt zu werden. Solche reichen Typen können sich ja mit Geld alles richten.“ Starke Erinnerungslücken, wie sie überhaupt dorthingekommen ist, legten nahe, dass der Champagner präpariert gewesen sein könnte. Obwohl Fotos von der jungen Pferdegehilfin bei der Arbeit existierten, beharrte die Verteidigung darauf, dass „Leigh“ niemals für Stronach gejobbt habe.
Irritierende Fütterung mit Erdbeeren
Boon selbst brachte vor einem Jahr eine Zivilklage gegen Stronach und Magna International ein. In der profil vorliegenden, 26 Seiten starken Klagsschrift fordert Boon eine Wiedergutmachung von 1,24 Millionen Euro (zwei Millionen kanadische Dollar) für das Trauma, das ihr als 19-jähriger von Magna unterstützten Uni-Stipendiatin und Ingenieursstudentin im Zuge eine Shareholder-Veranstaltung im Dezember 1986 widerfuhr. Boon, die unglaublich stolz war, unter den vielen (durchwegs männlichen) Bewerbern für den Studienlehrgang auserkoren worden zu sein, fühlte sich an jenem Winterabend sehr unsicher und fand die Art, wie sich Stronach vor versammelter Mannschaft, die an solche Rituale gewöhnt schien, ihr gegenüber verhielt, „extrem befremdend“: „Niemand zuckte auch nur mit der Wimper.“ Stronach bestellte bei der After-Party Erdbeeren in Grand Marnier und „fütterte mich, bis ich ihn richtig fest in den Finger biss, weil mir das so peinlich war“. Später brachte er sie in das „Guesthouse“ der Firma und ließ ihren Wagen mit seinem Chauffeur auf einen Parkplatz bringen: „Jane hat zu viel getrunken, hieß es, deswegen schläft sie besser im Guesthouse. Ich mochte keinen Alkohol und hatte nur aus Höflichkeit genippt. In dem Appartement ging es relativ schnell zur Sache. Er benutzte kein Kondom, was mir danach eine Vaginalinfektion bescherte, von den monatelangen Ängsten, HIV davongetragen zu haben, und den Therapien rede ich noch gar nicht. Innerhalb kurzer Zeit exekutierte er vier Stellungen, eigentlich behandelte er mich wie ein Sex-Spielzeug. Ich hatte den Eindruck, dass er enttäuscht von meiner Unerfahrenheit war.“Als Abschiedsgeschenk erklärte Stronach der verstörten Studentin, dass sie am nächsten Tag frei haben könne: „Ein freier Tag für das, was er mir angetan hat. Wie paradox!“
Ohne mündliche Zustimmung
In der Zivilklage wird der Vorfall so beschrieben: „Als sie in dem abgelegenen Gästehaus ankamen, führte Stronach Boon nach oben, wo er sie entkleidete, ohne auch nur ein einziges Mal ihre mündliche Zustimmung einzuholen. Boon verhielt sich während der gesamten Begegnung ruhig und passiv; Stronach drang in sie ein und vollzog ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihr. Einmal fragte Stronach Boon: “Bist du geil?„, erhielt jedoch keine Antwort. Kurz darauf endete die Begegnung. Stronach ließ Boon allein im Gästehaus zurück; sie verbrachte die Nacht wach und in Sorge um ihre Zukunft ...“
Dazu ein Auszug aus der Replik von Stronachs Verteidigungsteam: „Herr Stronach bestreitet, einen körperlichen oder sexuellen Übergriff oder eine Tätlichkeit gegenüber der Klägerin begangen zu haben. (...) Herr Stronach bestreitet ausdrücklich jegliche sexuelle Begegnung mit der Klägerin und verlangt von der Klägerin den strikten Nachweis hierfür.“ Interessantweise wird dieser Punkt ein paar Absätze weiter so formuliert, dass man wohl eher von einer sexuellen Begegnung ausgehen kann: „Sollte es zu einer sexuellen Begegnung mit der Klägerin gekommen sein – was nicht eingeräumt, sondern ausdrücklich bestritten wird –, so hat die Klägerin in eine solche Begegnung eingewilligt. Im Rahmen ihrer anhaltenden Medienkampagne gegen Herrn Stronach hat die Klägerin öffentlich eingeräumt, dass sie in die behauptete sexuelle Begegnung eingewilligt hatte. Herr Stronach bestreitet, dass seine angebliche Position im Verhältnis zur Klägerin deren Einwilligung rechtlich unwirksam macht. Zum maßgeblichen Zeitpunkt war die Klägerin – wie sie selbst in der Klageschrift einräumt – eine intelligente, erwachsene Frau …“
Boon bestreitet nicht, dass ihr das Geld aus einem gewonnenen Prozess nicht ungelegen käme, aber es gehe ihr vor allem darum, zu zeigen, „dass Stronach nach einem Muster arbeitete und viele junge Frauen nach der gleichen Methode behandelte. Es ist wichtig, dieses Muster als ein solches zu etablieren, um eine solide Argumentationsbasis für weitere Fälle zu liefern.“
Mit Geld zum Schweigen gebracht
Dass Stronach, der 60 Jahre lang mit seiner 2024 verstorbenen Frau Frieda verheiratet war, für sein übergriffiges Verhalten gegenüber oft Jahrzehnte jüngeren Mitarbeiterinnen bekannt war, galt in der kanadischen Presse als offenes Geheimnis. Auf profil-Anfrage erklärt die heutige Universitätsprofessorin für Soziologie, JJ Wright: „ Ich habe als Bedienung auf dem Magna-Golfplatz gearbeitet. Dort war allgemein bekannt, dass Stronach jungen Frauen nachstellte. Kollegen warnten mich und rieten mir, vorsichtig zu sein und ihm nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen. Zudem wurde mir erzählt, dass er dafür bekannt war, Frauen, die er sexuell missbraucht hatte, mit Geld zum Schweigen zu bringen.“
Jane Boon hat noch eine weitere Mission: „Dass Stronach nach all diesen Vorfällen seine Orden aberkannt werden. Er trägt den höchsten Orden für Verdienste um Kanada, als ,Member des Order of Canada‘. Das darf nicht sein.“ Stronach wurden auch einige wichtige österreichische Orden verliehen, unter anderen das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik. Aus dem Bundeskanzleramt heißt es dazu, dass im Falle einer rechtskräftigen strafrechtlichen Verurteilung die Auszeichnungen aberkannt werden würden.
Doch das ist für seine Opfer wohl die geringste Genugtuung.