Funkenschlag: Stephen Frears’ Tragikomödie „Philomena“

Funkenschlag: Stephen Frears’ Tragikomödie „Philomena“

Oscar-Material: Stephen Frears’ Tragikomödie „Philomena“ verlässt sich auf das Schauspiel der unnachahmlichen Judi Dench – und die kreative Energie des britischen Komödianten Steve Coogan.

Es mag im Bewusstsein der Öffentlichkeit außerhalb Großbritanniens noch nicht angekommen sein, aber Steve Coogan, 48, ist durchaus das, was man in seiner Heimat eine „Celebrity“ nennt. Coogan ist tatsächlich berühmt, was man schon daran erkennen kann, dass er sich mehrmals in heftige Auseinandersetzungen mit Boulevardjournalisten begeben musste, die sein (zeitweise von Drogenmissbrauch und Rotlichtaffären begleitetes) Privatleben untersuchten. Der lakonische Brite, als Stand-up- und TV-Comedian spätestens seit den mittleren 1990er-Jahren ein Begriff („Coogan’s Run“), blickt auf eine verschlungene Karriere zurück: Er veredelte die legendär giftige Puppen-Politsatire „Spitting Image“ ab 1987 mit seiner Vokalkunst, gab dabei unter anderem den Marionetten von Prince Charles, Neil Kinnock und John Major Stimmen. Das Kino folgte, zögerlich zwar, aber sicher: 2002 spielte Coogan in Michael Winterbottoms „24 Hour Party People“ Factory-Records-Boss Tony Wilson.

Seit 1993 schreibt der Labour-Party-Anhänger und Luxusautonarr fürs Fernsehen, in der Regel seine eigenen Serien, und seit 1998 tritt er dabei häufig auch als executive producer auf. Das von ihm 1999 mitbegründete Produktionsunternehmen trägt übrigens den Namen „Baby Cow Productions“. Sein erstes großes Kinodrehbuch, das er mit Jeff Pope verfasste, hat nun kein Geringerer als Stephen Frears („Mein wunderbarer Waschsalon“, 1985; „Die Queen“, 2006) verfilmt: „Philomena“, geschrieben, koproduziert und gespielt von Steve Coogan, hat sich – auch dank der mitreißenden Darstellung der Titelheldin durch Judi Dench – zur Erfolgsgeschichte ausgeweitet: Fast 80 Millionen Dollar hat der Film seit seinem britischen Kinostart vor vier Monaten weltweit bereits eingespielt. In den USA wird er besonders geschätzt: Am 2. März geht „Philomena“ ins Rennen um vier Oscars, nominiert in den Kategorien Bester Film, Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Musik und Beste Hauptdarstellerin.
Dabei widmet sich der Film nur einer weiteren der vielen „wahren Geschichten“, auf die das Kino dieser Tage so sehr schwört (von „12 Years a Slave“ und „The Wolf of Wall Street“ bis „Monuments Men“). Auf dem Papier liest sich die Geschichte, die in „Philomena“ erzählt wird, wie ein klassisches Rührstück: Eine betagte Mutter unternimmt einen letzten Anlauf, ihren Sohn zu finden, der ihr fünf Jahrzehnte davor in dem Kloster, in das sie als schwangerer Teenager (und „gefallenes“ Mädchen) zwangsinterniert wurde, weggenommen und zur Adoption freigegeben worden war. Durch Zufall begegnet sie einem desillusionierten und zunächst ganz unwilligen Politjournalisten, den sie dennoch zu überreden versteht, die Recherche nach ihrem Sohn, einem Mann mit unbekanntem Namen und Wohnort, zu unternehmen.

Die Reise führt nach Nordamerika.

Der Charme der beiden Hauptdarsteller und der Esprit ihrer Dialoge sind die Grundlagen der Wirkung dieses Films: Das Zusammenspiel zwischen Steve Coogan und Judi Dench funktioniert prächtig. Frears und Coogan schlagen Funken aus der Naivität und Durchsetzungskraft, mit der die alte Dame ihrem Helfer den Zynismus entzieht. Die Inszenierung selbst ist ebenso geradlinig wie die Frau, von der sie berichtet: Der unkomplizierte, sehr direkte, wenn auch formal konservative Zugriff Frears’ – dramaturgisch und musikalisch bedient er eine ganze Reihe an tragikomischen Klischees – tut der Anziehungskraft dieser Erzählung nicht nur keinen Abbruch, er entspricht der Figur, um die diese Arbeit kreist, eben auch sehr genau. „Philomena“ demonstriert etwas eher Seltenes: Intelligenz ist im Kino keine Frage von Innovation.n

„Philomena“ ist ab 28. Februar in österreichischen ­Kinos zu sehen.