Fußball-WM 2014: Ausweitung der ­Krampfzone

Fußball-WM 2014: Ausweitung der ­Krampfzone

Woche drei in Brasilien stand ganz im Zeichen künstlicher Erregungen. Sven Gächter über aktuelle und historische K.o.-Duelle.

Früher war auf die Deutschen noch Verlass. Sie spielten Fußball, wie sie Autos bauten: nüchtern, robust, schnörkellos und unsentimental bis hart an die Grenze zur Verkehrsstörung. Manchmal überschritten sie diese Grenze auch. Unvergessen die Rammbock-Attacke des deutschen Keepers Toni Schumacher gegen den Franzosen Patrick Battiston im Halbfinale der Weltmeisterschaft 1982 in Spa­nien oder Stefan Effenbergs Stinkefinger bei der WM 1994 in den USA. Delikaterweise galt die obszöne Geste den eigenen Fans, die ihren Unmut über die Leistungen des Mittelfeldregisseurs deutlicher zum Ausdruck gebracht hatten, als diesem zumutbar erschien. Effenberg wurde von Nationaltrainer Berti Vogts (der in seiner aktiven Zeit übrigens ein gefürchteter Blutgrätscher gewesen war) mit dem nächsten Flugzeug nach Hause geschickt, wo der geballte Zorn der Nation über ihm niederging.

20 Jahre später redet ganz Deutschland über Per Mertesacker. Bis Montag der Vorwoche galt der Innenverteidiger als verlässlicher Ausbund an Nüchternheit, Schnörkel­losigkeit und Unsentimentalität – mit einer allerdings herausragenden ­Eigenschaft: seiner Körpergröße von 1,98 Meter. Nach dem Achtelfinale ­gegen Algerien kam es zum Eklat: Ein ZDF-Reporter wagte es, Mertesacker zu fragen, warum Deutschland den 2:1-Sieg eher schwerfällig errumpelt als leichtfüßig erzaubert hatte. „Wat woll’n Se?“, blaffte Mertesacker: „Wollen Sie eine erfolgreiche WM, oder sollen wir wieder ausscheiden und haben schön gespielt? Also, ich verstehe die ganze Fragerei nicht. Wir sind ­unter den letzten Acht – das zählt!“

Ein Orkan der öffentlichen Irritation erhob sich, so als hätte „Wut-Per“ („Focus“) den wehrlosen Fernsehmann mit einer Schumacher/Effenberg-Kombinationstherapie getiltet. Die Leitmedien hyperventilierten, die sozialen Netzwerke glühten; die „Bild“-Zeitung, sonst nicht eben zimperlich im Abwatschen der Nationalspieler, griff die Causa seitenfüllend auf, nicht offensiv empört jedoch, sondern ungewohnt defensiv: „Motzen wir zu viel an deutschen Siegen rum?“ Dabei hatte Kamikaze-Stürmer Thomas Müller die Antwort schon längst gegeben: Es sei am Ende ja wohl „scheißegal“, wie man Weltmeister ­werde.

Jede Fußballnation hat die Skandale, die sie verdient – und verkraftet. Deutschland brauchte nach ein paar seltsam verkrampften Auftritten der Nationalmannschaft offenbar einen homöopathisch dosierten Erregungssturm: messbar, aber immer noch klein genug für ein Wasserglas. Nicht auszudenken, was in Teutonia losgewesen wäre, wenn Thomas Müller den algerischen Innenverteidiger Rafik Halliche in die Schulter gebissen, Franz ­Beckenbauer in der dafür verhängten drakonischen Strafe ein „unglaubliches Mafia-Ding“ gewittert und zuguterletzt Bundespräsident Joachim Gauck die FIFA als „einen Haufen alter Hurensöhne“ verunglimpft hätte! Aber Deutschland hat nun einmal keinen Luis Suárez, keinen Diego Maradona und kein so ungeniert volkstümliches Staatsoberhaupt wie José Mujica, den 79-jährigen Präsidenten von Uruguay.

Deutschland hat auch keinen Nicolas Anelka. Der französische Stürmer quittierte bei der WM 2010 in Südafrika eine taktische Anweisung des Trainers Raymond Domenech mit einer Verbalinjurie, die wir aus Gründen des Anstands hier nur im nicht ­jugendfreien Original wiedergeben können: „Va te faire enculer, sale fils de pute!“ Anelka wurde vom französischen Verband umgehend aus dem Kader verbannt, worauf die Mannschaft in einen befristeten Solidaritätsstreik trat, um drei Tage später am Ende der Vorrunde als Gruppenletzter mit der ­desaströsen Ausbeute von nur einem Punkt die Heimreise anzutreten. Der Weltmeister von 1998 hatte sich in einer ebenso spektakulären wie ­erbärmlichen Harakiri-Aktion von der interna­tionalen Fußballbühne weggesprengt.

Die Qualifikation für die WM in Brasilien schaffte man mit Ach und Krach, im Playoff gegen die ­Ukraine. Kurz vor Turnierbeginn gab Marine Le Pen, Vorsitzende der xenophoben Rechtsaußenpartei Front National, zu Protokoll, sie erkenne sich in der französischen Mannschaft nicht wieder; ­einige Spieler trügen „eine andere Nationalität im Herzen“ und ließen bei der Marseillaise jede erkennbare Gefühlsregung vermissen. Fast wortgleich war auch schon ihr Vater 1998 über das multikulturell gemischte nachmalige Weltmeisterteam hergezogen. In Frankreich leben über fünf Millionen Menschen fremdländischer Abstammung. Nach dem Achtelfinaleinzug Algeriens kam es in einigen Städten zu heftigen Ausschreitungen, worauf Marine Le Pen die umgehende Abschaffung von Doppelstaatsbürgerschaften forderte: „Die Weigerung, sich anzupassen, zeigt die Fehler unserer Einwanderungspolitik auf.“ Diese Einwanderungspolitik führte immerhin dazu, dass die Équipe Tricolore souverän ins Achtelfinale einzog und es (weniger souverän) mit 2:0 gegen die ehemalige britische Kolonie Nigeria gewann – Trainer Didier Deschamps hatte acht Feldspieler mit Migrationshintergrund aufgeboten. Zwei Stunden später zitterten sich die Deutschen (vier Feldspieler mit Migrationshintergrund) zu einem 2:1-Sieg gegen die ehemalige französische Kolonie Algerien.

Die Wiederauflage des K.o.-Klassikers Frankreich-Deutschland war somit perfekt. Der Boulevard schwelgte in grimmigen Reminiszenzen an den „Thriller von Sevilla“ 1982, und deren tragischer Held Patrick Battiston kam pflichtgemäß zu seinen 15 ­Sekunden Nachruhm: „Es war in der 57. Minute. Ich war kurz zuvor eingewechselt worden, laufe allein auf Torhüter Schumacher zu. Der rammt mich um, ich verliere das Bewusstsein.“

Battiston musste mit einer Trage vom Platz und ins Krankenhaus gebracht werden – Diagnose: schwere Gehirnerschütterung, angebrochener Halswirbel, zwei ausgeschlagene Zähne. Toni Schumacher sammelte keine Sympathiepunkte, als er nach dem Spiel feixte, er werde gern für die Kosten der Jacketkronen aufkommen.

Nichts verbindet Menschen mehr als aufrichtiges Mitgefühl. Deshalb ließ der gelernte Dentaltechniker Heinz-Christian Strache mit der generösen Ankündigung aufhorchen, eigenhändig eine Zahnprothese für Luis Suàrez anzufertigen, die dessen Opfer vor Bisswunden schützen solle. Ein schlechter Scherz natürlich – ausgeheckt allerdings nicht in Herbert Kickls Gift- und Galleküche, sondern in einem vorsorglich als „Satire“ gekennzeichneten Beitrag auf krone.at. Keineswegs frei erfunden dagegen war die von anderen Medien verbreitete Meldung, wonach Brasiliens Trainer Luiz Felipe Scolari vergangene Woche eine Psychologin ins Teamcamp einbestellte, wo sie drei Stunden lang Einzelgespräche mit den Stars der ­Seleção führte. Ziel, so die „Bild“-Zeitung: „Die Spieler sollen auf dem Platz nicht ständig in Tränen ausbrechen.“

Andererseits kann ein hartnäckiger Krampf nach 120 Minuten schon recht höllisch wehtun – vor ­allem, wenn noch das Elferschießen aussteht, bei dem der Ball bis zum Platzen mit den Siegeserwartungen von 198,7 Millionen Brasilianern angefüllt ist. Die Sportmedizin steht bei der Erklärung für plötzlich auftretende Muskelkrämpfe bis heute vor einem Rätsel. Durch Studien eindeutig widerlegt sind inzwischen die Hypothesen, dass die Ursachen im Flüssigkeitshaushalt beziehungsweise dem Elektrolytspiegel zu suchen seien. Neben der durch verständnisvolle Mitspieler vorgenommenen Akutdehnung hilft deshalb im Grunde nur eines: ausruhen. Darüber können die Herren Neymar, Schweinsteiger & Co. in der 27. Minute der Verlängerung jedoch nur lachen – oder eben nicht.

Am Freitag um 14.56 Uhr Ortszeit in Rio de Janeiro begann der fantastische französische Offensivspieler Antoine Griezmann hemmungslos zu weinen. Nach fünfundneunzigeinhalb Minuten hatte Schiedsrichter Nestor Pitana das Viertelfinale im Maracanã-Stadion abgepfiffen, Frankreich unterlag Deutschland mit 0:1. Das Match erinnerte in keiner Phase an die Schlacht von Sevilla, worüber die Franzosen zumindest insofern glücklich sein konnten, als alle Spieler ihrer Mannschaft den Platz heil verließen – der deutsche Keeper Manuel Neuer hatte seine Abwehrattacken dankenswerterweise auf den Ball und nicht auf den Gegner konzentriert.
Per Mertesacker saß übrigens die ganze Zeit auf der Ersatzbank.