Fußball-WM 2014: Demo-Bereitschaft vor Eröffnung abgeflaut

Fußball-WM 2014: Demo-Bereitschaft vor Eröffnung abgeflaut

Wer im Zuge der Fußball-WM neuerliche Massendemonstrationen in Brasilien erwartet hat, ist eines Besseren belehrt worden. Während des Confederations Cups im Vorjahr gingen im größten südamerikanischen Land noch Hunderttausende Menschen auf die Straße, mittlerweile aber scheint die Protestbewegung ihren Schwung verloren zu haben. "Das WM-Fieber ist eindeutig angekommen, und Brasilien erstrahlt jetzt in Grün und Gelb", berichtet zum Beispiel das Fußballmagazin .

Dawid Bartelt, Leiter der von den deutschen Grünen betriebenen Heinrich-Böll-Stiftung in Rio, ist davon nicht wirklich überrascht. "Im Moment fehlt die Mobilisierungsfähigkeit", sagte der Deutsche im APA-Gespräch. Das liege vor allem an der zunehmenden Gewaltbereitschaft von Polizei und Teilen der Protestierenden, den "Black Blocks". "Derzeit müssen die Menschen befürchten, dass bei Demos von beiden Seiten Gewalt angewendet wird, und das wollen sich verständlicherweise viele nicht antun."

Hauptverantwortlich für die Eskalation sei die Militärpolizei, die militärisch denke und handle und gewohnt sei, gegen sozialen Protest mit unverhältnismäßiger, auch tödlicher Härte vorzugehen. Abschreckend wirken laut Bartelt auch einige schnell eingebrachte Gesetzesinitiativen, die unter anderem vorsehen, Gewalt bei Demonstrationen als "Terrorismus" zu werten.

Viel hat sich nicht verändert
Noch vor fast genau einem Jahr, am 20. Juni 2013, ging landesweit über eine Million Menschen auf die Straße. "Das war ein einmaliger Moment, ein sich selbst schneeball-artig verstärkender Selbstläufer, ins Rollen gebracht durch die Erhöhung der Fahrpreise im Nahverkehr", erzählte Bartelt. Richtig angefacht wurden die Proteste dann durch die Polizeigewalt.

Die Fahrpreis-Erhöhung wurde zurückgenommen - um ein paar Monate später zumindest in Rio doch wieder schlagend zu werden. Nicht das einzige Anliegen der Demonstranten, das weiter seiner Umsetzung harrt: Die Rufe nach mehr Demokratie und Mitspracherecht brachten bisher noch keine diesbezüglichen Gesetzesänderungen. "Objektiv gesehen gibt es genauso so viele Gründe wie vor einem Jahr, um auf die Straße zu gehen, denn viel hat sich nicht verändert", sagte Bartelt.

Verändert hat sich aber die Einstellung der breiten Bevölkerung zu den Protesten. Dies war unter anderem die Folge des Todes eines Kameramanns durch einen fehlgeleiteten Feuerwerkskörper bei einer Demo im vergangenen Februar in Rio de Janeiro. "Das hat dazu geführt, dass sich Medien und öffentliche Meinung wieder abgewendet haben", erklärte Bartelt.

Außerdem ist dem Demonstrieren offensichtlich der Coolness-Faktor abhandengekommen. "Der Happening-Charakter wie vor einem Jahr lässt sich nicht auf Knopfdruck wieder herstellen", gab Bartelt zu bedenken.

Dennoch seien die Proteste wichtig für die Demokratie und die Entwicklung der Zivilgesellschaft in Brasilien gewesen, meinte der ehemalige Pressesprecher der deutschen Sektion von Amnesty International. "Man sollte die Demos in erster Linie positiv bewerten, und das tut die brasilianische Regierung auch. Dass die brasilianische Gesellschaft die Demonstrationen nicht nur ausgehalten, sondern auch positiv aufgenommen hat, ist gut für die brasilianische Demokratie."

Dies dürfte jedoch so ziemlich die einzige positive Nachwirkung der WM der Brasilien sein, befürchtete Bartelt. "Von ein paar Verkehrskonzepten wird die Bevölkerung auch noch etwas haben, einige Stadien kann man ebenfalls zum Nutzen zählen, andere wieder nicht. Und volkswirtschaftlich bringt das Ganze praktisch nichts."

Bodenpersonal-Streik an Rios Flughäfen bisher folgenlos
Der Streik eines Teils des Bodenpersonals an den Flughäfen von Rio de Janeiro ist bisher ohne größere Auswirkungen geblieben. Am internationalen Flughafen Galeao sei es in der Nacht auf Donnerstag weder zu langen Schlangen noch größeren Wartezeiten gekommen, berichteten örtliche Medien.

Zu dem 24-stündigen Ausstand am Eröffnungstag der Fußball-Weltmeisterschaft hatte die kleinere Gewerkschaft SIMARJ aus Protest gegen die festgefahrenen Tarifverhandlungen aufgerufen. An dem Streik seien allerdings nur etwa 20 Prozent der Mitarbeiter beteiligt, hieß es weiter. Betroffen ist auch der innerstädtische Airport Santos Dumont.

(APA/Red.)