Andreas Herzog über die WM 2014: „Ich würde lieber ­heute ­spielen“

Fußball-WM - Andreas Herzog über die WM 2014: „Ich würde lieber ­heute ­spielen“

Andreas Herzog, ­ehemaliger National­spieler und seit 2011 Co-Trainer des US-Teams, über seine Erwartungen an die WM in Brasilien, den Perfektionismus der Deutschen, die bitterste Enttäuschung seiner ­Karriere und zwei Tore, die er nicht oft genug ­sehen kann.

Interview: Rosemarie Schwaiger

profil: Sie waren als Spieler zweimal für Österreich bei einer WM und fahren jetzt als Co-Trainer der Amerikaner nach Brasilien. Was ist aufregender?
Andreas Herzog: Am aufregendsten war meine erste WM, 1990 in Italien. Ich war 21 und fand das alles total einschüchternd. Deshalb kann ich mich heute in die Spieler gut hineinversetzen, wenn sie nervös sind. Als Trainer hat man eine ganz andere Anspannung. Du bist zwar körperlich nicht gefordert, dafür musst du Gegner analysieren, taktische Varianten ausprobieren, Meetings abhalten. Man braucht Managerqualitäten und muss auch noch Psychologe sein. Für mich ist es eine Riesengeschichte, noch einmal eine WM zu erleben.

profil: Was kann das US-Team erreichen?
Herzog: Wir haben mit Deutschland, Ghana und Portugal eine der schwersten Gruppen. Wenn unsere Topspieler in absoluter Topform sind, haben wir eine gute Chance, die Gruppenphase zu überstehen.

profil: Die logischen Aufsteiger wären Deutschland und Portugal.
Herzog: Von der Papierform her sicher. Aber wir würden trotzdem gerne einen der beiden nach Hause schicken.

profil: Das Spiel Deutschland gegen USA wird in Deutschland vermutlich 20 Millionen Zuseher haben. Mit wie viel Publikum rechnen Sie in den USA?
Herzog: Da bin ich überfragt. Ich weiß natürlich, dass Soccer nicht so beliebt ist wie American Football oder Basketball. Aber das Interesse nimmt rasant zu. Amerika möchte die WM 2026, der Vizepräsident kommt als Gast nach Brasilien und David Beckham baut in Miami um 200 Millionen Dollar ein Stadion. Jürgen Klinsmann (der ehemalige deutsche Teamchef ist seit 2011 Trainer des US-Teams, Anm.) hat auch viel getan, um den Sport populärer zu machen. Man sieht das an der MLS, der Liga in den USA. Viele Spieler wurden mit Superverträgen aus Europa zurückgeholt. Und man merkt es zum Beispiel auch beim Fliegen: Auf US-Flughäfen sind die Sicherheitsvorkehrungen ja extrem. Aber wenn wir mit der Mannschaft unterwegs sind, gehen wir einfach durch ein Hintertürl hinein, werden kurz gecheckt und sind schon durch.

profil: Für ein paar Privilegien reicht es also schon.
Herzog: Genau. Wichtig wäre jetzt, dass wir bei der WM gut abschneiden.

profil: Österreich ist wieder einmal nicht dabei. Sind die USA so viel besser, oder ist die Qualifikation in der Nord- und Zentralamerikazone leichter als in Europa?
Herzog: Es ist in Europa vielleicht schwerer, sich zu qualifizieren, weil es mehr gute Gegner gibt. Dafür müssen wir in den USA mit ganz anderen Herausforderungen kämpfen. Die Spieler kicken im Jänner bei zwei Grad in irgendeiner europäischen Liga, dann fliegen sie um die halbe Welt und spielen drei Tage später bei 39 Grad gegen Honduras.

profil: Hätte die österreichische WM-Mannschaft von 1998 heute noch eine Chance?
Herzog: Mit unserem Spielstil von damals sicher nicht. Das ist ja 16 Jahre her, seither hat sich der Fußball ganz stark weiterentwickelt. Für damalige Verhältnisse hatten wir eine Mannschaft mit sehr viel Potenzial. Leider konnten wir es bei der WM nicht abrufen und sind nach der Vorrunde wieder heimgefahren.

profil: Wie sind Ihre Erinnerungen an diese WM 1998?
Herzog: Das war die bitterste Erfahrung meiner Karriere. Wir haben in der Qualifikation super gespielt, ich war auch in absoluter Topform. Vor der WM war ich dann länger verletzt und bin nicht mehr richtig in Form gekommen. Wir sind mit Riesenerwartungen hingefahren und mit einer Riesenenttäuschung nach Hause gekommen.

profil: Sie haben immerhin ein Tor geschossen, den Elfmeter gegen Italien. War das gar kein Trost?
Herzog: Es war mein Kindheitstraum, einmal ein WM-Tor zu schießen. Den hab ich mir erfüllt, und das hat die persönliche Enttäuschung ein bisschen gelindert. Aber richtig geholfen hat es auch nicht.

profil: Auf welchen Treffer in Ihrer Karriere sind Sie am meisten stolz? Auf das 1:0 gegen Schweden in der Qualifikation 1997? Echte Fans kriegen in der Erinnerung heute noch feuchte Augen.
Herzog: Es gibt zwei Tore für die Nationalmannschaft, bei denen ich mich noch ganz genau an jede Sekunde vorher erinnern kann ….

profil: Sie haben die ganze Szene abgespeichert?
Herzog: Ja. Ehrlich gesagt hab ich mir diese zwei Tore auch verdammt oft angesehen. Das eine war gegen Schweden. Da ist ganz Österreich quasi ausgezuckt, das war schon etwas Besonderes. Und dann war da noch das Ausgleichstor gegen Israel in der WM-Qualifikation 2001. Das war die letzte Aktion im Spiel, ich war schon 33 Jahre alt, also fast am Ende meiner Karriere. Ich weiß noch, dass ich dachte: „So, den Ball will ich jetzt unbedingt reinhauen. Und wenn es das letzte Mal ist, dass ich richtig Glück habe, soll es mir recht sein.“ Tatsächlich hab ich dann den Spielern in der Mauer und dem Tormann durch die Beine geschossen. Es war allerdings wirklich so, dass ich in den nächsten zwei Jahren relativ wenig Glück hatte. Offenbar hab ich alles für diesen einen Freistoß verbraucht.

profil: Wer wird dieses Mal Weltmeister?
Herzog: Brasilien.

profil: Das sagen alle. Es wird schon langweilig.
Herzog: Die Brasilianer haben tolle Spieler und werden im eigenen Land nur ganz schwer zu schlagen sein. Das haben sie beim Confed-Cup im Vorjahr bewiesen. Noch dazu haben sie zweimal hintereinander bei einer WM nichts gewonnen. Da ist der Druck schon ziemlich groß. Auf der anderen Seite: Sollte Brasilien früh ausscheiden, wäre das ein Desaster für die WM. Es wird interessant sein, zu beobachten, ob es da vielleicht ein bisschen Hilfe von den Schiedsrichtern gibt. So wie 2002 in Südkorea für die Heimmannschaft. Aber Brasilien sollte das normalerweise nicht nötig haben.

profil: Haben Sie Verständnis für die Proteste gegen die WM?
Herzog: Ja, das verstehe ich. Auch wenn der Fußball auf der ganzen Welt einen hohen Stellenwert hat: Mehr Wert als Krankenhäuser, Schulen und soziale Versorgung sollte er nicht haben. Man wird in Zukunft aufpassen müssen, in welchen Ländern man solche Großereignisse veranstaltet. Es gibt ja viele, die das gar nicht mehr wollen, weil die Kosten so immens sind.

profil: Deutschland möchte unbedingt wieder einmal den Titel holen. Halten Sie das für möglich?
Herzog: Die Deutschen gehören natürlich zu den Mitfavoriten, genau wie Italien und natürlich Spanien. Aber die Spanier haben drei große Titel hintereinander geholt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie jetzt noch ein viertes Mal gewinnen. Aber ich gebe zu, das hab ich vor dem zweiten und dritten Mal auch schon gesagt.

profil: Die Deutschen haben sich extra für die WM eine Hotelanlage gebaut. Ist das nicht ein bisschen verrückt? Der Aufwand wird ja immer größer.
Herzog: Den Eindruck habe ich auch. Ich glaube, die überlegen sich schon fünf Jahre vorher, was sie anstellen könnten, damit die ganze Welt sie beneidet und bewundert. Das ist natürlich übertrieben. Aber sie überlassen halt nichts dem Zufall, das ist der deutsche Perfektionismus. Wenn sie den WM-Titel holen, ist alles okay. Wenn sie früh ausscheiden, kann das ein Boomerang werden.

profil: Sie waren als Spieler ein großartiger Techniker, aber nicht gerade ein Laufwunder. Sind Sie froh, dass Sie zu einer Zeit aktiv waren, als Fußballer noch nicht so viel rennen mussten?
Herzog: Ich war schon relativ schnell, aber mir ist immer vorgeworfen worden, dass ich nicht nach hinten arbeite. Jeder gute Fußballer passt sich eben den Gegebenheiten seiner Zeit an. Ich würde lieber heute spielen.

profil: Warum?
Herzog: Das Training ist viel professioneller geworden. Zum Beispiel tragen die Spieler heute GPS-Geräte, und der Konditionstrainer kann die für jeden optimale Belastung messen. Wir sind damals sinnlos in der Gegend herumgerannt, ein Ausdauerlauf nach dem anderen, tagelang im Wald. Es gibt heute auch nicht mehr so viele brutale Fouls, weil der Schiedsrichter schneller die rote Karte zieht. Wenn ich daran denke, wie oft ich von hinten getreten worden bin …

profil: Einige Fußballer früherer Generationen waren nach der Karriere so bedient, dass sie nur noch eine Trafik übernehmen konnten.
Herzog: Wir haben uns überhaupt keine Gedanken über unsere Gesundheit gemacht, sondern einfach dem Doktor vertraut und ein Schmerzmittel geschluckt, wenn es wo weh tat. Dann hieß es: „Geh raus, mach dich warm, und wenn es geht, dann spiel.“ Die Spieler heute schauen mehr auf sich und ihren Körper. Das ist auch für uns Trainer eine Herausforderung. Es gibt immer wieder Spieler, die fit wären, aber nicht auf den Platz wollen, weil sie schon darüber nachdenken, wie es ihnen in zehn Jahren einmal ­gehen wird.

profil: Sie sind als Co-Trainer zuständig für das Scouting in den europäischen Ligen. Welche Liga beeindruckt Sie am meisten?
Herzog: Die spielerisch beste ist immer noch die spanische. Aber Vereine wie Real Madrid oder Barcelona haben hunderte Millionen Euro Schulden. Das ist eigentlich eine Wettbewerbsverzerrung. Oder es läuft so wie in England, wo irgendwelche Mäzene wie der Abramowitsch bei Chelsea Unsummen investieren. Deshalb ist die deutsche Bundesliga für mich die seriöseste. Deutschland hat die schönsten und modernsten Stadien, die meisten Zuschauer, die beste Stimmung. Die Liga boomt seit der Heim-WM 2006.

profil: Schauen Sie sich manchmal noch Spiele der österreichischen Bundesliga an?
Herzog: Ja, wenn ich zu Hause bin, schau ich mir meistens Rapid an.

profil: Und was sagen Sie zum Niveau der Liga?
Herzog: Fakt ist, dass Salzburg die Liga heuer dominiert hat wie noch nie ein Verein zuvor. Mannschaften wie die Austria oder Sturm Graz sind weit unter ihren Möglichkeiten geblieben. Grödig war als Aufsteiger natürlich sensationell. Da frage ich mich aber, was wichtiger ist: Dass ein Aufsteiger vorne mitmischen kann oder dass die großen Vereine Qualität genug haben, um die Meisterschaft bis zum Schluss spannend zu machen.

profil: Würden Sie gerne irgendwann eine Vereinsmannschaft trainieren?
Herzog: Ich bin für alles offen. Nachdem ich U-21-Nationaltrainer in Österreich gewesen bin, wollte ich eigentlich nur noch Cheftrainer sein. Ich bin eher ein Typ, der ganz klare Vorstellungen hat und die dann auch durchsetzen will. Ich sage nicht zu allem ja und amen. Mit Jürgen Klinsmann funktioniert das sehr gut. Er arbeitet wie ein Topmanager eines Großkonzerns und hat auf jedem Gebiet seine Fachleute. Für mich ist wichtig, dass ich meine Vorstellungen kundtun und umsetzen kann. Den Assistenztrainer, der nur im Training die Hütchen aufstellt, den gibt es im modernen Fußball eigentlich nicht mehr.

profil: Steht die österreichische Nationalmannschaft noch auf Ihrer Wunschliste?
Herzog: Die ist, glaub ich, für jeden österreichischen Trainer irgendwann das Ziel. Aber ich verfolge das nicht mehr so wie damals, als ich noch für den ÖFB gearbeitet habe. Da hieß es ja, ich hätte Chancen, der nächste Teamchef zu werden. Heute sehe ich das ganz entspannt und lasse alles auf mich zukommen.

profil: Sie haben mit Jürgen Klinsmann 1995 beim FC Bayern München gespielt. Der Verein hatte damals den Spitznamen „FC Hollywood“. Sie waren ziemlich unglücklich dort. Legendär ist die Szene, als Tormann Olli Kahn sie einmal voller Wut von hinten gepackt und geschüttelt hat. David Alaba dagegen wirkt sehr zufrieden in München. Ist das Klima dort besser geworden?

Herzog: Die Situation kann man eigentlich nicht vergleichen. Ich glaube, es ist heute schon deshalb einfacher, weil es viel mehr Legionäre gibt. Wir waren damals nur zu dritt. Und als Neuling hatte man es schwer gegen diese eingeschworene Bayern-Fraktion. Für mich war das ein extrem hartes Jahr, am Schluss hatte ich nicht mehr viel Selbstvertrauen. Aber wenigstens war es lehrreich.

profil: Derzeit läuft unter Experten eine Diskussion über die richtige Spieltaktik – also Ballbesitz versus Konterfußball. Auf welcher Seite stehen Sie?
Herzog: Ballbesitz ist gut und schön, aber im Fußball sollte es doch hauptsächlich darum gehen, Tore zu schießen. Diese reinen Ballbesitzorgien sind mir oft zu langweilig.

profil: Insgesamt ist der Fußball zum Glück wieder offensiver geworden, als das noch vor ein paar Jahren der Fall war. Woran liegt das?
Herzog: Es gibt zur Zeit einfach viele außergewöhnlich gute Offensivspieler. Ronaldo, Messi, Ibrahimovic – es ist ein Wahnsinn, was die mit dem Ball machen. Die Trainer sind auch wieder bereit, ein bisschen mehr Risiko zu nehmen. Und wir haben eine Phase, in der Fußball extrem gut vermarktet wird. Dem Publikum muss man etwas bieten. Dieses langweilige Herumschieben ohne Tore interessiert ja keinen Menschen.

Andreas Herzog, 45
Der gebürtige Wiener war einer der erfolgreichsten Kicker Österreichs. Er begann seine Karriere beim SK Rapid, mit dem er zweimal Meister und einmal Cupsieger wurde. 1992 wechselte der Mittelfeldspieler nach Deutschland und holte mit Werder Bremen den ­Titel. Drei Jahre später wurde er vom FC Bay­ern München engagiert, blieb dort aber nur ein Jahr und kehrte wieder nach Bremen zurück. Herzog schoss in 264 Spielen der deutschen Bundesliga 60 Tore. Im Dress des österreichischen Nationalteams bestritt er 103 Partien – so viele wie kein anderer ­Kicker. Er erzielte 26 Tore, darunter einige entscheidende wie das 1:0 gegen Schweden in der Qualifikation für die WM 1998.

Seit 2005 ist Herzog als Trainer ­aktiv. Er begann als Assistent des ehemaligen Teamchefs Josef ­Hickersberger und war Co-Trainer unter Nationaltrainer Karel Brückner. 2009 wurde er zum Chefcoach des Unter-21-Teams bestellt. Im Dezember 2011 bekam er das ­Angebot, unter Jürgen Klinsmann Co-Trainer der US-Nationalmannschaft zu werden. Herzog ist unter anderem für die Beobachtung von amerikanischen Spielern in europäischen Ligen zuständig. Nach zwei WM-Teilnahmen als Spieler (1990 und 1998) fährt Herzog nun als Trainer zu seiner dritten ­Weltmeisterschaft.