Fußballkolumne: Drei verzweifelte Appelle

RB-Sportchef Ralf Rangnick

RB-Sportchef Ralf Rangnick

"Kabinenpredigt", die brandneue profil-Fußballkolumne. Warum RB Leipzig nun zu einem ernsthaften Problem im Hinblick auf die EURO 2016 werden könnte.

Man hat es also nicht geschafft. Das große Ziel, der Durchmarsch in die Erste Deutsche Bundesliga, ist RB Leipzig vorerst verwehrt geblieben. Fans des sächsischen Red Bull-Ablegers können nun jedoch getrost davon ausgehen, dass man im nächsten Jahr (Ralf Rangnick konzentriert sich bekanntermaßen ab Ende dieser Saison ausschließlich auf die Rasenball-Abteilung) nichts mehr dem Zufall überlassen wird. Man wird sich schon irgendwie eine Mannschaft zusammenkaufen, die – zumindest am Marktwert gemessen - alle anderen deutschen Zweitligisten weit hinter sich lassen sollte.

In den letzten Wochen und Monaten machten nun schon erste Transfergerüchte die Runde: Stefan Ilsanker (25, österreichischer Nationalspieler) soll fix vor einem Wechsel nach Leipzig stehen, Marcel Sabitzer (21, österreichischer Nationalspieler) gehört ja offiziell immer schon der deutschen Red Bull-Dependance und müsste im Sommer eigentlich auch dann wirklich dort hin (ob er das auch tatsächlich will, weiß er anscheinend selbst noch nicht genau). Auch der Name Martin Hinteregger (22, österreichischer Nationalspieler) fällt in diesem Zusammenhang unangenehm oft.


Kein Spitzenduell der Zweiten Deutschen Liga kann internationale Erfahrungen auf Klubebene ersetzen.

Ich persönlich bete seit Monaten dafür, dass sich all diese Transfergerüchte - im Sinne der Weiterentwicklung angesprochener Spieler - im Sande verlaufen mögen. Warum eigentlich? Es macht doch wohl wirklich keinen großen Unterschied aus, ob man nun gegen Grödig oder Sandhausen antreten muss. Auch, ob man gegen Rapid oder Kaiserslautern spielt, sollte für die Entwicklung kaum auschlaggebend sein. Also eigentlich völlig egal, ob man für RB Leipzig oder RB Salzburg aufläuft? Nein, leider ganz und gar nicht.

Das Problem: Kein Spitzenduell in der Zweiten Deutschen Bundesliga wird jemals jenen „Aha-Effekt“ ersetzen können, der in der Regel eben nur durch Duelle auf internationaler Ebene bei weitaus höherem Tempo und höherer Intensität zu Stande kommt. Kurzum: Ein Spieler wie Marcel Sabitzer wird in zwei Champions League-Qualifikations-Duellen und einer möglichen Gruppenphase (egal ob CL oder Euro League) aller Voraussicht nach mit Salzburg sportlich weitaus wertvollere Erfahrungen machen als in 34 Spielen in der Zweiten Deutschen Liga.

Sollte einer der angeführten Spieler also die nächste Saison tatsächlich bei RB Leipzig abspulen, wird ihn das auf internationaler Ebene – und damit im Hinblick auf die Europameisterschaft - vermutlich keinen Zentimeter weiterbringen. Der derzeitige Run des Nationalteams basiert eben nicht zuletzt darauf, dass immer mehr Führungsspieler in der Champions- oder Euro League Jahr für Jahr ihren Mann stehen müssen (bestes Beispiel dafür: die junge, aber mittlerweile ziemlich abgebrühte Innenverteidigung mit Dragovic und Hinteregger ). Ein Rückschritt in diesem Bereich wäre tatsächlich fatal.

Derzeit steht das ÖFB-Team auf Platz 25 der FIFA-Weltrangliste. Da kein Team der Welt ernsthaft das Ziel haben kann, sich längerfristig zurückzuentwickeln, wäre also der nächste logische Schritt, nach Höherem zu streben. Ein Top-Ten Platz in der FIFA-Rangliste (die Schweiz ist derzeit z.B. Neunter) könnte ein solches – zugegebenermaßen sehr ambitioniertes – Ziel sein. Dieses wird man jedoch unmöglich erreichen können, wenn auch nur ein Teil des Kaders sein tägliches Brot in der Zweiten Deutschen Bundesliga verdient. Bei Nationalteams, an denen wir uns orientieren könnten und sollten - wie eben den Eidgenossen oder auch den Tschechen und Kroaten - wird man nämlich in den Kaderzusammenstellungen der letzten Jahre mit 99,97-prozentiger Wahrscheinlichkeit vergeblich nach Zweitliga-Spielern suchen.


Lieber Herr Rangnick, werden Sie jetzt nun bloß nicht zur Yoko Ono des österreichischen Fußballs!

Deswegen möchte ich an dieser Stelle drei verzweifelte Appelle anbringen; auch, wenn es möglicherweise nicht allzu viel bringen wird:

1.) Liebe ÖFB-Spieler! Denkt zweimal – nein, sorry – denkt bitte zwölfmal nach! Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt, wegen ein paar schönerer Stadien und ev. ein paar Euro mehr eine mögliche Teilnahme an einem Großereignis aufs Spiel zu setzen? Überlegt bitte einfach einmal kurz, wie häufig man als ÖFB-Spieler in den letzten Jahrzenten so im Durchschnitt die Möglichkeit hatte, bei einer EM oder WM dabei zu sein. Genau! Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit.

2.) Lieber Marcel Koller! Setzen Sie bitte ein Zeichen. Versuchen Sie, besonders jenen Spielern, die für ihre Auswahl in Frage kommen, klarzumachen, dass es für ihre eigene sportliche Entwicklung und jene des ÖFB-Teams nicht unbedingt förderlich sein kann, zum jetzigen Zeitpunkt in die Zweite Deutsche Bundesliga zu wechseln und damit auf internationale Erfahrungen im Klubfußball komplett zu verzichten. Führen Sie bitte viele Einzelgespräche. Machen Sie den Spielern unmissverständlich klar, dass die Chancen einer Einberufung für den möglichen EURO-Kader mit einem solchen Wechsel deutlich schwinden würden.

Und schließlich

3.) Lieber Ralf Rangnick! Ich weiß, Ihnen wird relativ egal sein, welche Rolle Österreich bei der EURO 2016 einnehmen wird. Natürlich geht es für Sie nun vor allem darum, RB Leipzig möglichst schnell und ohne Probleme in die Deutsche Bundesliga zu führen. Eine Bitte hätte ich jedoch: Versuchen Sie, sich in den nächsten beiden Transferperioden einstweilen mal mit gestandenen Spielern außerhalb Österreichs zu verstärken und lassen sie die Salzburg-Perspektiv-Spieler vorerst einmal dort, wo sie sind. Als rational denkender Mensch wird es für Sie sicher ein nachzuvollziehender Ansatz sein, im Hinblick auf den Aufstieg zunächst eher auf erfahrene Spieler zu setzen. Dieses Rezept hat sich in der Vergangenheit ja schon oft bewährt. Wenn Sie dann ihr großes Ziel erreichen sollten, können Sie Sabitzer , Hinteregger & Co. ja immer noch ins deutsche Red Bull-Boot umschiffen. Es könnte auch für Sie schließlich von Vorteil sein, dass diese Spieler dann bereits über mehrjährige internationale Erfahrung verfügen.

Also bitte, lieber Herr Rangnick, werden Sie nun bloß nicht zur Yoko Ono des österreichischen Fußballs – „Sgt. Pepper‘s“ ist in diesem Fall nämlich noch gar nicht erschienen.

Vielen herzlichen Dank und ganz liebe Grüße