Fußballkolumne: Warum Hartberg in der Ersten Liga bleiben muss

Hartberg-Stürmer Günter Friesenbichler geht nicht unter

Hartberg-Stürmer Günter Friesenbichler geht nicht unter

Kabinenpredigt: Abstiegskampf heißt Überlebenskampf. Und niemand beherrscht diesen Tanz über dem Abgrund besser als der TSV Hartberg. Genau deshalb brauchen wir den steirischen Klub noch länger im Profifußball. Ein Plädoyer für ein Stehaufmännchen.

Haben Sie auch diesen einen Freund in ihrem Bekanntenkreis, der sich seit Jahren verzweifelt an einem Strohhalm festklammert, weil er nicht absaufen will? Und dabei geht es ihm gar nicht darum Glamour, Geld und Ruhm zu retten, sondern einfach nur darum, über die Runden zu kommen – Woche für Woche zu ackern, für 1200 netto im Monat. Ja, den kennen Sie? Den gibt’s nämlich auch im österreichischen Fußball. Er heißt Hartberg, und ist eine Runde vor Saisonende Tabellenschlusslicht der Ersten Liga, Österreichs zweithöchster Spielklasse. Und weil jede Gesellschaft, jeder Bekanntenkreis, jede Familie, jedes Unternehmen und jede Fußballliga so einen Charakter, so ein Stehaufmännchen braucht, das uns daran erinnert, wie es ist, jedes Jahr am Abgrund zu tänzeln, nur um erneut im letzten Moment nicht abzustürzen, muss Hartberg in der Ersten Liga bleiben.


Wer braucht diesen Klub eigentlich im Profifußball?

Zur Ausgangslage: Am morgigen Freitag (29. Mai) geht die 36. und letzte Runde einer spannenden Zweitligasaison zu Ende. Hartberg liegt mit 38 Punkten und einer Tordifferenz von -17 Toren am Tabellenende, Horn nimmt mit 38 Punkten und -13 Toren Platz neun ein, Innsbruck (40 Punkte, -14 Tore) liegt auf Platz acht und der Floridsdorfer AC rangiert mit 40 Punkten und -9 Toren auf Platz sieben. Die letzten beiden Mannschaften steigen ab - in der letzten Runde trifft Hartberg auf St. Pölten, Innsbruck auf Horn und Floridsdorf auf den LASK.

Hartberg-Trainer Bruno Friesenbichler sagt, was Sache ist

Ein kurzer Rückblick auf die Saison: Hartberg hat in den ersten sechs Runden kein einziges Tor geschossen und 18 bekommen, der erste Sieg gelang erst in Runde zehn, die Abstiegsränge hat der Klub aus der Oststeiermark in der ganzen Saison nie verlassen. Dass die Steirer überhaupt noch eine Chance auf den Klassenerhalt haben, ist eigentlich schon ein kleines Wunder. Und doch ist die Frage berechtigt: Wer braucht diesen Klub, der eine katastrophale und turbulente Saison gespielt hat, eigentlich im Profifußball?

Nüchtern betrachtet müsste Hartberg schon längst abgestiegen sein

Die Antwort liegt in den vergangenen Spielsaisonen: 2009 gelang Hartberg unter Trainer Bruno Friesenbichler erst im letzten Spiel, sprichwörtlich in den letzten Minuten durch einen 6:0-Sieg gegen den SAK Klagenfurt der Aufstieg in die Erste Liga. Die folgende Saison im Profifußball beendete man auf dem 8. Platz. Und dann ging es los: Kurt Garger, dem neuen Trainer der Saison 20011/12, folgte kurz darauf Walter Hörmann und am Ende der letzte Tabellenplatz, der eigentlich den sicheren Abstieg bedeutet hätte. Doch dank des Lizenzentzuges des LASK rettete man sich in die Relegation gegen den GAK und blieb – inklusive Platzsturm der GAK-Fans – in der Liga. Neue Saison, neuer Trainer. Und bei einem blieb es nicht. Auf Andreas Moriggl folgte Paul Gludovatz und Platz neun am Saisonende. Die Relegation ersparte man sich diesmal, weil dem achtplatzierten FC Lustenau die Lizenz entzogen wurde. Es folgten Bruno Friesenbichler, das skurrile Engagement des Bosniers Ivo Istuk und wieder Bruno Friesenbichler.


Hartberg, bitte bleib noch ein Jahr!

Nüchtern betrachtet müsste ein Klub, der in so kurzer Zeit derart viele Böcke schießt, schon lange abgestiegen sein. Aber die Hartberger blieben oben. Nicht, weil sie besonders gut Fußball spielen können, sondern einfach, weil sie rennen, kämpfen und sich an der Liga festhalten wie an einem Rettungsstrohalm. Und niemand verkörpert diese Stehaufmännchenqualität besser als Trainer Bruno Friesenbichler und sein im Angriff spielender Bruder Günter. Man mag die beiden nicht besonders sympathisch finden, aber beide bereichern den Abstiegskampf in Österreichs höchsten Spielklassen seit Jahren durch ihre Widerstandsfähigkeit. Die Friesenbichlers stehen stellvertretend für den ganzen Klub. Sie sind wie der eine Freund, der Verwandte in der Familie, der Kollege im Unternehmen, den man jedes Jahr wieder bei der Geburtags-, Familien- oder Firmenfeier sieht. Und man wundert sich, dass er noch immer da ist. Und geht man dann nachhause nach dem Fest, nachhause aus dem Stadion, ist man doch froh, dass er noch da ist, stets über dem Abgrund tänzelnd und sich am Strohhalm festklammernd. Weil er nicht absaufen will.

Das ist schön, das ist beruhigend! Hartberg, bitte bleib noch ein Jahr!