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Gaza, Russland, Pandemie: Über schlechte Wörter, verkorkste Debatten und verlorene Klarheit

Schlechte Wörter. Ein Essay von Martin Prinz

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Wie soll man die Dinge benennen, über die man miteinander redet? Warum sind manche Gespräche schon zu Ende, nachdem nur ein Wort geäußert wurde? Der Autor Martin Prinz macht sich in dem folgenden Text Gedanken über das Medium, mit dem wir unsere Welt sortieren: die Sprache, die Wörter und Begriffe, die – wenn es um den Krieg in Gaza geht, um den Klimawandel, um geschlechtliche Identitäten oder die Coronapandemie – als Signale wirken, die immer auch schon eine Haltung transportieren. Und die das Miteinander-Sprechen deshalb so schwierig machen. Wir missverstehen uns. Aber warum? 


 

„Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr.“

Ilse Aichinger, 1976

 

I.

Krieg ist ein entsetzlich kühles Wort. Es nennt weder Angreifer noch Verteidiger, nicht Täter, nicht Opfer. Das Wort Krieg umreißt einen Zustand, von dem es keinen Begriff geben kann. Anders als Krieg lässt sich deshalb nicht bezeichnen, was mit der blutrünstigen Attacke paramilitärischer palästinensischer Verbände auf israelische Dörfer, Siedlungen, Militärposten und ein Open-Air-Musikfestival im Herbst 2023 begann. Ein Krieg, der von Anfang an nicht nur auf doppelten Böden ausgetragen wurde, sondern auf so unterschiedliche Art und Weise, dass der militärische Terminus von der Asymmetrie längst nicht mehr veranschaulicht, wie jede Seite hier im Grunde ihren eigenen Krieg führt. Ein Krieg, der jedoch nicht mehr unterscheidet, ob es die Feinde sind, die man in Geiselhaft hält, oder die eigene Bevölkerung, entscheidet sich nicht mehr durch Konfrontation, sondern geht ins Leere. So wird ein solcher Krieg, wenn militärische Verbände wie die Terrororganisationen der Hamas oder des Palästinensisch Islamischen Jihad das von ihnen kontrollierte Gebiet und die darin lebende Bevölkerung lediglich als offensiv eingesetzte Schutzschilde der Vernichtung preisgeben, militärisch von keiner Seite mehr gewonnen. Von der einen nicht, weil sie nicht will, von der anderen, weil sie nicht kann. Entsetzlich leer ist es dann, nicht nur das Wort Krieg.

Dagegen ist Genozid ein ganz anderes Wort. Gut und böse kennt es genau, ordnet ein, ordnet zu. Bleibt das Unbegreifliche noch so unbegreiflich, das Entsetzliche noch so entsetzlich, sagen wir Genozid, nehmen wir eine Position ein, die uns das Wort Krieg nie erlaubte. Damit unterscheiden wir nicht nur Opfer und Täter, sondern in jedem Fall auch uns selbst. Sagen wir Krieg, sind wir leise. Sagen wir Genozid, sind wir laut. Verdächtig leise und verdächtig laut.

II.

Menschlichkeit ist ein gutes, ein wärmendes Wort. Sie schafft es trotz ihrer von der Menschheit kaum zu trennenden Geschichte, stets als so weit offenes Herz wahrgenommen zu werden, dass die Mördergrube darin ein ums andere Mal übersehen wird. Genau die Menschlichkeit, die reine Menschlichkeit, war letzten Herbst auch jenem Theatermann schnell zur Hand, als er ernsthaft meinte, inmitten all der längst lauthals hochgeschaukelten Proteste gegen den Staat Israel, gegen die Regierung Israels, gegen die Armee Israels, gegen den Zionismus sowie gegen alle, die auch nur irgendetwas Israelisches noch unterstützten, er müsse nun allein das nur mehr von ihm festgestellte Schweigen zum Gazakrieg brechen.

Die reine Menschlichkeit, so musste es der Theatermann jener in seinen Ohren stummen, in Wirklichkeit aber in Sachen Gazakrieg und Israel so laut und im Streit aufstampfenden Bevölkerungsgruppe der Künstlerinnen und Künstlern ins Gesicht schreien, allein die Menschlichkeit kenne keine zwei Seiten, weshalb es leicht sei, in Sachen Gaza eindeutig zu sein. Denn heute, so der Theatermann, heute, wiederholte er, wie manches in seinem Aufruf, müsse man eindeutig sein. Als ließe sich nur mittels Eindeutigkeit jenes Schweigen beenden, das er mitten in all den dröhnenden Protesten gegen Israel immer noch hörte. Erst die Dinge bei ihrem Namen zu nennen, heiße auch zu reden und nicht zu schweigen. Der unmissverständliche Name dafür: Genozid.

So einfach ist das, wenn man gleich auch alle Diskussionen über den Begriff Genozid als linguistische Spielereien abkanzelt. Mindestens ebenso einfach ist es, auf Basis des selbst ausgerufenen Urteils Konsequenzen anstatt weiteren künstlerischen Geredes einzufordern, Gesetze seien doch nicht dazu gemacht, deklamiert zu werden wie Gedichte, sondern um in die Tat umgesetzt zu werden. Wie Jesus, so fügte er in heidnischer Bescheidenheit hinzu, dies bereits in einem Vorläufertext seines Aufrufes gesagt habe: „Wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.“

Menschlichkeit ist ein gutes, ein wärmendes Wort. Sie schafft es trotz ihrer von der Menschheit kaum zu trennenden Geschichte, stets als so weit offenes Herz wahrgenommen zu werden, dass die Mördergrube darin ein ums andere Mal übersehen wird.