Gaza, Russland, Pandemie: Über schlechte Wörter, verkorkste Debatten und verlorene Klarheit
Schlechte Wörter. Ein Essay von Martin Prinz
25.12.25
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Wie soll man die Dinge benennen, über die man miteinander redet? Warum sind manche Gespräche schon zu Ende, nachdem nur ein Wort geäußert wurde? Der Autor Martin Prinz macht sich in dem folgenden Text Gedanken über das Medium, mit dem wir unsere Welt sortieren: die Sprache, die Wörter und Begriffe, die – wenn es um den Krieg in Gaza geht, um den Klimawandel, um geschlechtliche Identitäten oder die Coronapandemie – als Signale wirken, die immer auch schon eine Haltung transportieren. Und die das Miteinander-Sprechen deshalb so schwierig machen. Wir missverstehen uns. Aber warum?
„Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr.“
Ilse Aichinger, 1976
I.
Krieg ist ein entsetzlich kühles Wort. Es nennt weder Angreifer noch Verteidiger, nicht Täter, nicht Opfer. Das Wort Krieg umreißt einen Zustand, von dem es keinen Begriff geben kann. Anders als Krieg lässt sich deshalb nicht bezeichnen, was mit der blutrünstigen Attacke paramilitärischer palästinensischer Verbände auf israelische Dörfer, Siedlungen, Militärposten und ein Open-Air-Musikfestival im Herbst 2023 begann. Ein Krieg, der von Anfang an nicht nur auf doppelten Böden ausgetragen wurde, sondern auf so unterschiedliche Art und Weise, dass der militärische Terminus von der Asymmetrie längst nicht mehr veranschaulicht, wie jede Seite hier im Grunde ihren eigenen Krieg führt. Ein Krieg, der jedoch nicht mehr unterscheidet, ob es die Feinde sind, die man in Geiselhaft hält, oder die eigene Bevölkerung, entscheidet sich nicht mehr durch Konfrontation, sondern geht ins Leere. So wird ein solcher Krieg, wenn militärische Verbände wie die Terrororganisationen der Hamas oder des Palästinensisch Islamischen Jihad das von ihnen kontrollierte Gebiet und die darin lebende Bevölkerung lediglich als offensiv eingesetzte Schutzschilde der Vernichtung preisgeben, militärisch von keiner Seite mehr gewonnen. Von der einen nicht, weil sie nicht will, von der anderen, weil sie nicht kann. Entsetzlich leer ist es dann, nicht nur das Wort Krieg.
Dagegen ist Genozid ein ganz anderes Wort. Gut und böse kennt es genau, ordnet ein, ordnet zu. Bleibt das Unbegreifliche noch so unbegreiflich, das Entsetzliche noch so entsetzlich, sagen wir Genozid, nehmen wir eine Position ein, die uns das Wort Krieg nie erlaubte. Damit unterscheiden wir nicht nur Opfer und Täter, sondern in jedem Fall auch uns selbst. Sagen wir Krieg, sind wir leise. Sagen wir Genozid, sind wir laut. Verdächtig leise und verdächtig laut.
II.
Menschlichkeit ist ein gutes, ein wärmendes Wort. Sie schafft es trotz ihrer von der Menschheit kaum zu trennenden Geschichte, stets als so weit offenes Herz wahrgenommen zu werden, dass die Mördergrube darin ein ums andere Mal übersehen wird. Genau die Menschlichkeit, die reine Menschlichkeit, war letzten Herbst auch jenem Theatermann schnell zur Hand, als er ernsthaft meinte, inmitten all der längst lauthals hochgeschaukelten Proteste gegen den Staat Israel, gegen die Regierung Israels, gegen die Armee Israels, gegen den Zionismus sowie gegen alle, die auch nur irgendetwas Israelisches noch unterstützten, er müsse nun allein das nur mehr von ihm festgestellte Schweigen zum Gazakrieg brechen.
Die reine Menschlichkeit, so musste es der Theatermann jener in seinen Ohren stummen, in Wirklichkeit aber in Sachen Gazakrieg und Israel so laut und im Streit aufstampfenden Bevölkerungsgruppe der Künstlerinnen und Künstlern ins Gesicht schreien, allein die Menschlichkeit kenne keine zwei Seiten, weshalb es leicht sei, in Sachen Gaza eindeutig zu sein. Denn heute, so der Theatermann, heute, wiederholte er, wie manches in seinem Aufruf, müsse man eindeutig sein. Als ließe sich nur mittels Eindeutigkeit jenes Schweigen beenden, das er mitten in all den dröhnenden Protesten gegen Israel immer noch hörte. Erst die Dinge bei ihrem Namen zu nennen, heiße auch zu reden und nicht zu schweigen. Der unmissverständliche Name dafür: Genozid.
So einfach ist das, wenn man gleich auch alle Diskussionen über den Begriff Genozid als linguistische Spielereien abkanzelt. Mindestens ebenso einfach ist es, auf Basis des selbst ausgerufenen Urteils Konsequenzen anstatt weiteren künstlerischen Geredes einzufordern, Gesetze seien doch nicht dazu gemacht, deklamiert zu werden wie Gedichte, sondern um in die Tat umgesetzt zu werden. Wie Jesus, so fügte er in heidnischer Bescheidenheit hinzu, dies bereits in einem Vorläufertext seines Aufrufes gesagt habe: „Wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.“
Menschlichkeit ist ein gutes, ein wärmendes Wort. Sie schafft es trotz ihrer von der Menschheit kaum zu trennenden Geschichte, stets als so weit offenes Herz wahrgenommen zu werden, dass die Mördergrube darin ein ums andere Mal übersehen wird.
III.
Im Gegensatz glaube ich schon lange nicht mehr, dass die Welt erst zur Sprache kommt, wenn man die Dinge bei ihrem Namen nennt. Ich glaube daran weder im Alltag noch in der Kunst. Am wenigsten glaube ich den Wörtern, die für die richtigen gehalten werden, weil sie etwas beim Namen nennen. Genozid ist eines davon, es kann aber auch Angriffskrieg heißen. Hauptsache, es ist eindeutig genug. Hauptsache, wir sind eindeutig genug. Sagen wir Angriffskrieg, benennt es nicht bloß einen Krieg. Sagen wir Angriffskrieg, benennt es immer auch unsere Position in diesem Krieg. Sagen wir Angriffskrieg statt Krieg, haben wir auch schon Position in der Auseinandersetzung über den Krieg bezogen. Angriffskrieg sagen wir dann im Meinungskrieg, als hätten wir alles gesagt, dabei haben wir gerade erst ein Wort gesagt, im Grunde also gar nichts gesprochen, das überhaupt in der Lage wäre, jemand anderen auch anzusprechen. Angriffskrieg haben wir gesagt oder Erderhitzung oder Impfleugner und damit nur ein Geschoss abgefeuert oder zumindest eine Signalrakete, laut genug, deutlich genug, dass uns auf Covidiot, Genozid oder Putinist auch Schweigen als Antwort genügen würde, und es wäre alles gesagt, oder zumindest genug, um nichts auftauchen zu lassen, das vielleicht doch noch eine weitere Welt sein könnte, geschweige denn eine gemeinsame.
IV.
Auf das Wort Menschlichkeit wollte sich einer wie der Theatermann dann doch nicht verlassen. Auch Gottes Sohn scheint ihm zu wenig, um sein Plädoyer ins Endgültige zu überführen. Da nehmen wir lieber die Shoah, sagte so einer. Wir, sagte er, nicht ich, und sagte es uns, anstatt bloß sich: „Wir haben kein Recht zu schweigen … Wir sind die drei Nationen des klassischen Faschismus. Wir haben vor nicht langer Zeit einen Völkermord geplant und ausgeführt, den Genozid an den europäischen Juden*Jüdinnen, den schrecklichsten Völkermord aller Zeiten. Wir haben schon damals geschwiegen und einfach weitergemacht. Wir haben uns weggeduckt, weil wir Angst um unsere Positionen hatten, weil wir die Dinge nicht einseitig betrachten wollten. Weil die Kunst ihren eigenen Wert habe und die Lage eben widersprüchlich sei. Auch damals lag alles zutage, und auch damals haben wir das Schlimmste unter Euphemismen versteckt.“
V.
Das richtige Wort ist ein entsetzlich erstickendes Wort. Ob als gutes oder als schlechtes Wort. Es sieht aus wie ein Einfamilienhaus am flachen niederösterreichischen Land. Hinter der neongelben, pinken oder schreigrünen Fassade, den knallweißen Fensterumrahmungen und unter einem graukalten Blechdach.
VI.
Menschlichkeit und Völkermord. Genozid und Gaza. Sagte einer wie er auch Krieg? Krieg sagte er nicht. Auch kein anderes Wort, nicht Genozid, Kriegsverbrechen, Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sagte er über irgendeinen anderen der in der Welt geführten Kriege. Schon gar nicht, dass im Sudan in einem ähnlichen Zeitraum doppelt so viele Todesopfer zu beklagen wären, und erst recht kein Wort zu den über hundert Frauen, die sich dort aus Angst vor Vergewaltigung und Schändung gemeinsam selbst umbrachten.
„Heute müssen wir eindeutig sein“, sagte einer wie er. „Wir müssen sagen, was wir denken. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit auf das lenken, was draußen geschieht in der Welt. Und wir müssen aufhören, darüber zu schweigen.“
Schon einmal, sagt man dann, hätten wir geschwiegen und verschweigt in dem Vergleich mit der Shoah so gut wie alles, das sie im Gegensatz zum Gazakrieg zu einem derartigen Menschheitsverbrechen machte. Denn die Shoah war kein Kriegsverbrechen. Weder fand sie als Krieg statt, noch aufgrund eines Krieges. Die Shoah steht als ein im Grunde undenkbarer Moment in der Geschichte der Menschheit, an dem sich die Fertigkeiten von Maschinisierung und Industrialisierung zu keinem anderen Zweck gegen ein Volk richteten als dessen völliger Auslöschung.
Angriffskrieg haben wir gesagt oder Erderhitzung oder Impfleugner und damit nur ein Geschoss abgefeuert oder zumindest eine Signalrakete, laut genug, deutlich genug, dass uns auf Covidiot, Genozid oder Putinist auch Schweigen als Antwort genügen würde, und es wäre alles gesagt.
VII.
Das richtige Wort, der richtige Name, für das Meinen ist es ebenso entscheidend wie für das Gemeintsein. Kein Wunder, wie nah das Zeitwort im Meinen an das besitzanzeigende Fürwort grenzt. Gemeint sein bleibt in Zeiten, in denen man mit 99 Prozent Mehrheit gegen die in jeder Hinsicht immer weiter entfernte Minderheit nichts mehr ausrichtet, rein auf das Persönliche beschränkt. Da sich die richtige Benennung aber oft nur mehr als Teil einer Liste aus Buchstaben und Sonderzeichen ausgeht, entpuppen sich die richtigen Wörter und Namen endlich auch als jener Code, der sie in ihren Geheimherzen immer schon waren.
Ob politisch, sozial oder ökonomisch, wer profitiert, wenn es sich die 99-prozentige Mehrheit in Minderheiten einrichtet, braucht keine Antwort mehr. Fein säuberlich gepflegt erscheinen die Eigenheime in grellen Farben. Vorgärten und Fassaden gepflegt, die Jalousien elektrisch, die Videokameras Tag und Nacht auf die äußere Welt gerichtet, in der inneren der bläuliche Schimmer von Displays und Bildschirmen, vielleicht kein Name an der Gegensprechanlage, doch ein Personalpronomen.
VIII.
„Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr. Der Regen, der gegen das Fenster stürzt. Früher wäre mir da etwas ganz anderes eingefallen. Damit ist es jetzt genug. Der Regen, der gegen das Fenster stürzt. Das reicht“, schreibt Ilse Aichinger über die besseren Wörter 1976 in ihrem Text Schlechte Wörter.
„Den Untergang vor sich her schleifen, das fiel mir auch ein, es ist sicher noch viel angreifbarer als der stürzende Regen, denn man schleift nichts vor sich her, man schiebt es oder man stößt es, Karren zum Beispiel oder Rollstühle, während man andere Dinge wie Kartoffelsäcke nachschleift, andere Dinge, keinesfalls Untergänge, die werden anders befördert. Ich weiß das und die bessere Wendung lag mir auch schon auf der Zunge, aber nur um zu fliehen“, notiert Ilse Aichinger, die im Mai 1942 als 21-jährige junge Frau ihre Großmutter, Tante und Onkel auf der Schwedenbrücke das letzte Mal sah, als sie auf einen offenen Lkw stiegen und zum Aspangbahnhof gebracht wurden, wo sie in Viehwägen in das Vernichtungslager Maly Trostenez verfrachtet und ermordet wurden.
IX.
Ob es Zufall sein mag, dass jenes große Wir, in dem man dem Damals so leichtfertig Schweigen unterstellt, beinahe wortwörtlich zu einem Aufruf wahrhaftig Mutiger führt?
„Wir schweigen nicht“, so schrieben es die Mitglieder der Weißen Rose im Sommer 1942 in das vierte Flugblatt, ehe sie aufs Ganze gingen: „Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen, die Weiße Rose läßt Euch keine Ruhe! Bitte vervielfältigen und weitersenden!“
X.
„Und ich? Ich könnte mich wehren … aber ich tue es nicht. Ich schaue zu. Ich schaue zu, wie alles und jedes seine rasche, unzutreffende Bezeichnung bekommt, ich tue sogar seit kurzem mit. Der Unterschied ist nur: ich weiß, was ich tue. Ich weiß, daß die Welt schlechter ist als ihr Name und daß deshalb auch ihr Name schlecht ist.“ (Ilse Aichinger)
XI.
Geld hingegen ist ein erstaunlich offenherziges Wort. Selbst hier spielt es seine Rolle, obwohl es in Zusammenhang mit Krieg kaum für überraschende Wendungen gut ist. Dass Algorithmen jedes Wort zur Munition machen und jede Meinung zur Kriegserklärung, ist Metapher und Geschäftsmodell, doch längst keine Erkenntnis mehr. Wie nah uns derartige Verwertungszusammenhänge längst gerückt sind, begreifen wir ebenso selbstverständlich, wie es gerade als Selbstverständlichkeit unbegriffen bleibt. Bis ich unlängst davon las, dass Anwaltskanzleien die digitalen Gefechte über den Gazakrieg als neues Geschäftsfeld entdeckt haben, um jene, die in der vermeintlichen Privatheit ihrer digitalen Echokammern einmal ein zu großes, zu ärgerliches Wort in der Debatte verwendeten, mit Beleidigungsklagen einzudecken, und das nicht selten gleich im Doppel mit Klagen wegen Kreditschädigung. Womit bewiesen ist, dass selbst die größten Zusammenhänge dieser Welt am anderen Ende ihrer Verwertungsketten doch wieder nur bei Mistsammlern in den Hinterhöfen landen.
Wochen später dann, so berichtete es jene Wiener Jüdin, die im Zuge der Gazakriegsdebatten mit einer solchen Klage eingedeckt worden war, tauchten Männer mit T-Shirts in der Innenstadt auf, auf denen der Schriftzug prangte: „Steckt Euch Euren Holocaust in den Arsch!“