Gefangener der Superlative: Angelika Hager erinnert sich an Udo Jürgens

Gefangener der Superlative: Angelika Hager erinnert sich an Udo Jürgens

Udo Jürgens begriff sich selbst als Produkt. Im Medienumgang war er ein entsprechend glatter Profi. Angelika Hager über einen Künstler, den man bei Interviews selten, aber doch abgeschminkt erleben konnte.

Auf der „Schnapshans“-Alm bei Zell am See, einer alpinen Ballermann-Arena auf 2000 Metern, gibt der DJ vor dem Jahreswechsel bereits zu Mittag Vollgas. Mit Udo. Natürlich. Draußen fegt der Wind, keine Idee von Sonne, drinnen schunkeln und singen Dutzende Skifahrer quer durch alle Altersgruppen zum Refrain: „Immer, immer wieder geht die Sonne auf – und wieder bringt ein Tag für uns ein Licht – Ja, immer, immer wieder geht die Sonne auf, denn Dunkelheit für immer gibt es nicht.“ Hier spürt man hautnah, wie Schlager funktioniert. Und dass es völlig sinnlos ist, diese Art von Musik peinlich zu finden. Denn sie ist zu mächtig. Eine Art Naturgewalt. Ein Bindemittel quer durch Generationen. Die treffendste enzyklopädische Begründung für die Zugkraft des Schlagers lautet: „Einfache musikalische Strukturen und triviale Texte appellieren hier an das Harmonie- und Glücksverlangen des Zuhörers.“

Dass Udo Jürgens am 21. Dezember bei einem Spaziergang am Bodensee an Herzversagen gestorben ist, fällt beim „Schnapshans“-Auditorium gar nicht ins Gewicht. Er ist da. Genauso wie er da sein wird, wenn er mit dieser tremolierenden „Moderatorenstimme“, wie er selbst fand, in den kommenden Jahren Klassenkränzchen, Fünfuhrtees, Perfektionsklassen von Tanzschulen, Karnevals-Discos und Betriebssausen mit Liedern über minderjährige Blondinen, verlorene Lieben, die Einsamkeit nach dem Erfolgsrausch, die Kraft von Schlagobers als Antidepressivum und die Melancholie entwurzelter Gastarbeiter beschallen wird.

Unsterblich, unvergessen, einzigartig, gigantisch, Merci, Genie! – Die Adjektive, die in den Kondolenzbüchern und Nachrufen inflationär zum Einsatz gebracht werden, befinden sich nahezu alle im Superlativ-Bereich. Das stillt den Schmerz. Und beschwört die Unsterblichkeit. Denn der „völlig überraschende“ Tod von Udo Jürgens machte seinen Anhängern auch die eigene Vergänglichkeit schmerzhaft bewusst. Wenn so einer gehen muss, dann wird uns das auch irgendwann blühen, lautet da die so irrationale wie wehmütige Erkenntnis. Deswegen muss Udo nach seinem Abgang unter allen Umständen am Leben gehalten werden. Außerdem ist er – mehr als alle anderen Protagonisten im deutschsprachigen Glücksbringer-Business – auch noch der beste Freund seines Publikums. Der deutsche Schlagerstar, dessen Oberliga Jürgens seit einem halben Jahrhundert anführte, hat generell für seine Fans vor allem die Funktion von Beziehungsersatz; das ist wissenschaftlich erwiesen. Im Gegensatz zum Popidol, dessen Anbetung erotisch motiviert ist.

In den fünf Interviews, die ich mit Udo Jürgens seit der Jahrtausendwende für profil führte, kam der Tod zwar immer wieder vor, doch er war vor allem etwas, was die anderen betraf. Diese Aussparungsstrategie war auch schlüssig, denn schließlich ist der Tod die ungeheuerlichste aller narzisstischen Kränkungen. Jürgens wich dann mit Sätzen wie „Das Leben wird immer kürzer“ oder „Durch die Sanduhr der Zeit fließt jetzt Platin“ aus. Wichtig wäre ihm, beteuerte er ungefragt, dass ihm seine Antennen rechtzeitig signalisierten, wann der Peinlichkeits-Faktor erreicht wäre und man den „alten Dodel nicht mehr sehen will“: „Ich möchte nicht auf der Bühne sterben.“ Eine glatte Lüge. Wahrscheinlich hatte er sich nichts sehnlicher gewünscht, als noch in der Schlussapplaus-Euphorie in jenem sattsam rezensierten weißen Bademantel auf dem Weg in die Garderobe „mitten aus dem Leben“ gerissen zu werden. Wie sonst könnte man sich erklären, dass der deutliche Hinweis, sich auf dem Lebensweg im Tempobereich zwischen „allegro“ und „vivace“ zu befinden, auch zum Motto seines letzten Konzertmarathons erhoben wurde: „Mitten im Leben“ hieß es da fast trotzig.

Nach der obligaten Frage „Welche Art von Tod wünschen Sie sich?“ wurde dann in unseren Gesprächen von ihm nahezu übergangslos das Feuerwerk der Superlative gezündet: Wie „unfassbar“ und „gigantisch“ es wäre, dass die Konzerthallen noch immer mit Tausenden gefüllt sind, und noch immer hätte er auf der Bühne jenes unbeschreibliche Gefühl, dass die „Erdachse mitten durch ihn hindurch gehe“. Udo Jürgens wusste, dass er dem Produkt Udo Jürgens Alterslosigkeit und das Schild „Ausverkauft!“ schuldig war. Auf der MS Udo existierte das Prinzip Vergänglichkeit nicht: Noch mit knapp 80 ließ er sich für eine ARD-Dokumentation im obligaten weißen, taillierten Hemd, mit aufgekrempelten Jeans und sorgsam toupierter wilder Mähne beim barfüßigen Strandspaziergang filmen. Es muss verdammt anstrengend gewesen sein, diesen Dorian-Gray-Komplex auszuleben.

Dem Untergang nahe gewesen wäre er in sicherer Distanz, so zwischen 30 und 40, wie er mir um ein Uhr mittags bei einem Interview in Karlsruhe in einem dieser austauschbaren, gesichtslosen Hotelkästen am Tag nach einem natürlich „gigantischen, restlos ausverkauften“ Konzert im Jahr 2000 erzählte. Diese Ansicht eines brüchigen, kaputten Udo war damals neu und kam überraschend, denn ich hatte Jürgens in den Jahren zuvor als glatten, unantastbar professionellen und wenig überraschenden Gesprächspartner empfunden, der einem häufig anstelle von echten Antworten vorgefertigte Satz-Klötze zuwarf. Zwischendurch ließ sich Jürgens auch schon gerne einmal von einem Anruf, zum Beispiel von seiner Tochter Jenny, unterbrechen, wo er dann am Schluss „Ich liebe dich Jenny“, alles sehr amerikanisch, in den Hörer hauchte. An die Uhrzeit des damaligen Gesprächs erinnere ich mich deswegen so genau, weil das Management mit der Begründung, Udo brauche „seinen Divenschlaf“ auf den Mittagstermin bestanden hatte. Umgeben von mehreren Obstkörben und in einem sehr engen, mauvefarbenen Seidenhemd zeigte sich Udo abgeschminkt: „Ich hatte zwischen 30 und 40 eine schwere Krise, die vor allem mit Alkohol zu tun hatte. Durch den ständigen Druck hatte ich es mir vor meinen Auftritten zur Angewohnheit gemacht, zu trinken. 1965 in Neapel erlitt ich einen schweren Zusammenbruch. Wir saßen zu fünft in einem Taxi im Stau in diesem Unterwassertunnel. Lautes Gehupe. Ich bekam einen pelzigen Gaumen, sah Sterne, kalter Schweiß stand auf meiner Stirn. Ich war überzeugt, dass ich jetzt gleich einen Herzinfarkt bekomme. Es war aber nur ein Calciummangel. Ich habe mich aus diesem Tiefpunkt mit eigenen Kräften wieder rausgezogen. Alle großen Auftritte abgesagt. Ich war damals psychisch so schlecht beisammen, dass ich klaustrophobische Zustände im Kino oder im Aufzug bekommen habe. Das höchste der Gefühle war, ein kleines Lied bei einer Fernsehshow zu singen …“

Generell ließ das Produkt Udo Jürgens aber kaum Schwächen und Defizite zu: So gesehen war der in Klagenfurt geborene Jürgen Udo Bockelmann, Sohn eines Schlossbesitzers und hocheleganten Landwirts, Enkel eines russischen Bankiers und Neffe des Dadaisten Hans Arp – seine Mutter Käthe war die Schwester des Kunstrevolutionärs – ein Gefangener der selbst auferlegten Superlative. Befremdet sah man zu, wie Jürgens in der erwähnten ARD-Dokumentation anlässlich des „unfassbaren“ Jubiläums nicht nur vor einem Publikum von Zehntausenden, sondern auch als eingekaufter Gala-Star beim Firmendinner eines Betonunternehmers aus Hannover in die Tasten haute. Und die versammelten 200 Gäste ihn merklich als enervierenden Zwischengang betrachteten. Warum tut man sich als 80-jähriger Künstler, der in allen Zweit-, Dritt- und Viertdomizilen gläserne Flügel stehen und für Shirley Bassey und Sammy Davis, Jr. komponiert hat, solche Gigs überhaupt noch an? Warum musste einer, dem nichts mehr zu erreichen blieb, sich im Alter von 80 Jahren über 20 Konzerte am Stück, keines unter drei Stunden auf Starkstrom, auferlegen? „Zehn nach elf“ war der letzte Song, den Udo Jürgens bei seinem letzten Konzert in Zürich Anfang Dezember gesungen hat. Dort heißt es: „Der letzte Ton gesungen, der letzte Akkord verklungen, das letzte Autogramm geschrieben – fühle mich wie übrig geblieben.“ Gut, dieses Erklärungsmodell von der Flucht vor sich selbst klingt so kitschig, klischeehaft und pathetisch wie ein Udo-Jürgens-Song über zerronnene Gefühle, aber ich erlaube mir, daran zu glauben.

profil genoss bei Udo Jürgens immer einen Sonderstatus. Wir bekamen in der Regel mehrstündige Einzeltermine. Vielleicht, weil unsere Leserschaft Udo-Jürgens-Scheiben in der Mehrzahl nur mit spitzen Fingern angegriffen hatte und sich erst mit der Retro-Welle in den 1990er-Jahren wieder mit dem „Troubadour der milden Mitte“ („Die Zeit“) anfreunden konnte. Die Eroberung der Ablehnenden und Zweifler war für einen notorischen Verführer wie Udo Jürgens besonders interessant. Denn natürlich war er in den 1970er- und 1980er-Jahren für alle linksbewegten Barrikadenstürmer der Inbegriff des spießigen Schlagerfuzzis, der, wie Falco sagte, über „alles, was mit Rosen zu tun hatte”, sein Vibrato erklingen ließ. Mit der 68er-Bewegung konnte er selbst mehr sexuell als politisch etwas anfangen. Jürgens (2002, im profil-Interview): „Früher habe ich ohne Ende Gas gegeben. Während der sexuellen Revolution haben wir alle nach dem Motto
,Wer zwei Mal mit derselben pennt, gehört zum Establishment‘ gelebt. Diese wüste Herumnudlerei mit jeder, die eben daherkommt, habe ich längst eingestellt.“

Als „Protestsänger im Smoking, denn Rastalocken und Löcher in den Jeans würde mir keiner abnehmen“, als der er sich später gerne darstellte, taugte Jürgens nur im beschränkten Rahmen: Denn die doppelmoralischen Bewohner des „ehrenwerten Hauses“, in deren Denkrepertoire Homophobie und Panik vor Zuwanderern mit Sicherheit fixe Größen waren, schwenkten in den Konzerthallen ja auch artig und verlässlich ihre brennenden Feuerzeuge. Politisch ordnete sich Jürgens „als Liberaler und Mann der Mitte“ ein, und in allen Interviews, die wir miteinander führten, bezog er scharf Position gegen Rechtsextremismus und Jörg Haider („Er ist der Vater aller faschistischen Tendenzen“, „unzumutbar“), Heinz-Christian Strache bezeichnete er als „kurzsichtig und einen Scharlatan, dessen Interviews mich erschrecken, weil sie zutiefst uneuropäisch und undemokratisch sind“.

Ein Angebot der ÖVP als Quereinsteiger hatte er, das wäre schon „ewig her“, einst abgelehnt: „In der Politik will man doch keine Menschen mit Unterleib. Und ich würde mich auch weigern, mit einer adrett frisierten Frau händchenhaltend auf Plakaten zu posieren. Wenn das mit der Zweisamkeit und den Kindern nicht stimmt, wird man doch gleich zur Sau gemacht.“
Dabei hätte Udo Jürgens selbst die ÖVP ein Lotterleben zugestanden. Die schwarz-blaue Koalition verurteilte er zutiefst. 1990 hatte Jürgens einen Orden von Jörg Haider für Verdienste um das Land Kärnten entgegengenommen. Eine dokumentierbare Tatsache, die er in unserem letzten Gespräch, das wie alle anderen von ihm autorisiert wurde, 2010 negierte: „Den Orden hat mir damals nicht Jörg Haider übergeben. Aber er war sicher hinter den Kulissen dafür tätig. Ich habe diesen Orden als Auszeichnung des Landes Kärnten verstanden.“

Das, was Jürgens beim selben Gespräch über Haider, den er duzte, sagte („Er war leider ein sehr charmanter, gut aussehender Bursche, man hat ihm viel verziehen“), gilt auch für ihn. Mit Jürgens über Frauen, Treue („Ich wollte ja treu sein, mir ist aber immer etwas dazwischengekommen …“), Sexualität und Feminismus zu reden, war manchmal diskussionswürdig, aber immer amüsant. Fast wäre es zu einer Urlaubsaffäre mit der Galionsfigur der Emanzipation, Alice Schwarzer, in einem Clubresort in Agadir gekommen, die nur daran scheiterte, dass der Sänger der Undercover-Reporterin des Magazins „pardon“ „viel zu eitel war“ (Schwarzer zu profil). Jürgens: „Zu eitel? Das hat sie wirklich gesagt? … Na ja, sie schwärmt ja noch heute von meinem federnden Gang.“

Am Ende unseres letzten Gesprächs, das knapp vor der Musical-Premiere von „Ich war noch niemals in New York“ in Wien stattfand und bei dem viel gelacht wurde, zeigte er sich durchaus auch selbstironisch:„Das mag ja gewesen sein, dass ich ein Wahnsinnstyp für Frauen war, aber in meinem Alter bin ich kein Objekt der Sehnsucht mehr. Das ist vorbei.“

profil: Das klingt jetzt fast ein wenig kokett.
Jürgens: Na ja, ich war einmal wirklich extrem fesch, muss ich sagen.

profil:
Da ist ein bisserl was gegangen?
Jürgens: Da ist sehr viel gegangen. Mehr, als man selber wollte …

profil: Haben Sie Buch geführt über Ihre Frauengeschichten?
Jürgens: Nein, das wäre doch ekelhaft, das ist doch was für Verlierer. Ich habe nie etwas gesammelt, schon gar nicht Frauen. Es gibt doch nichts Traurigeres als diese Fummel-Opas, die mit ihren sexuellen Erlebnissen prahlen. Aber ich war ein furchtbarer Macho und konnte mit Nähe nicht umgehen. Nur bei meinen Affären war ich anhänglich, die haben sich oft über Jahre gezogen. Noch heute kommen Damen nach einem Konzert zu mir, manchmal sogar mit ihrem Ehemann, und fragen mich: „Erinnerst du dich noch an mich?“ Der Ehemann gibt mir dann auch immer sehr freundlich die Hand.“

Die Urne von Udo Jürgens wird voraussichtlich Mitte Jänner in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt werden.

Foto: Monika Saulich für profil