Generation Crash

Reka Horvath

Daniel Stifter

Jung, motiviert, chancenlos: Sie investieren in Karrieren, die der Arbeitsmarkt ihnen verweigert, oder steigen gleich gar nicht in ein System ein, an das sie den Glauben verloren haben. Warum die Zukunft für viele gut ausgebildete Menschen unter 30 zum Härtetest wird.

Von Angelika Hager, Sebastian Hofer und Sebastian Huber

Die Arbeitswelt ist paradox. Auf Bewerbungen zumindest zu einem Gespräch eingeladen zu werden, war für die heute 25-jährige Susanne G.* noch vor einigen Jahren kein Problem. Inzwischen hat die Wienerin trotz größerer Berufserfahrung damit zu rechnen gelernt, nicht einmal einen Absage-Schimmelbrief zu bekommen. Dabei belegt ihr „Curriculum vitae“ Engagement, Ehrgeiz, Risikobereitschaft, Flexibilität und Individualismus. Nach der Matura verbrachte sie ein Au-Pair-Jahr in Washington, wo sie gleichzeitig Kurse für internationale Betriebswirtschaft belegte; mit 22 hielt sie ihren Magister in Theater-, Film- und Medienwissenschaft (Nebenfach Politikwissenschaft) in Händen. Während ihres Studiums absolvierte sie zusätzlich einen Speziallehrgang für Kulturmanagement. Sie beherrscht Französisch und Englisch in Wort und Schrift, Spanisch und Albanisch in Grundkenntnissen. Sie hat Jobs und Praktika in einer Unternehmensberatung, einer Münchner PR-Firma und einer Galerie mit Erfolg hinter sich gebracht.

Die Ambitionen der Dissertantin auf eine Universitätskarriere wurden unlängst einem Härtetest ausgesetzt: Ihr halbjähriges Engagement als Tutorin an ihrer Heimatfakultät schlug sich gerade einmal mit 65 Euro monatlich auf ihrem Konto nieder. Über Wasser hält sie sich durch ihre Halbwaisenpension von 600 Euro. Nach der Trennung von ihrem Freund, mit dem sich die Dissertantin die Kosten für eine kleine Wohnung teilte, fand sie kurzfristig im „Hotel Mama“ Unterschlupf: „Aber meine Mutter und ich waren uns einig, dass das keine Dauerlösung sein kann“, erzählt sie. Inzwischen lebt sie in einer WG mit einer Tänzerin und einem Architekten, die „alle älter sind als ich“, und turnt sich von Projekt zu Projekt.
„Rechnen Sie damit, bis zu 400 Bewerbungen stellen zu müssen“, erklärte ein Headhunter dem bereits mehr als verzweifelten 27-jährigen Paul T.* unumwunden. Der Tiroler beendete vor eineinhalb Jahren auf der Technischen Universität Wien sein Maschinenbau-Studium mit sehr gutem Erfolg und ist seither auf intensiver Jobsuche.

„Das ist die erste Generation nach dem Krieg, für die sich das Versprechen, für eine hochwertige Ausbildung mit einem guten Job belohnt zu werden, nicht einlöst“, analysiert der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier das Dilemma der „Twentysomethings“ oder „Generation Y“, wie die Soziologie in Anlehnung an Douglas Couplands Jugendroman „Generation X“ aus dem Jahr 1991 die jungen Erwachsenen nennt. Heinzlmaier, dessen Schwerpunktthema die Erforschung der Lebenswelten von Jugendlichen ist, beobachtet in der Gruppe der Mitt- und Endzwanziger „eine starke Überforderung durch den Arbeitsmarkt: Der Konkurrenzdruck steigt immens. Für jeden schlecht bezahlten 1200-Euro-Job schlagen sich hunderte hoch ausgebildete Youngsters die Schädel ein.“

Die traditionellen Klischeefiguren des arbeitsmarktuntauglichen Akademikers in Gestalt des Altphilologen im 35. Semester, des professionellen Beislphilosophen oder akademisch geprüften Taxifahrers haben in den vergangenen Jahren ein neues, erheblich weiter verbreitetes Pendant bekommen: den bestausgebildeten, hochmotivierten und dennoch nicht adäquat beschäftigten Universitätsabsolventen.

Deutlich mehr Friktionen
Trotz der politischen Schönwetterparolen, wonach im Vergleich zu krisengeschüttelten Ländern wie Spanien, Frankreich, Italien, Portugal und Griechenland die österreichischen Jungakademiker und Fachhochschul-Absolventen mit einem nahezu paradiesischen Arbeitsmarkt konfrontiert seien, gibt eine gründlichere Analyse der Statistik wenig Anlass zu Optimismus. Zwar liegt die offizielle Arbeitslosenquote für Uni- und FH-Absolventen bei nur 3,4 Prozent, also immer noch einen guten Prozentpunkt unter dem Wert der Durchschnittsbevölkerung, allerdings sind Akademiker schon seit Jahren die am schnellsten wachsende Gruppe unter den Arbeitssuchenden: In den Jahren 2000 bis 2012 stieg die Anzahl der arbeitslos gemeldeten Akademiker um das Zweieinhalbfache, die Gesamtzahl der Arbeitslosen dagegen nur um ein gutes Drittel. Zuletzt verschärfte sich der Trend rasant: Im zweiten Quartal 2013 waren um über 50 Prozent mehr Akademiker arbeitslos gemeldet als im Vergleichszeitraum 2012, in Arbeitslosenquoten ausgedrückt: von 2,3 Prozent auf 3,4 Prozent in nur zwölf Monaten.

Regina Gottwald-Knoll, AK-Arbeitsmarktexpertin und Mitglied der akademischen „Plattform Generation Praktikum“, schließt aus diesen Zahlen, „dass gerade die Höchstgebildeten in einem immer größeren Ausmaß von Problemen auf dem Arbeitsmarkt betroffen sind“. Thomas Horvath vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo ergänzt: „Die Eintrittsphase in den Arbeitsmarkt ist heute mit deutlich mehr Friktionen verbunden. Die Dauer von Beschäftigungsverhältnissen ist kürzer, atypische Beschäftigungen werden häufiger, und das Risiko, zwischenzeitlich arbeitslos zu werden, liegt deutlich höher.“ Zudem erfasst die Statistik nur jene arbeitslosen Akademiker, die den Gang zum AMS antreten, und verschleiert damit die beträchtliche Dunkelziffer ehemaliger Studenten, die mangels Arbeitslosengeldanspruchs gar nicht erst das Arbeitsamt bemühen, sondern in prekären Beschäftigungen oder verlängerten Studentenjobs ihren Existenzkampf fristen.
Im Forum der Plattform Generation Praktikum finden sich zahllose ernüchternde Beispiele für den Arbeitsalltag des zeitgenössischen Akademikers. Ein typischer Fall: Erik, 29, nach Abschluss eines Biologiestudiums (mit Auszeichnung) im Strudel der Praktikums- und Projektarbeitsrunden schwindlig gejobbt und zwei Jahre nach Studienende vollkommen frustriert: „Momentan arbeite ich übrigens am Christkindlmarkt und verkaufe Holzschmuck. Das ist heuer schon mein zehnter Job.“

Eine vom Wissenschaftsministerium in Auftrag gegebene Studie über die Arbeitssituation von Uni- und FH-Absolventen ergab im Jahr 2011, dass etwa ein Viertel der Befragten nach dem Abschluss prekär beschäftigt ist, etwa als Praktikanten, geringfügig Beschäftigte oder freie Dienstnehmer. Eine gängige Strategie, den damit verbundenen Frustrationserlebnissen zumindest vorübergehend auszuweichen, bleibt die Fortsetzung des Studiums. In der Studierenden-Sozialerhebung 2009 gab ein Drittel der befragten Master-Studierenden an, nach dem Bachelor-Abschluss keine adäquate Arbeitsstelle gefunden und deshalb einen Master-Lehrgang angeschlossen zu haben. Ein Strategiemanöver mit einer paradoxen Konsequenz, denn die Schwemme der Bachelors, die einen Arbeitgeber im Schnitt 200 Euro weniger kosten, hat zur Folge, dass die späteren Masters oft leer ausgehen.

Ersteinstieg als Härtetest
Die gängigen Vorurteile über die Generation Y, die in Medien wie der „New York Times“ oder der „Neuen Zürcher Zeitung“ als zögerlich, unentschlossen, weltfremd und verwöhnt vom satten Lebensstandard ihrer Babyboomer-Eltern dargestellt wird, widerlegt eine repräsentative Studie der „Allianz Gruppe Österreich“, die sich mit den Einstellungen und Prioritäten der unter 30-Jährigen in Österreich auseinandersetzt und kommende Woche präsentiert wird. „Diese Generation ist alles andere als faul“, so die Leiterin der Allianz-Personalabteilung Inge Schulz: „Sie weiß genau, was sie will, und ist bereit, dafür auch sehr viel zu investieren. Dass sich die jungen Erwachsenen freiwillig in das Job-Hopping stürzen, entspricht nicht der Realität. Sie würden sich durchaus auch gern längerfristig an ein Unternehmen binden.“ Ihre Erfahrung zeige, so Schulz, dass besonders der Ersteinstieg für Job-Aspiranten zum Härtetest werden kann: „Es ist besonders schwierig, aus jener Masse hervorzutreten, die zwar eine Ausbildung, aber noch keine Berufserfahrung vorzuweisen hat.“ Das bestätigt auch der 26-jährige Wirtschaftsingenieur Paul T., dessen Jobsuche bereits über ein Jahr dauert: „Bei mehreren Bewerbungen ist es mir gelungen, in die Endausscheidung zu kommen. Letztlich scheiterte es aber immer an meinem Mangel an Praxis.“

Guido Strunk ist Ökonom und Chaosforscher. Mit den Methoden der Chaostheorie untersucht er die Karrierewege von Absolventen der Wirtschaftsuniversität Wien auf durchgängige Muster: „Man kann sich die Karrieren in den 1970er-Jahren wie eine ständig steigende Fieberkurve vorstellen. Schon in den 1990er-Jahren wurde die Kurve immer zittriger. Im Jahr 2000 waren schon fast keine Muster mehr vorhanden.“ Sein Fazit: „Man kann sich vor allem in Wirtschaftsberufen auf nichts mehr einstellen.“
Seit der Finanzkrise 2008 sind die Anforderungen der potenziellen Arbeitgeber an Newcomer noch rigoroser geworden. „Häufig lesen sich die Personalwünsche der Unternehmen wie Briefe ans Christkind. Die Anforderungen für Jobsuchende haben sich enorm verschärft“, erklärt Charlotte Eblinger, Geschäftsführerin der Eblinger & Partner Personal- und Managementberatung. Jene, die beim elitären Ausbildungsmarathon nicht mitmachen können oder wollen, kommen dabei unter die Räder. Die Matura ist in der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation nicht viel mehr wert als ein Pflichtschulabschluss: Nur jeder fünfte Österreicher mit AHS-Abschluss findet innerhalb von drei Monaten einen Job, 40 Prozent suchen nach mehr als einem Jahr noch immer.

Die Zahl der Hochschulabsolventen hat sich im Zeitraum von 1970 bis 2011 fast verfünffacht. Gleichzeitig sinken auch die Einstiegsgehälter in allen Ausbildungssparten. Das belegt eine Studie des Beratungsunternehmens C2X: Fachhochschul-Bachelor verdienten 2012 im Schnitt 3,6 Prozent weniger als 2011; Hochschul-Magistri mussten einen finanziellen Schwund von 4,7 Prozent hinnehmen; am härtesten trifft die Entwicklung Maturanten, die mit einem um 9,90 Prozent geringeren Einstiegssalär ihr Auskommen finden mussten.

Dass das „Hotel Mama“ vor dem Hintergrund dieser Entwicklung erneut zum Zufluchtsort wird oder erst gar nie verlassen wurde, erscheint da nur folgerichtig. Inzwischen lebt jeder zweite 25-jährige Mann in Österreich bei Muttern; 1971 war es nur jeder dritte. Bei den jungen Frauen ist der Trend noch ausgeprägter: Während vor 40 Jahren nur jede Neunte in dieser Altersgruppe zu Hause lebte, ist es inzwischen schon jede Dritte.
Das Erwachsenwerden im traditionellen Sinn, mit fixer Anstellung, eigener Wohnung und Familiengründung, ist heute oft schlicht nicht mehr leistbar. „Ich habe monatlich nicht mehr als 200 Euro ‚funny money‘ zur Verfügung, wenn ich in den Projektjobs, die mir am Herzen liegen, arbeite“, erklärt Susanne G: „Kosmetika und Restaurantbesuche sind inzwischen ein echter Luxus für mich geworden. An Familiengründung ist momentan nicht einmal zu denken, obwohl das natürlich irgendwann auf meinem Lebensplan stünde.“

Das Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes hat sich inzwischen bei knapp über 30 Jahren eingependelt. Die Pensionskatastrophe erscheint durch die schrumpfenden Geburtenraten und den immer länger hinausgezögerten Zeitpunkt für eine Familiengründung programmiert. Denn weniger Kinder bewirken mittelfristig einen Rückgang der arbeitsfähigen Bevölkerung und somit auch einen Rückgang der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung.
„Die Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte dehnt die Jugendphase aus. Und so lange man noch seine Ausbildung macht, bekommt man keine Kinder, so lautet nun einmal die soziale Norm. Kinder muss man sich auch leisten können“, erklärt Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung.

Auch die ferne Zukunft der aktuell so krisengeschüttelten Generation Y sieht die Entwicklungspsychologin Ulrike Sirsch alles andere als rosig: „Es könnte gut sein, dass diese Generation ihre eigenen Kinder noch im Haus haben wird, wenn sie damit beginnen muss, die eigenen Eltern zu pflegen, und somit einer dreifachen Belastung ausgesetzt sein wird.“
Der Konkurrenzdruck und die verschärften Arbeitsmarktbedingungen reanimieren den Yuppie der 1980er-Jahre, der mit Ehrgeiz und Ellbogentechnik seine Mitbewerber aus dem Feld schlägt und manchmal schon als Mittdreißiger mit als „Burn-out“ etikettierten Erschöpfungsdepressionen flachliegt.

Daneben entsteht eine Welle von „idealistischen neuen Selbstständigen“, die einen niedrigeren Lebensstandard für eine Existenz in Freiheit und Flexibilität in Kauf nehmen, wie die 30-jährige Medienwissenschafterin Iris S. Die Diplomandin pendelt zwischen Wohngemeinschaften in Wien und Berlin. Nach einer Reihe von Praktika als Auslandsjournalistin jobbt sie zur Zeit als Reisebegleiterin für Jugendliche, die Holocaust-Gedenkstätten besuchen, und arbeitet an einem Ruanda-Projekt: „Das gibt mir ungleich mehr als alles, was ich zuvor gemacht habe. Ich weiß, dass es in meinem Bereich keine 40-Stunden-Fixanstellung spielen wird, und passe mein Lebenskonzept dementsprechend an.“ Das Gros ihres gleichaltrigen Bekanntenkreises lebt ebenfalls in Wohngemeinschaften: „Wir scherzen dabei oft, dass, wenn alles so weitergeht, wir direkt in die Alters-WG schlittern werden, die wir ohnehin geplant hatten. Aber irgendwann hätte ich doch gern Familie außerhalb einer solchen Wohnsituation.“
Als dritter markanter Typus kristallisieren sich die Systemverweigerer heraus, die trotz guter Ausbildung nicht den konventionellen Weg gehen wollen, weil sie ihren Glauben an Berufe, „die den Menschen ausüben“, wie Alfred Polgar es umschrieb, längst verloren haben.

Wenn Reka Horvath, 29, hunderte Liter schäumendes Bier in kleine Plastikbecher pumpt, vergisst sie oft, dass sie eigentlich Diplomingenieurin und Wirtschaftsmathematikerin ist. Ein paar Monate im Jahre unterrichtet sie an der Alternativschule Walz Mathematik. Um ihre eigentliche Leidenschaft, das Globetrotten, ausleben zu können, pfeift sie auf einen Fixjob: „50 Stunden in der Woche in einem Büro verbringen? Das würde mich erdrücken.“

Für Reka lässt sich eine gelungene Lebenskarriere nicht in Geld und Statussymbolen messen. „Was ich in fünf Jahren arbeiten werde, weiß ich noch nicht“, erklärt sie gelassen, während sie in ihrer Küche kochendes Wasser auf Schwarztee gießt. Lachend fügt sie hinzu, dass sie ohnehin 70 Euro monatlich in eine private Pensionsvorsorge einzahle. Demnächst wird sie am Christkindlmarkt Kakao ausschenken. Sich bloß nicht festlegen auf etwas, was man später bereuen könnte, und dabei wertvolle Lebenszeit vergeuden. Bei einer China-Reise wurde Reka von einer Einheimischen gefragt: „Arbeitest du noch oder spielst du schon?“ Die Antwort lautete ganz klar: „Ich spiele noch.“

Reka Horvath, 29

So sieht der Traum aller Personalchefs aus: abgeschlossenes Studium der Wirtschaftsmathematik an der TU Wien, Berufspraxis als Mathematik-Tutorin an der Wiener Privatschule Walz, ausgiebige weltweite Reiseerfahrung, außerdem noch, rein interessehalber, Teilzeitstudien in Jus, Astronomie und Philosophie. Und dann platzt der Human-Resources-Traum mit zwei Sätzen, die Reka Horvath sagt: „Ich will einfach nicht 50 Stunden in der Woche in einem Büro verbringen. Das würde mich erdrücken.“ Die 29-Jährige hat bei ehemaligen Studienkollegen gesehen, dass sich mit ihrem Abschluss viel Geld verdienen ließe und dass das zulasten von Lebensfreude gehen kann. Dass das nichts ist, wonach sie streben wird, hat Reka Horvath schon früh erkannt, und sie hat genug Selbstbewusstsein, sich nicht in klassische Lebenslaufvorstellungen pressen zu lassen. Sie zählt zu einer Generation, für die eine brave Anstellung kein Lebensinhalt ist, zumindest keiner, den man um jeden Preis anstreben muss. Reka Horvath hat Zeit – und sie nimmt sie sich. Also arbeitet sie ein paar Monate im Jahr an der Walz-Schule, jobbt nebenbei im Event-Catering oder am Christkindlmarkt und geht dann ein paar Monate auf Reisen. So sieht der Patchwork-Traum einer modernen 29-Jährigen aus.

Daniel Stifter, 29

„Die Leerstellen in meinem Lebenslauf waren für mich vielleicht die wichtigsten,“ meint Daniel Stifter, denn: „In diesen stillen Momenten in der Biografie passiert unheimlich viel, auch wenn man das nicht in seine Bewerbungsunterlagen schreiben kann.“ Nicht, dass es sehr viele solcher Lücken im Lebenslauf des 29-Jährigen gäbe: Philosophiestudium in Wien, daneben erstes Startup gegründet (ein Fast-Food-Franchise-Konzept), danach Shiatsu-Ausbildung in Wien und Berlin, daneben Leitungsfunktion im Großhandel, Kurzfilmproduktionen, inzwischen hauptamtliche Shiatsu-Praxis in Wien. „Ich hatte den Luxus, mich nicht für das Prestigeträchtigste zu entscheiden, sondern für das, wofür ich die meiste Leidenschaft aufbringe. Und ich denke, dass viele aus meiner Generation sich dieser Möglichkeit bewusst werden. Gleichzeitig stelle ich fest, dass auch Personalchefs langsam umdenken.“
In seiner Phase als Großhandelskaufmann hat Stifter „gesehen, was es bedeutet, Personalentscheidungen anhand von Excel-Tabellen zu treffen. Und dass das eben nicht eine Performance-Zahl ist, die da vor dir steht, sondern der Hans oder der Peter. In der Tabelle siehst du nicht, dass Peter ein Potenzial hat, das vielleicht erst in drei Monaten voll aufblüht.“ Seither ist Stifter überzeugt, „dass Personalchefs auch über Gefühle reden dürfen müssen, über Sympathie und Integrität, und dass Firmen Querdenker brauchen, durchaus auch Verrückte. Dafür müssen natürlich neue Strukturen geschaffen werden, die nicht ins McKinsey-Schema passen. Aber diese Veränderung wird passieren. Und unsere Generation wird diese Veränderung auslösen.“

Carmen Subota, 28

Carmen hat etwas, was viele Studenten angesichts der aktuellen Arbeitsmarktentwicklung gern hätten: einen Plan B, genauer: eine Zweitkarriereoption. Vor ihrem Studium der Geografie und Internationalen Entwicklung absolvierte die Oberösterreicherin eine Friseurlehre; auch neben der Uni arbeitete sie noch 20 Wochenstunden in einem Wiener Frisiersalon. Das erzeugt eine gewisse Gelassenheit: „Vor meiner Zukunft am Arbeitsmarkt fürchte ich mich nicht. Ich habe schon mehrere interessante Praktikumsangebote bekommen, will mir aber erst noch Gedanken darüber machen, in welche Richtung ich mich spezialisieren möchte. Und wenn meine aktuellen Pläne nicht aufgehen, schneide ich eben wieder Haare.“ Dass man sich mit 28 Jahren schon etwas konkreter festlegen sollte, weil das eben so dazugehört zum Erwachsensein, hält Subota für ein Gerücht. Außerdem: „Ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal genau, was es heißt, erwachsen zu sein.“ Eine Vermutung hat sie freilich schon: „Der Ausdruck hat etwas Negatives. Erwachsensein, das klingt nach Vernunft und Verzicht. Haus, Familie, Ehe – da überwiegt für mich der fade Beigeschmack. Das ist eine Rolle, in die ich mich nicht hineindrängen lassen will.“

Scharmien Zandi, 26

Optimismus ist keine ökonomische Kategorie, zumindest dann nicht, wenn man eine Karriere als Musikerin und Schauspielerin anstrebt. Optimismus ist etwas, das man hat – so wie Scharmien Zandi, die in Wien erst einmal zwei Jahre lang Architektur, danach Musik und Gesangspädagogik studiert hat und sich nun, unter anderem, als Texterin für eine Bluesrock-Band und als Musikpädagogin in Kindergartengruppen durchschlägt. Immerhin, es reicht, um finanziell von den Eltern unabhängig zu sein. „Ich bin optimistisch, was meine nahe Zukunft angeht“, sagt die gebürtige Kärntnerin, und: „In meiner Branche braucht man halt auch ein gewisses Maß an Glück.“ Dass sie mit Teilzeitjobs und Gelegenheitsauftritten ihr Auskommen finden muss, bedeutet für die 26-Jährige übrigens noch lange nicht, dass sie nicht erwachsen wäre: „Erwachsensein hat für mich nichts mit Karrieremachen, Heiraten und Kinderkriegen zu tun. Viele Menschen mit Kindern sind nicht erwachsen.“ Aber was ist das dann, Erwachsensein? „Das hat mit Verantwortung zu tun, mit emotionaler, sozialer, wirtschaftlicher Verantwortung. Das fängt schon bei den kleinen Dingen an – von mir aus auch schon beim Mülltrennen.“

Mitarbeit: Christoph Hüttner

Fotos: Peter M. Mayr