Gisèle Pelicot steht vor einer Mauer, auf der geschrieben steht: „Gerechtigkeit für Gisèle, Gerechtigkeit für alle!
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Monsieur Pelicots Nachahmer: „Meiner Stute was untermischen“

Gisèle Pelicot veröffentlichte eben das Buch zu ihrem Martyrium. Doch es gibt hunderttausende Frauen, denen Ähnliches widerfährt. Ein deutsches Journalistinnen-Duo enttarnte riesige Gruppen, in denen Männer sich im Netz mit Tipps zur Vergewaltigung ihrer Partnerinnen anfeuern, auch in Österreich.

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Verlässlichster Ermittlungshelfer ist oft der Zufall. Auch im Fall von Gisèle Pelicot. Ihr Ehemann Dominique war in einem Supermarkt beim sogenannten Upskirting erwischt worden, sprich: Er hatte Frauen heimlich unter den Rock gefilmt. Erst im Zuge dieser Straftat war die südfranzösische Polizei 2020 auf jene 20.000 Videos und Fotos auf Handys und Computerfestplatten gestoßen, die der ehemalige Elektriker säuberlich in die Ordner „Missbrauch“ und „Die Vergewaltiger“ unterteilt hatte. Die Dokumente zeigten seine Ehefrau, bewusstlos, meist in erotisch aufreizender Unterwäsche, die sie später nicht als die ihre identifizieren sollte, missbraucht und vergewaltigt von „Monsieur Pelicot“, wie sie ihn während der Prozessmonate im Herbst 2024 beharrlich nannte, und über 70 anderen Männern aus der unmittelbaren Umgebung. 50 von diesen Vergewaltigern wurden inzwischen zu drei bis 15 Jahren Haft verurteilt, die restlichen „Klienten“, die Herr Pelicot auf einer einschlägigen Website namens „Ohne Bewusstsein“ angeworben hatte, konnten noch nicht identifiziert werden. Es waren in der Regel Jedermänner aller Altersgruppen, aus allen Schichten und Branchen: Krankenpfleger, IT-Experten, Regionaljournalisten, Gärtner, Familienväter, Singles, von denen manche noch bei ihrer Mutter lebten.

Im Zuge der Veröffentlichung ihrer Autobiografie „Eine Hymne an das Leben“, die vergangene Woche in 22 Ländern gleichzeitig erschien, steht Gisèle Pelicot nach 14 Monaten Medienabstinenz wieder im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. In ihrer Pariser Literaturagentur gab sie eine Woche lang Interviews, von der „New York Times“, der „Libération“ (eine Journalistin der Pariser Tageszeitung war auch ihre Co-Autorin) über den „Spiegel“ bis zur BBC. Die 74-Jährige, die inzwischen auf der französischen Atlantik-Insel Île de Ré lebt und sich neu verliebt hat, absolviert die Interviews mit der Souveränität, mit der sie auch ihre Medienauftritte während des Prozesses in Avignon bewältigte: präzise artikulierend, ohne Gefühlsausbrüche, erstaunlich respektvoll gegenüber jenem Mann, der 50 Jahre lang ihr Ehemann war, der Vater ihrer drei Kinder ist und ihr das Schlimmste nur Vorstellbare antat, indem er sie betäubte, sie „wie ein Amazon-Paket“ behandelte, in ihrem gemeinsamen Bett penetrierte, die Aufnahmen ins Netz stellte und sie zur freien Verfügung fremden Männern im Netz anbot, die sie dann im Familienhaus in Mazan vergewaltigten. 

Ob Dominique Pelicot möglicherweise auch ein Mörder ist, wird gerade in einem Cold-Case-Verfahren untersucht. Eine 23-jährige Immobilienmaklerin namens Sophie Narme war 1991 nach einer Betäubung und Vergewaltigung erdrosselt in Paris aufgefunden worden. Acht Jahre später konnte eine 18-jährige Frau einem Täter, der Ähnliches mit ihr vorhatte, entkommen. In dieser Zeit lebten die Pelicots in Paris. Am letzteren Tatort fand sich Dominique Pelicots DNA, wie sich erst 2020 wegen der Übereinstimmung mit der Spurensicherung in Mazan herausstellte.

Dissonanz im Verhalten

Gisèle Pelicot ist durch ihre Entscheidung, bei dem Prozess in Avignon mit offenem Visier aufzutreten, zu einer feministischen Ikone und einem Idol für alle Aktivistinnen gegen häusliche Gewalt avanciert. Sollte ihr Leben verfilmt werden, wünscht sie sich, von Hollywoodstar Meryl Streep dargestellt zu werden. 

„Es ist eine eigenartige Dissonanz“, konstatiert die forensische Psychiaterin Heidi Kastner: „Einerseits lebt Gisèle Pelicot im Zuge des Prozesses in ihrem Verhalten eine totale Selbstermächtigung. Andererseits ist sie fast 50 Jahre bei einem Mann geblieben, der sicherlich schon sein defizitäres Regelverständnis und seine Neigung zu sexuell motivierter Grenzüberschreitung demonstriert hatte. Meine Erklärung: Sie wollte die Signale einfach nicht sehen und wahrhaben.“ In ihrem Buch beschreibt Pelicot, wie sie ihrem Mann ein rosa 
Lacoste-Polo und eine Cordhose herrichtete, damit er ordentlich gekleidet zum Polizeiverhör erscheine. Bemühte Bürgerlichkeit und eine Illusion von Normalität als Krücke, um nicht vom Abgrund dieser Ehe verschlungen zu werden.

Dass es solche Zeichen gab, wird in „Hymne an das Leben“ immer wieder angedeutet. Dominique Pelicot stahl Reizwäsche in einem Kaufhaus, beschwerte sich darüber, dass seine Frau gewisse sexuelle Praktiken verweigerte, betrog sie mit anderen Frauen, nannte sie „meine Bitch“ und filmte den Intimbereich von Frauen im öffentlichen Raum.

„Je suis Gisèle“ lautete eine Parole ihrer Anhängerschaft, die sie während des Prozesses anfeuerte. Wie viele Gisèles, also Leidensgenossinnen, es tatsächlich auf der Welt gibt, bleibt im Dunklen. Wie hoch ihre Zahl tatsächlich sein muss, erahnten die deutschen Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh, die für den NDR und das YouTube-Format „STRG_F“ mehrere Jahre undercover in Online-Vergewaltigungsnetzwerken recherchierten. Um dort bestehen zu können, müssen Neuzugänge ihre Glaubwürdigkeit mit dem Einbringen von eigenem Bildmaterial festigen. Die beiden Journalistinnen gestalteten gefaktes Material und drangen in einen Hades männlicher Vernichtungsfantasien vor.

Angelika Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort