Glocken, Seen und Hall of Fame: Zehn besondere Momente des Musikjahres 2013

Daughter: If You Leave (4 AD)

Steve Mason: Monkey Minds in the Devil's Time (Double Six)

Die Topten des Jahres? Das Spiel mit den Bestenlisten überlassen wir heuer getrost den Schifahrern und ihren ehrwürdigen Kommentatoren. Stephan Wabl kümmert sich diesmal lieber um zehn Alben/Songs, die in der diesjährigen Saison wahrscheinlich auf keiner Anzeigentafel aufscheinen werden, aber Erwähnung finden sollten. Denn die schönsten Momente - heißt es doch so schön - findet man stets zwischen den Listen.

Daughter: Winter (4 AD)
Es ist ja nicht so, dass das britische Indie-Folk-Trio um Sängerin Elena Tonra mit ihrem Debüt "If You Leave" heuer kaum Aufmerksamkeit bekommen hätte. "Winter" allerdings, der Opener der Platte, hinterlässt als gnadenloses Brenneisen nicht nur bei Schneegestöber und Dunkelheit nachhaltig Wirkung.

Steve Mason: Monkey Minds in the Devil's Time (Double Six)
Der Ex-Beta-Band-Sänger legt nach einem Nervenzusammenbruch das persönlichste und zugleich politischste Popalbum des Jahres vor. "Come to Me", das letzte Stück, wird zudem in die Hall of Fame der besten Albenabschlusslieder eingehen. Und mit den letzten Lyrics der Platte erneuert Mason ganz nebebei auch noch das ewige Popversprechen: "It will be alright".

Texas is the Reason: Do You Know Who You Are? (Revelation)
16 Jahre nach ihrer Auflösung trafen sich die Emo-Pioniere heuer für eine Handvoll Abschlussshows und legten ihr einziges Album neu auf. Beinahe zwei Dekaden nach dem Erscheinen klingen die neun Lieder nach wie vor so frisch, als hörte man sie gerade bei der allmorgendlichen Rasur. Das liegt wahrscheinlich auch darin, dass jede dritte FM4-Band ihren Sound den vier New Yorkern zu verdanken hat.

Chvrches: The Bones of what you believe (Virgin/Goodbye)
Der bitter-süße Synthie-Pop der drei Schotten reicht eigentlich für jede Jahresliste und sollte in jedem Club der Welt an jedem Tag des Jahres gespielt werden. Mindestens genauso bemerkenswert war heuer aber Sängerin Lauren Mayberrys Essay im "Guardian" über den am eigenen Leib erfahrenen Sexismus gegenüber Musikerinnen im Internet.

Farewell Dear Ghost: We Colour the Night (Schönwetter)
Euphorisch, aber nicht pathetisch. Melancholisch, aber nicht selbstmitleidig. Ernst, aber nicht todernst. Ambitioniert, aber nicht kalkuliert. Eigenbrötlerisch, aber nicht künstlich. Graz wurde heuer dank "Farewell Dear Ghost" für eine Nacht zur europäischen Indie-Hauptstadt. Es könnten noch weitere folgen. Darüber hinaus sind auf "We Colour the Night" so ganz nebenbei die wahrscheinlich besten Lyrics des Jahres aus heimischer Feder zu finden.

Candelilla: Heart Mutter (ZickZack)
Gegen Jahresende haben sowohl das heimische Musikheft "The Gap" als auch das deutsche Vorbild "Spex" die Herren von "Ja, Panik" auf ihr jeweiliges Cover gesetzt. Sicher nicht verkehrt. Mit ein bisschen mehr Mut hätte man diese Plätze aber den vier Frauen der Münchner Noise-Band "Candelilla" überlassen.

Propagandhi: How to Clean Everything (Fat Wreck Chords)
Es war das Jahr 1993 - und unter all den lustigen Platten auf Fat Mikes Skatepunklabel "Fat Wreck Chords" tauchte auf einmal eine Band auf, die von Dingen sang, von denen man keine Ahnung hatte: Vegetarismus, Militär, Kapitalismus. Die drei Kanadier verpackten das allerdings derart klug in Humor und Selbstironie, dass man ihnen nicht böse sein konnte und sogar ein wenig Ahnung von diesen Dingen bekam. 20 Jahre später sind Propagandhi nach wie vor klug und unterhaltsam, die Bandmitglieder verheiratet und Familienväter und die Musik mehr Metal als Punkrock. Die Neurelease zum 20. Jubiläum des Debüts wäre nicht nötig gewesen, meinte Sänger Chris Hannah lapidar. Da ist natürlich etwas dran. Aber das ist das Schöne an schönen Dingen: Sie sind nicht unbedingt nötig, aber zum Glück da.

Imaginary Cities: Bells of Cologne (WEA)
Das kanadische Indie-Soul-Duo hätte heuer seine Landesgrenzen sprengen können. Hat es aber nicht - und das zu Recht: "In Fall of Romance" erreicht nicht die Qualität des Debütalbums "Temporary Resident". Das Lied "Bells of Cologne" allerdings schallt weiter über Kanada hinaus.

The Appleseed Cast: Great Lake Derelict (Graveface)
Das neunte Studioalbum der Postrockband aus dem mittleren Westen ist zwar nicht ihr bestes, besonders die beiden Hürdenalben "Two Conversations" and "Sagarmatha" konnten nicht übersprungen werden. Dafür ist den Altherren um Christopher Crisci aber doch Erstaunliches gelungen: Nämlich nach fast 15 Jahren Bandgeschichte mit "Great Lake Derelict" einen Song zu schreiben, der stellvertretend für alles Wohlklingende im Postrock steht.

Air Castles: Lights (Winter Hymns Records)
Die Debüt-EP "Night and Day" des Trios um den jungen Schweden Max Mansson kam im Jahr 2008 aus dem Nichts und schenkte dem aufmerksamen Musikverfolger glückliche Minuten. Das Debütalbum "Lights" kam ebenso aus dem Nichts, mittlerweile scheint "Air Castles" auch genau dort wieder gelandet zu sein. Der Nachlass ist daher umso wertvoller.

In eigener Sache: profil unerhört macht Weihnachtspause und meldet sich am 3. Januar wieder zurück.