Inzwischen hat sich Hannelore aber zur Fitness-Queen gewandelt und kann gar nicht genug kriegen von ihren ausgedehnten Spaziergängen rund um die Alpboden-Ranch im Tiroler Achenkirch. Das ist auch einer radikalen Ernährungsumstellung mit viel Gemüse und Obst zu verdanken. „Am Anfang war die Hannelore total auf Zuckerentzug. Dort, wo sie vorher war, ist sie mit Süßigkeiten vollgestopft worden“, erzählt Luki Steiner: „Unters Obst haben wir ihr Gemüse geschummelt, denn in der ersten Zeit hat sie alles G’sunde total verweigert.“
Erfindungsreiche Pflege
Man merkt ihm die Freude und den Stolz an, dass er unter Einsatz von viel Geduld, Zeit und Intuition Hannelore wieder auf die Spur der Lebensfreude gebracht hat.
Allerdings muss er bei Hannelore auch in der Pflege erfindungsreich sein. Sie hat nie gelernt, sich wie andere Schweine in der Erde zu suhlen, um sich kühl zu halten, deswegen muss man Hannelore bei Hitze die Sonnencreme dick auftragen. Auch eine eigene Beregnungsanlage wurde für sie aufgebaut: „Am liebsten würde sie im Sommer den ganzen Tag unterm Wasser verbringen, was aber natürlich a net optimal für ihre Gesundheit ist.“
Rund 29.000 Follower verfolgen die Gesundungsabenteuer des Minischweinchens Hannelore in ihrem neuen Zuhause auf Instagram, mit Spitzenklickwerten von dreieinhalb Millionen.
Scharfe Aufmerksamkeitskonkurrenz hat sie von der gefleckten Gitti, die ihre infantile Phase noch nicht überwunden hat, weil sie als Kuscheltier in einer Familie aufgewachsen ist. „Jetzt will sie ständig kinzen“, also in den Arm genommen und geschaukelt werden. Das Bedürfnis der Gitti, wie ein Baby behandelt zu werden, ist nicht nur putzig, denn durch diese Behandlung hat sie wichtige soziale Kompetenzen nie gelernt und tut sich schwer, sich bei den „Minis“ zu integrieren. Zwischen Hannelore und Gitti kommt es immer wieder zu Kontroversen, die meistens zugunsten der Ersten ausgehen. Denn „wenn die Hannelore schlecht drauf ist, sollte man sich fernhalten“. Zwischen zehn und 14 Jahre können Minischweine bei guter Pflege erreichen, Hannelore wurde von einem Tierarzt auf frische vier Jahre geschätzt. Unfassbar klug sind die Minis außerdem und sogar schneller lernfähig als Hunde: Sie hören auf ihre Namen, können sich auf Befehl niedersetzen und spielen auch gerne mit Bällen. Man muss sie halt beschäftigen.
Eigentlich hat Luki Steiners Leben mit den Minischweinen, die allesamt keine Nutztiere, sondern nur „zum Spaß“ da sind, vor drei Jahren begonnen: Zu Steiners 30. Geburtstag bekam er ein Minischwein von seinem Partner geschenkt. In weiterer Folge begannen sich immer wieder Menschen zu melden, die beim Kauf eines Ferkels offensichtlich ausgeblendet hatten, dass dieses auch noch wachsen könnte. So wuchs die Herde kontinuierlich – inzwischen auf sechs „Minis“, was ganz schön ins Geld geht. Aber freiwillige Helfer und Helferinnen touren durch die Supermärkte, um vor der Entsorgung stehendes Gemüse und Obst für Hannelore, Zenzi, Günther, Gitti, Elvis und Olga einzusammeln.
„Ich weiß nicht, was los ist mit den Leuten“, seufzt Steiner, der die Alpbodenranch mit seinem Lebensgefährten Fabio Baumann betreibt: „Die kaufen so ein Ferkel als Kuscheltier, haben aber keine Ahnung, was Schweine brauchen, und wundern sich dann noch, wenn die groß werden. Dann wollen sie sie wieder loswerden. Hätten wir die Hannelore nicht aufgenommen, wäre sie wahrscheinlich eingeschläfert worden.“ Eigentlich ist die Alpbodenranch ein Reiterhof mit dem Schwerpunkt Hengstaufzucht und Pferdetraining. 20 Pferde sind dort beheimatet, ein paar davon auch eingestellt: „Wir kriegen die Fohlen und lassen uns lang Zeit, bis sie bereitbar werden. Bei uns passiert zugunsten des Tierwohls nix schnell und übereilt.“
Hunderte Besuchsanfragen
Steiner und Baumann arbeiten beide noch in Brotberufen, denn „von der Ranch allein könnten wir nicht leben“: Steiner arbeitet bei der Agrarmarkt Austria in der Vorortkontrolle, sein Partner im öffentlichen Dienst. Dass der Alltag ihrer Minischweine so viel Instagram-Zuwendung erfahren würde, damit hatte niemand gerechnet.
Einen Großteil des Erfolgs machen wohl Luki Steiners charmant authentische, völlig ungekünstelte Off-Kommentare und die unbeirrbaren Erziehungsversuche seiner geläuterten Problemsau aus. Die Sehnsucht nach dem Nichtinszenierten, Absichtsfreien ist groß und trifft beim Publikum ein emotionales Nervenzentrum. Das Gold jeder Marketingstrategie sind bekanntlich authentische Darstellungen, und die sind Luki Steiner auf eine höchst natürliche Art „einfach passiert“: „Wir haben uns nichts dabei gedacht und waren vollkommen überfahren von diesem Wahnsinnsandrang. Es sind Hunderte Zuschriften gekommen mit Anfragen, wann und wie man denn die Hannelore besuchen könnte.“ Längst hatten sich da die älteren Nachbarn schon als regelmäßige Besucher eingestellt. Es leben viele Pensionisten in der Umgebung, die keine Kinder haben oder verwitwet sind: „Die Einsamkeit ist auch bei uns am Land ein Riesenthema. Die kriegen bei uns einen Kaffee, streicheln die Schweindln, und dann geht’s allen gleich besser.“
Kommerzielle Interessen kann man den beiden Alpboden-Ranchern nicht unterstellen: Ihre Website ist noch immer in Arbeit, jetzt müssen sie erst einmal den enthusiastischen Zuspruch verdauen. Irgendwann im Sommer soll es dann auch Meet-and-Greets mit Hannelore geben. Aber nicht mit mehr als sechs Leuten, denn es „wird den Minis sonst sehr schnell alles zu vül“.