Hat profil den Feminismus kapiert?

Hat profil den Feminismus kapiert?

Angelika Hager über profils neurotische Feminismusbeziehung.

Fiebrige Gefechte, aber immer im Konsens für die Sache der Frau; nach Redaktionsschluss vielleicht eine gruppendynamisch belebende BH-Verbrennung als gemeinsames Zeichen gegen die Unterdrückung des Patriarchats. Derart romantisch-feministische Visionen hegt die etwas später geborene profil-Redakteurin, was die Gründungsphase des Magazins betrifft.

Irrtum. Zeitzeugen und das Archiv tragen zur Mythos-Demontage bei. „Die unverheiratete Frau sammelt in ihrer kargen Freizeit Löffel mit Staatswappen. Sie sucht den Eindruck ihrer schwachen Position mit Gewalt zu korrigieren, indem sie die Beamten mit scharfem Ton kommentiert und sie in Briefen und Rundschreiben über ihre Kompetenz aufklärt.“ Mit diesen wenig herzlichen Worten wurde die zweite Ministerin der österreichischen Politgeschichte, Hertha Firnberg, von profil in einem nicht gezeichneten Einspalter anlässlich ihres Amtsantritts 1971 willkommen geheißen. Klar doch, dass ein so machtgieriges Weibsexemplar unbemannt bleiben und nach Dienstschluss derartig tristen Hobbys frönen musste. Hätte ein Mann in seinem Ministerium mit so „scharfem Ton“ durchgegriffen, wäre er wahrscheinlich als besonders durchsetzungsfähig punziert worden.

Während die Frauenbewegung in Österreich bereits in ein Erschöpfungsnickerchen gefallen war, fragte sich profil noch 1979 angesichts der ersten britischen Premierministerin: „Ist Margaret Thatcher eine Frau?“ Im Subtext der Fragestellung schwang die Überzeugung mit, dass Frauen nur dann Macht und Autorität zu verströmen in der Lage sind, wenn sie ihren Unterleib zuvor an der Garderobe abgegeben haben und das schlechte Benehmen der Männer in solchen Positionen bis über die Schmerzgrenze hinaus persiflieren.

Im selben Jahr erschien ein Cover mit der Schlagzeile „Wozu Frauen in der Politik?“. Anlass war die Bestellung mehrerer Staatssekretärinnen unter Bruno Kreisky, der entsprechende Artikel war von einem männlichen Autorenduo verfasst worden. Das Titelbild zierte ein traurig blickendes Modell im Schlabberlook, das die Pallas Athene vor dem Parlament ersetzte. Die damalige profil-Redakteurin Ursula Pasterk kommentierte im selben Heft, dass „Kreiskys neue Haremsdamen“ in der öffentlichen Wahrnehmung als „quengelnde frustrierte Emanzen, die keinen Spaß verstehen und nichts vertragen“, galten. Die Bestellung seiner Staatssekretärin Beatrix Eypeltauer soll von Bautenminister Karl Sekanina, so Pasterk, heurigenselig wie folgt kommentiert worden sein: „Der werde ich schon Arbeit geben, die wird die Leitschienen auf den Autobahnen anmalen, da ist sie dann einmal beschäftigt.“ Dabei hatte sich Bruno Kreisky solche Mühe gegeben, „jener Bevölkerungsgruppe, die mit Abstand am schlechtesten behandelt worden ist“, Wiedergutmachung angedeihen zu lassen. „Kreisky hatte einen unschätzbaren Vorteil“, sollte die erste Frauenministerin und inzwischen verstorbene Johanna Dohnal in einem profil-Interview 2004 Bilanz ziehen. „Er hat sich vor Frauen im Gegensatz zu vielen anderen nicht gefürchtet. Und er war Sozialromantiker.“

Die feministisch unterlegte Sozialromantik der profil-Gründungscrew indes hielt sich in äußerst überschaubarem Rahmen. Während im Rest des Landes Frauen begonnen hatten, „ihre Büstenhalter zu verbrennen und (das feministische Magazin), Rotstrumpf‘ lesend gegen Gebärzwang und die Streichung des 144er zu demonstrieren“ – so die süffisante Beschreibung der beginnenden Frauenbewegung 1971 –, befand sich in der Urmannschaft des Magazins – abgesehen vom Sekretariat und einer New Yorker Korrespondentin – keine einzige Frau. Die Boy-group-Dynamik war keine Frage des Prinzips, wie profil-Gründer Oscar Bronner heute klarstellt: „Ich war wie Parzival unterwegs – ohne nach links und rechts zu schauen, einfach nur vorwärts. Ich habe genommen, was ich bekommen habe. Die, die den Mut hatten, ins Risiko zu gehen und einen sicheren Job aufzugeben, die waren dabei.“

Das erste weibliche Redaktionsmitglied – man möge die Wahrung ihrer Anonymität nachsehen – bekam ziemlich bald ein Stahlbad verpasst. In einer vom ersten Chefredakteur Jens Tschebull angeregten, heute nahezu stalinistisch anmutenden Aktion sollten alle Mitglieder ihre Gehälter offenlegen, um von den Kollegen auf deren Berechtigung hin bewertet zu werden. Die meisten Minus-Wertungen fasste die einzige Redakteurin aus, die ohnehin am wenigsten von allen verdiente. „Sie ist dann in Tränen ausgebrochen und weinend aus dem Zimmer gelaufen“, erinnert sich der spätere Herausgeber Peter Michael Lingens. „Es war grausam, aber sie war auch wirklich die Schwächste von allen.“

Die erste Generation prägender profil-Journalistinnen hingegen, die mit der Umstellung auf einen vierzehntägigen Erscheinungsrhythmus 1972 in der Marc-Aurel-Straße einzog, besaß mit Sigrid Löffler, Elizabeth T. Spira, Trautl Brandstaller und Ursula Pasterk null Mauserl-Faktor und bedeutete nicht nur journalistisch gewichtigen Zuwachs, sondern auch ökonomisch einen echten Gewinn. „Wir hatten in den ersten Jahren immer Finanzprobleme, und diese Frauen waren wesentlich besser als ihre männlichen Kollegen – zum gleichen Preis“, so Lingens. Exponierte Feministinnen seien es keine gewesen, sondern „regelrechte Übermänner, durchwegs brillant, die dreimal so viel Ellbogenkapazität brauchten wie die Männer. Die Begabteste war die Löffler, aber die war auch wirklich unerträglich.“ – „Ich weiß, Sie wollen mich rauswerfen, aber ich bin einfach zu gut“, pflegte die Grande Dame des heimischen Kulturjournalismus ihrem Chefredakteur um die Ohren zu werfen, wenn dieser an ihrer Unbeugsamkeit scheiterte.

„Wir waren im Faustkampf gut ausgebildet“, erinnert sich die heutige ORF-Dokumentarfilmerin Elizabeth T. Spira an ihre profil-Zeit. „Wenn die Männer einen Blödsinn geredet haben, haben wir uns sofort dagegengestellt. Und die haben oft einen Blödsinn geredet.“

„Wir haben wahnsinnig viel gestritten, weil der Lingens immer alles besser gewusst hat“, erzählt die spätere Kulturstadträtin Ursula Pasterk. „Und dann hat er uns ständig mit seiner Mutter genervt. Aber der Lingens hat es auch geliebt, Kontra zu kriegen. Er ist dann zwar immer hochrot angelaufen, aber wenn er keines bekommen hat, dann hat er es sich selbst gegeben.“

Die emotionale Aufgeladenheit solcher Debatten führte sogar dazu, dass Lingens Mitglieder des „Hexenrats“, wie die 15-köpfige Männercrew das Frauenquartett redaktionsintern nannte, bis vor die Haustür begleitete. „Er ist mir einfach gefolgt, in der Hoffnung, mich umzustimmen“, erzählt die spätere ORF-Journalistin und Dokumentarfilmerin Trautl Brandstaller. „Er hat bis zum Hauseingang versucht, mich zu seiner Meinung zu bewegen. Das war schwer auszuhalten.“

Noch schwerer auszuhalten war das verbissen verteidigte Machtmonopol der Männer. Als es um die Vergabe von Ressortleiterjobs ging und Brandstaller sich um die Leitung der Innenpolitik bewarb, bekam sie von Peter Michael Lingens zu hören: „Sie recherchieren besser, Sie schreiben besser, aber ich kann dem Voska einfach nicht zumuten, unter Ihnen zu arbeiten.“ Bei ihrem späteren Arbeitgeber ORF ging man nicht weniger zimperlich angesichts solcher Anliegen vor. Brandstaller nahm diesen Satz zum Anlass für ihren Abgang. „Ja, das habe ich gesagt“, bestätigt Lingens, „aber nicht aus Geschlechtsgründen. Der Voska war Urgestein, den konnte ich einfach nicht übergehen.“

„Es war ein Titanenkampf der großen Geister“, resümiert der frühere profil-Redakteur und heutige „Standard“-Kolumnist Hans Rauscher die Hitzephasen der Pioniertage: „Die, Hexen‘ hatten eine unglaubliche Power und Kompetenz. Prinzipiell muss man aber sagen, dass die Herren der Redaktion an Frauen mehr praktisch als theoretisch interessiert waren.“ Dass profil im ersten Jahrzehnt seines Bestehens sich kaum als Kampfpostille des Feminismus gerierte, sondern sich zum schrankenlosen Austragungsort gesellschaftspolitischer Debatten wandelte, lag auch an den damaligen Frontfrauen, die für die Gleichberechtigung „laut und widerborstig“ (Brandstaller) kämpften, aber sich gegen eine Ghettoisierung wehrten. „Ich habe mich schon damals wohlweislich nicht in die Feminismus-Ecke schieben lassen“, so Sigrid Löfflers knapper Mail-Kommentar.

Kontinuierliche feministische Credibility verlieh dem Blatt erst Elfriede Hammerl, die am 17. September 1984 ihre erste profil-Kolumne mit folgenden Sätzen eröffnete: „Ich bin die dicke Mama, die nie fertig wird. Ich bin die dicke Mama, die kopflos durchs Haus rennt und schon wieder was vergessen hat.“ Seit 26 Jahren schreibt die mehrfach preisgekrönte Journalistin und Autorin vierzehntägig in profil ihre analytisch messerscharfen Kommentare über die unüberwindliche Nähe zwischen Mann und Frau, vermeintliche Rabenmütter, die Lockungen des Push-up-Bras, Schieflagen im Familienrecht und die Zerreißproben zwischen Kind und Karriere. „Alles falsch gemacht“ heißt ihr kürzlich erschienener Kolumnen-Sammelband (Deuticke), denn Ironie ist noch immer eines der besten Schmerzmittel. Hammerl im Rückblick: „profil wirkte für den Feminismus sicherlich bewusstseinsbildender als jedes andere Medium in diesem Land. Doch wenn es ans Eingemachte ging, also um Geld und Macht, war es da nicht anders als anderswo.“

In den achtziger Jahren schienen die großen Schlachten mit der Familienrechtsreform und der Fristenlösung geschlagen. Der Geschlechterdiskurs wurde vorrangig mit der dem Zeitgeist immanenten schicken Flapsigkeit abgehandelt – Titelgeschichten wie „Das neue Mannsbild“, „Lustobjekt Mann“, „Das neue Weibsbild“, „Lust auf Strafe“ und „Verlassene Männer“ versuchten, unbeleckt vom wilden Kampfgeist des vorangegangenen Jahrzehnts, gesellschaftlichen Umbildungsprozessen nachzuspüren. Warnsignale wie die Coverstory „Zurück zum Herd“ aus dem Jahr 1983, in der gegen „die seltsame Koalition zwischen neuen Frauenbewegten und alten Patriarchen zugunsten einer neuen Mütterlichkeit“ polemisiert wurde, besaßen Seltenheitswert – und waren von prophetischer Relevanz, wie die Familienpolitik der schwarz-blauen Koalition 20 Jahre später zeigen sollte.

Der Mann als Kriegsverlierer des Geschlechterkampfs geisterte als profil-Thema durch die späten neunziger Jahre. „Wo ist Papa?“ lautete 1999 die Coverschlagzeile zu einem Artikel, der die Verdrängung der Scheidungsväter aus dem Leben ihrer Kinder thematisierte – mit wütendem Echo aus der feministischen Ecke, in der diese Form, Partei zu ergreifen, gar keine Begeisterung auslöste. „Die Frucht der harten Arbeit ist, dass das Spektrum der Möglichkeiten erweitert wurde“, kommentierte die US-Schriftstellerin und Feminismus-Ikone Erica Jong in profil 1999 die Verschiebung des Fokus hin zur Befindlichkeit des Mannes. „Es war doch schon zum Gähnen, sich ständig nur mit uns Frauen zu beschäftigen. Der Mann ist verletzt und frustriert, weil er in seiner Funktion als Ernährer durch die finanzielle Autonomie der Frauen nicht mehr gefragt ist.“

Ein Blick aus dem Elfenbeinturm hinaus, wie die gesellschaftliche Realität Österreichs zeigt, die profil zuletzt wieder zu feministischem Kampfgeist inspirierte. „Abtreibungsland Österreich“ hieß die Covergeschichte vom Herbst 2009, in der Robert Buchacher Österreichs Spitzenplatz bei Schwangerschaftsunterbrechungen mit der mangelnden Aufklärung und den defizitären Präventionsstrategien seitens Politik und Kirche erklärte. Eine Bankrotterklärung des hiesigen Feminismus diagnostizierten im März 2010 Edith Meinhart und Eva Linsinger in der Covergeschichte „Macholand Österreich“, mit der ernüchternden Erkenntnis, dass „die Gehaltsschere größer ist als im Rest der EU und die Zahl der Frauen in Führungspositionen sinkt, statt zu steigen“.

Frauen in der Beletage der Hierarchie kamen übrigens auch in der profil-Geschichte nahezu nicht vor. Sigrid Löffler wurde vom frisch gebackenen Herausgeber Peter Rabl 1988 zur stellvertretenden Chefredakteurin befördert. „Sie ist schrecklich begabt, aber sie wird dich umbringen“, lautete die Warnung des scheidenden Herausgebers Peter Michael Lingens an seinen Nachfolger. „Er dachte, dass er sich schützen kann, indem er sie einbindet. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellte.“ Die legendäre Wirtschaftsjournalistin Liselotte Palme avancierte 1994 zur stellvertretenden Chefredakteurin. Das war’s dann auch schon wieder. Dabei strotzt die Crew des profil vor Prachtweibern: Niemand in diesem Land analysiert den Rechtsextremismus so scharfsinnig wie Christa Zöchling; niemand hat über Jahre hinweg Österreichs NS-Historie mit solcher Konsequenz aufgearbeitet wie Marianne Enigl; niemand beschreibt Migranten-Schicksale sensibler als die kürzlich mit dem Claus-Gatterer-Preis ausgezeichnete Edith Meinhart; und niemand versteht es so gut, Politiker aus der Reserve zu locken wie Ulla Schmid und Eva Linsinger. Der erst 26-jährige profil-Neuzugang Tina Goebel wurde heuer mit dem Nachwuchsförderungspreis von Unterrichtsministerin Claudia Schmied ausgezeichnet.

Wenn wir uns dieser Tage feministisch verbreitern wollen, werden wir freundlich durchgewunken und dabei den Eindruck nicht los, dass der Feminismus in der regierenden Boygroup wie eine Großtante wahrgenommen wird, die nicht ganz unsympathisch ist, aber lieber nicht zu häufig zu Besuch kommt.

Ach ja, neuerdings ist es bei profil-Männern der letzte Schrei, in Karenz zu gehen. Die sind ja nicht blöd.

Dass einem bei dem ganzen Kind-und-Karriere-Irrsinn immer wieder die Wimperntusche rinnt, ist übrigens auch unsere Schuld, meinte Alice Schwarzer im Vorgeplänkel zu einem ihrer zahlreichen profil-Interviews. „Mädels, keiner ist so bescheuert und gibt freiwillig Privilegien ab. Ihr müsst endlich laut einfordern, anstatt still zu funktionieren!“ Wer hat denn dafür wirklich Zeit? Gut möglich, dass wir diesen Job erst der nächsten Generation umhängen werden.

Angelika Hager, arbeitet seit 1998 bei profil. Sie leitet das Ressort Gesellschaft und findet, dass Humor noch immer das beste Mittel gegen patriarchalische Strukturen ist.