Hildegard Knef, lachend, mit Kopfhörern übergestülpt.
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Hildegard Knef: „Ich hatte einen der schönsten Körper Europas”

Zwei Jahre vor ihrem Tod im Alter von 76 Jahren gab Hildegard Knef in ihrer Berliner Wohnung profil ein Interview. Kürzlich wäre die Königin des deutschen Nachkriegsfilms, deren Leben einem Schundroman gleich kam, 100 Jahre alt geworden.

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Stramm ist sie da gesessen, mit zusammengeschlagenen Hacken wie eine preußische Soldatin. Sie trug Trevira-Hosen, eine Hemdbluse, dicke Brillen, kaum Makeup. Es herrschte nicht verhandelbares Fotoverbot. Ihr dritter Mann, Paul von Schell, ein ungarischer Baron ist ein eleganter, zarter Mensch, der sie mit fürsorglicher Zärtlichkeit umschwebt, die angesichts ihrer preußisch-disziplinierten Haltung fast ein wenig übertrieben schien. Drei Sorten Mineralwasser wurden auf dem niedrigen Couchtisch positioniert, vor dem sie saß. Gebrechlich wirkte sie gar nicht. 

Der so diszipliniert kaschierte Schwächezustand ihres Körpers schien die Knef weniger zu demütigen, als zu langweilen. Der Anlass für das damalige Interview, das ungewöhnlicherweise in ihrer Privatwohnung stattgefunden hatte, war die Veröffentlichung ihrer Platte „17 Millimeter", der ersten nach 18 Jahren, im Jänner 2000. Sie wohnte in einem adrett-spießigen Wohnbau im Berliner Hietzing-Pendant Zehlendorf, einem bürgerlichen Grünlage-Bezirk. Ob das Schicksal in ihrem Leben nicht ein bisschen dick aufgetragen habe, fragte ich sie. Die Archivberge über die Knef lasen sich immer wie der Schundroman eines enthemmten Autors: Hymnen, Häme, Beziehungsruinen, Glamour, Brustkrebs, Medikamentensucht, Pleiten und Zusammenbrüche.

„Kindchen", sagte sie, „Liz Taylor wäre nie Liz Taylor geworden, wenn sie heute als einmalig verwitwete und ansonsten ganz ausgeglichene Omi in Beverly Hills Rosen züchtet. Der ganze Irrsinn machte sie glaubwürdig. Und ich kann nun einmal nicht häkeln. Aber was für ein grauenhafter Gedanke auch! Ohne meine Arbeit würde ich vertrocknen, wie eine Blume, die kein Wasser bekommt. Sehe ich aus, als ob ich welken möchte?”

 Bei mir ging es immer sehr pompös zu - im guten wie im schlechten Sinn.

Hildegard Knef im profil-Interview im Jahr 2000.

Man schüttelt pflichtschuldig den Kopf.

Ja, es gab halt nur „eiskaltes Wasser oder warmes Bad” in diesem Leben: „Bei mir war's nie nebulos und schmächtig. In meinem Leben ging's immer sehr pompös zu – im guten wie im schlechten Sinn." Aber so eine „tränenduselige Dankbarkeit” fürs Überleben, die hatte sie nicht im Programm: „Vor meinem Krebs hatte ich den schönsten Körper Europas. Das konnte man ja in der ,Sünderin' eingehend betrachten. Dann war in sechzig Operationen an mir rumgesäbelt worden. Und dann war er eben nicht mehr so schön.” Spät nachts, nachdem sie das Interview zur Autorisierung erhalten hatte, rief sie an und kläffte in den Hörer: „Kindchen, schreiben Sie bitte: Ich hatte einen der schönsten Körper Europas, sonst glauben eure Leser vielleicht, dass Tante Hilde durchgedreht ist.”

Aber bitte, wenn sie zeitlebens „nur krank” gewesen wäre, würde heute wohl ja keiner mit ihr sprechen. Immerhin hat sie 1946 mit „Die Mörder sind unter uns" den ersten deutschen Nachkriegsfilm gedreht, immerhin war sie 1956 die erste Deutsche – „und bis heute die einzige” -, die am Broadway aufgetreten ist: „Mein Leben war eine Kraftanstrengung, die einem langsamen Selbstmordversuch gleich kam. Ja, ich habe mich schon als junges Mädchen unheimlich geschunden. Mit 19 spielte ich abends am Barlog-Theater in Berlin, und zwar nur Hauptrollen. Untertags drehte ich „Mörder unter uns". Dieses Nicht-Schlafen in Kombination mit dem Hungern, es gab ja noch nix - mörderisch! Auch meine Zeit am Broadway ab 1956 grenzte an physischen Selbstmord.”

Sie fährt unaufgefordert und völlig ungeschönt fort: „Ich hatte natürlich auch dann meine Einbrüche. Nach meinen Krebs-Operationen wurde ich metadonsüchtig. Die Schmerzen waren so irrsinnig. Ich ging auf Entzug. Wenn ich das Wort Metadon heute nur sage, bekomme ich heute noch einen trockenen Mund. Da gab es Momente, in denen Sie denken, dass Sie die nächste Minute nicht mehr überleben können. Aber erstaunlicherweise, ich bin noch immer da.”

Abgesehen von all den Krankheiten und Dramen, möge man bitte nicht vergessen: „Ich war die erste Frau, die ihre Chansons selbst getextet hat.” „Die Zeit” nannte sie einmal für ihre Schicksalsminiaturen, in denen „die Schutzengel immer schmollten”, „eine große Malerin des Desasters". Und ihre Millionenseller wie die Autobiografie „Der geschenkte Gaul” und die Überlebensgeschichte nach der Krebsdiagnose „Das Urteil" „sind nicht nur den Hausfrauen unter die Haut gegangen, sondern auch von einem Kaliber wie Henry Miller wahrgenommen worden.”

Bei der Aufzählung ihrer Karriere-Meilensteine ließ sie ganz stur Willy Forsts „Sünderin” aus, der Film und damalige Skandal, durch den sie berühmt geworden war. Mit dem ersten Nacktauftritt in der deutschen Filmgeschichte hatte sie 1950 Deutschland ganz aus dem Häuschen gebracht. Sie mochte die „Sünderin” nie. „Ein hirnloses Melodrama”, faucht sie, „dauernd saßen irgendwelche blöden Buben im Schrank meines Hotelzimmers. Und wenn ich ein Restaurant betrat, sagten die Ehefrauen zu ihren Männern: Komm, Fritz, wir gehen.” Beim Dreh war sie sich der Dimension des möglichen Skandals überhaupt nicht bewusst: „Der Ufa-Boss Erich Pommer sagte damals völlig zu Recht: Bei Auschwitz hat keiner Pardauz gesagt, aber bei einem nackten Mädchen drehen sie völlig durch.”

Kein Publikum der Welt ist doch das eigene Leben wert.

Hildegard Knef im profil-Interview

In Hollywood konnte sie nie Fuß fassen, weil „man mich als Nazibraut denunziert hatte”: „Ein gewisses Fräulein Borchert hat mich bei David O. Selznick als Nazi-Braut angeschwärzt. Sie wollte meine Rolle in ,The Big Lift' und bekam sie dann auch. Marlene rief mich nach der Filmpremiere an und sagte: ,Du hast wirklich nichts versäumt!” 

Für das Genre des Heimatfilms hatte sie so gar kein Talent: „In einem Dirndl sehe ich einfach dämlich aus." Eine Eigenschaft, die sie mit ihrer engen Freundin Marlene Dietrich verband. Aber das „bekloppte Getue”, das ihre innige Freundin Marlene mit ihrer Isolation veranstaltete, indem sie sich in ihrer Wohnung in der Avenue de Montaigne verschanzte, hatte sie nie verstanden: „Nicht einmal ich durfte sie besuchen. Dabei waren wir so dick befreundet. Ich bin vor dem Plaza-Athenée gestanden und habe sie aus ihrem Fenster winken sehen. Rauf durfte ich aber nicht. „Marlene, deine Falten, das macht doch keinen Leierkasten zwischen uns, habe ich ihr gesagt. Kein Publikum der Welt ist doch das eigene Leben wert."

Wie die Dietrich hatte auch die Knef radikal-konsequent ein emanzipiertes Leben geführt, ohne sich mit dem Begriff Emanzipation auseinander zu setzen: „Dafür blieb einfach keine Zeit. Und der Geschlechter-Geschichte diesen Vereinsgedanken aufzuzwingen ist doch so dämlich, dass die Kuh schreit. Schließlich ist die Liebe keine Sportveranstaltung.” Zusatz: „Ich war immer abhängig von meinem Partner. Ich kann kein Ei kochen und eine Steuererklärung nicht von einem Kreuzworträtsel unterscheiden. In Gelddingen war ich stets so dämlich, dass die Kuh schreit. Und im Alleinsein bin ich auch ganz schlecht.” Und, wie fühlte sich an, mittlerweile eine Art „deutsches Nationalheiligtum” zu sein. „Jaja”, kläfft sie, „inzwischen. Bin ich voll die heilige Hildegard von Berlin. Aber die haben alle zeitlebens so viel an mir rumgehackt, dass es ihnen irgendwann einmal langweilig geworden ist.”

Angelika Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort