Hipster-Metropole Portland: Schattenseiten der Gentrifizierung

Hipster-Metropole Portland: Schattenseiten der Gentrifizierung
Hipster-Metropole Portland: Schattenseiten der Gentrifizierung

Jahrelang galt Portland an der amerikanischen Westküste als Paradies für Bobos, Hippies und junge Kreative. Aber der Kapitalismus schläft nicht. Ein Besuch in der bröckelnden Hipster-Hochburg.

In mannshohen Lettern, im knalligen Gelb auf Schwarz, leuchten die Zeichen an der Wand. "Keep Portland Weird“, mahnt ein Graffiti an der 3rd Avenue von Portland das inoffizielle Stadtmotto ein: Portland soll seltsam bleiben. Darunter dreht ein Obdachloser selbstvergessen seine Pirouetten, als wäre er im Rahmen einer lokalen Image-Kampagne eigens hierfür abgestellt worden. Der Schein trügt: Dem Gebot der Andersartigkeit wird hier, im Zentrum der amerikanischen Freigeistlichkeit, durchaus freiwillig Folge geleistet.

Als inoffizielle Hipster-Welthauptstadt bricht die beschauliche 600.000-Einwohner-Stadt in Oregon an der US-Westküste mit allen Klischees der prüden, benzingurgelnden, waffenfanatischen USA. Hier feiert man den Indie-Zeitgeist der 1990er-Jahre, interessiert sich für Fahrräder, Buchgeschäfte, Nacktbadestrände (in den USA!), Do-it-Yourself-Kultur und Craft Beer. Unter anderem beherbergt die Stadt, in der Bernie Sanders bei der demokratischen Vorwahl 57 Prozent erreichte, den ersten veganen Stripclub der Welt - Slogan: "Wir packen das Fleisch an die Stange, nicht auf den Tisch.“

Ein Hipster-Laden in Portland

Ein Hipster-Laden in Portland

Entwicklungen, wie sie auch in Österreich, ausgehend von einschlägig bekannten Grätzeln wie dem Wiener Karmelitermarkt oder Teilen des Grazer Gries zunehmend virulent werden, hat Portland schon vor Jahren abgeschlossen. Als internationales Versuchslabor ist die Stadt deshalb bestens geeignet für eine Antwort auf die bange Frage: Was kommt eigentlich nach dem Hipster? Was passiert, wenn Seltsam das neue Normal wird? Und wer wird darunter besonders leiden?

Verstricken in eigenen Paradoxien

Portland ist so etwas wie die Petrischale jenes zeitgenössischen Kapitalismus, der zunächst ein freundliches (und meist bärtiges) Gesicht zeigt, dem "guten“, bewussten Konsum huldigt - und sich doch zunehmend in den eigenen Paradoxien verstrickt. Was mit den besten Absichten begann, kann schlimmste Folgen nach sich ziehen: soziale Verdrängung, Obdachlosigkeit, Armut. Der Erfolg der Hipster-Kultur frisst nicht nur die eigenen Kinder. Portland zeigt, wie das geht.

Kulturgeschichte schrieb die Stadt schon einmal, in den 1980er-Jahren, mit ihrer blühenden Musikszene, zu der Indie-Rock-Größen wie Elliott Smith, Sleater-Kinney oder Pavement zählten; im schummrigen Licht des örtlichen Nachtclubs "Satyricon“ verliebten sich Courtney Love und der Nirvana-Frontmann Kurt Cobain ineinander. Heute sind es vergleichsweise biedere Gründe, denen Portland seinen Erfolg verdankt: die gute Luft- und Wasserqualität zum Beispiel, das verlässliche öffentliche Verkehrsnetz, angrenzende Wälder und Skigebiete. Nicht zufällig vergleicht sich Portland gern mit Wien.

Vielleicht ist es aber auch schlicht die Mischung aus kanadischer Freundlichkeit und kalifornischer Sommersonne, die hier den idealen Nährboden für metrosexuelle Holzfällertypen und hornbrillentragende Kreativnomaden bot und sie dazu inspirierte, duftende Bartseifen anzurühren und biologisches Bier zu brauen. Rund 80 lokale Brauereien haben der Stadt den Spitznamen "Beerwana“ eingebracht; tätowierte Kaffeefachmänner mit Hochsteckfrisur (alias Man-Bun) brühen Espressi hinter spartanischen Holztheken; über 700 Gourmet-Food-Trucks, an den Straßenecken geparkte Imbiss-Wägen, verfestigten Portlands Ruf als "Foodie-Town“: Vietnamesen, Thailänder, Italiener, Burgerbrater, vegetarisch, vegan oder glutenfrei orientierte Imbissanbieter übertrumpfen einander in puncto Lässigkeit.

Gentrifizierungsnomade Matt Vicedomini, 31, flüchtete aus New York ins billigere Oregon. Sollte es hier zu teuer werden, zieht er weiter.

Gentrifizierungsnomade Matt Vicedomini, 31, flüchtete aus New York ins billigere Oregon. Sollte es hier zu teuer werden, zieht er weiter.

Dass das Angebot auch stets lokal und biologisch ist, stellen die unzähligen Urban-Farming-Kooperativen Portlands sicher. Nicht zuletzt durch die seit 2010 ausgestrahlte, herrlich überzeichnete TV-Persiflage "Portlandia” stieg die Stadt in den Olymp der zeitgenössischen Popkultur auf.

So viel Hipstertum fällt natürlich auf - im benachbarten Kalifornien etwa, wo sich die Mietpreise längst in schwindelerregende Höhen geschraubt haben und die Metropolen allenfalls noch von vergangener Coolness zehren. "Portland erinnert mich an das San Francisco der 1990er-Jahre“, schwärmt etwa Peter Johnson, ein fitter, 60-jähriger Kalifornier, der vor zehn Jahren seine Wohnung in der Bay Area verkaufte und in das vergleichsweise billige Oregon zog. Er ist damit keineswegs allein: Der Bundesstaat erlebt das dritte Jahr in Folge den höchsten Zuzug aller US-Staaten - Portland ist dabei das Hauptziel. Vor allem kalifornische Babyboomer im Alter zwischen 50 und 70 Jahren sehnen sich nach der unverbrauchten Kreativszene und Natur, die das Städtchen bietet - und bringen, gut alimentiert durch den Verkauf ihrer meist hochpreisigen Grundstücke, auch das nötige Kleingeld mit. Stadtsoziologen und Hipster haben für derartige Entwicklungen einen Namen: Gentrifizierung.

Rückzugsort für Kriegsheimkehrer

Am eindeutigsten sind deren Effekte in Alberta zu beobachten, einem Bezirk im Nordosten der Stadt, jahrzehntelang von Afroamerikanern besiedelt, die während des Zweiten Weltkrieges als Schiffsarbeiter am nahegelegenen Hafen angeheuert hatten. "Noch vor zehn Jahren besaßen die Schwarzen alles hier. Heute gibt es genau zwei Geschäfte in afroamerikanischem Besitz: die beiden Herrenfrisöre“, erzählt Al, ein 35-jähriger Irak-Kriegsveteran. Tagsüber hängt Al im Lokal der American Legion an Albertas Hauptstraße ab, einem Veteranentreff, an dem die Hipsterwelle wirkungslos vorbeigezogen ist. Im biederen 1950er-Jahre-Flair aus abgewetzten Ledermöbeln und blau-roten Girlanden verstummt der kreative Straßentrubel. Es sei ein Rückzugsort für Kriegsheimkehrer, die mit dem da draußen - Al deutet in Richtung Bobo-Universum - nicht umgehen können. Wie sollen sie auch? Vor dem Lokal ballen sich bunte Papierfachgeschäfte, Schmuck- und Kosmetikläden sowie die lokale Eiscreme-Kette "Salt and Straw“ (Bestseller: "Meersalz mit Karamellstreifen“; außerdem im Programm: "Knochenmark und Kirsch“, "Birne und Schimmelkäse“).

Beinahe jeden Monat eröffne in der Gegend ein neues Geschäft, erzählt Matt Vicedomini, der ein paar hundert Meter westlich einen Food Cart betreibt: "Matt’s BBQ“, eine als weiß-blauer Wohnwagen getarnte Kultstätte für heiß geräuchertes Rindfleisch. Lokale Zeitungen und Food-Blogs überschlagen sich in Begeisterung für Vicedominis Ware: bis zu 17 Stunden lang im selbst gebauten Smoker gegarte Spareribs, Rinderbrust und Würste. Frühes Anstellen wird wärmstens empfohlen, um im Mittagsgeschäft überhaupt noch zum Zug zu kommen. Es sind Menschen wie der 31-jährige Koch und Hornbrillenträger aus New York, die Portlands Straßen mit Leben füllen - und gleichzeitig zu seinem langsamen Tod beitragen.

Das Prinzip "Gentrifizierung“ funktioniert weltweit nach ähnlichen Mechanismen. Hier, im idyllischen Nordwesten der USA, kondensiert es zu seiner reinsten Form: Weitgehend unbekannte Gegend wird von mobilen, urbanen Kreativgeistern als lebenswertes Milieu erkannt, durch einschlägige Initiativen aus den Bereichen Kunst, Design, Gastronomie und Handel aufgewertet; lokale Medien berichten erfreut, überregionale Medien ziehen nach, Touristen kommen (und bleiben zum Teil gleich da); lokale Szene wird nach und nach zum Klischee und schließlich zum Tummelplatz für potente Initiativen aus den Bereichen Immobilienentwicklung, Gastronomie und Handel; Gegend verkommt zu Konsum-Disneyland samt unleistbarem Wohnraum.

"Alle kommen jetzt nach Portland"

Der BBQ-Meister Vicedomini gehört in Portlands Hipster-Szene zu den Späteinsteigern. Seinen Imbiss eröffnete er im Juli des Vorjahres, davor hatte er unter anderem beim österreichischen Starkoch Kurt Guttenbrunner in dessen New Yorker Luxusrestaurant "Wallsée“ die Grundlagen der Gourmetküche gelernt. Dass es auf lange Sicht nichts mit ihm und New York werden könne, war Vicedomini freilich schon früh klar: Für die meisten jungen Leute sei die Stadt zu groß geworden, zu teuer, zu tough, um ein Geschäft zu betreiben. "Früher ist man halt in einen anderen Stadtteil übersiedelt - von Manhattan nach Brooklyn. Aber das geht heute nicht mehr“, sagt Matt. Die Lebenshaltungskosten in Brooklyn haben sich längst jenen in New Yorks Zentrum angenähert. So endet Gentrifizierung - und beginnt wieder von vorn: "Alle, die früher nach Seattle oder San Francisco gezogen wären, kommen jetzt nach Portland.“ Für Matt ging es in Portland um "the feel“, das individuelle Flair, von dem er vergeblich hofft, dass andere es nicht entdecken mögen: "Ich habe Angst, dass es hier bald wie in Manhattan oder San Francisco wird.“ Denn dann wird er wohl weiterziehen müssen - in die nächste hippe Kleinstadt.

Glaubt man den Prognosen des Immobilienunternehmens "Zillow“, kann Vicedomini langsam seine Koffer packen. Bereits im vergangenen Jahr erlebte die Stadt mit einem Anstieg von 15 Prozent die höchste Mietpreissteigerung in den USA. Vor fünf Jahren kostete ein Ein-Zimmer-Apartment in Portland noch durchschnittlich 870 Euro, heute zahlt man rund 1500 Euro im Monat. Im Bezirk Alberta stiegen die Mietpreise innerhalb eines Jahres um 51 Prozent.

Ein Obdachloser in Portland

Ein Obdachloser in Portland

Die Folge: Laut der Organisation "Transition Projects“ zählt Oregon zu den Staaten mit der höchsten Obdachlosenrate pro Einwohner. Allein in Portland wird offiziell von 2000 Obdachlosen ausgegangen; gefühlt sind es noch wesentlich mehr, die an Straßenecken, auf Waldwegen und in Parks ihre Zeltlager aufgeschlagen haben. Die Delogierungen aus Wohnungen, die hier in der Regel nur auf Monatsvertragsbasis vermietet werden, betreffen vor allem verletzliche Gruppen: Zwischen 2013 und 2015 stieg der Anteil wohnungsloser Frauen in Oregon um 42 Prozent an, jener von Afro-Amerikanern ohne Wohnung um 48 Prozent.

Am sichtbarsten wurde die Obdachlosenkrise von Portland in dem beliebten Freizeitgebiet rund um den "Spring Water Corridor“, wo sich das Verständnis von Portlands liberaler Elite für die in Zeltstädten hausenden Obdachlosen zuletzt empfindlich eintrübte. Anfang September wurde das Lager polizeilich geräumt, einigen Wohnungslosen ein Gebäude am Hafen zur Verfügung gestellt.

Auf Dauer wird das Problem allerdings unlösbar bleiben: Portland, dessen erstes Siedlungsgebiet im frühen 19. Jahrhundert nicht umsonst "The Clearing“ (die Lichtung) hieß, ist bis heute von dichtem Wald umgeben - eine Wachstumsgrenze, die den Stadtbewohnern noch heiliger ist als ihre Bartöle.

"Wir waren einfach zu freundlich und haben es uns zu nett hier gemacht”, seufzt der Portland-Veteran Al. "Jetzt wollen alle ein Stück vom Hipsterhimmel.“ Die Hölle, das sind die anderen.

Anmerkung: Die Redakteurin war diesen Sommer im Rahmen der Summerschool des fjum_forum journalismus und medien wien zwei Wochen in Portland.