Elfriede Hammerl, Steffi Stankovic

© Michael Rausch-Schott

profil-Morgenpost
07/25/2022

In der Hitze des Geschlechts

Warum uns die Debatte um geschlechtliche Selbstbestimmung alle angeht.

von Angelika Hager

Guten Morgen!

Als profil letzte Woche zu einem Streitgespräch zur aktuellen Debatte um Gender-Identität ins Café Engländer bat, schlugen die Wogen zwischen profil-Kolumnistin Elfriede Hammerl und der Trans-Frau und Aktivistin Steffi Stankovic so hoch, dass Stankovic nur meinte: „Dieses Gespräch ist für mich sehr traumatisierend.” Elfriede Hammerl hatte den sorgenvollen Standpunkt vieler Feministinnen eingenommen, dass die Diskussion um Selbst-Identität „alte Problemfelder des Feminismus wie Einkommensschere, ein Übermaß an Arbeit, die Frauen leisten müssen, und Altersarmut” zunehmend ins Hintertreffen geraten lassen könnten.

Der Flächenbrand des Diskurses, oftmals durch entsprechend aggressive „Meinungsräusche” in den sozialen Medien befeuert, steht für eine statistisch kleine Gruppe von Menschen.

Verbürgte Statistiken über die Zahl jener Menschen, die in Österreich außerhalb der Cis-Norm leben, existieren nicht. Laut Schätzung der österreichischen Sozialversicherung (Stand: Ende 2020) leben rund 500 Menschen „geschlechtsinkongruent” in Österreich. Andere Schätzungen belaufen sich auf 600 Transfrauen und 300 Transmänner. Trotz der statistischen Marginalie Österreich als weltweiter Vorreiter, was das Meldegesetz betrifft: Nach dem Entwurf einer Novelle kann man künftig aus sechs Möglichkeiten wählen: „männlich”, „weiblich”, „divers”, „inter”, „offen” und „keine Angabe”. Das Kreuz darf jedoch nicht nach Lust und Laune gesetzt werden, sondern kann erst nach Vorlage eines Fachgutachtens, das die geschlechtliche Positionierung der jeweiligen Person bestätigt, nach eigenem Gutdünken gemacht werden.

Die Gründe, warum das Recht auf Selbst-Identität in Geschlechterfragen gerade jetzt die Emotionen in allen weltanschaulichen Lagern dermaßen hoch schlagen lässt, sind komplex: Die neuen Möglichkeiten der Selbstgestaltung der menschlichen Intimzone machen Angst, vor allem dem rechten Rand der Gesellschaft. Dort wird das neue Geschlechtsverständnis gerne als „akademisch, künstlich, elitär und degeneriert” apostrophiert, wie die deutsche Soziologin und Expertin für Gender-Studies Paula-Irene Villa Braslavky konstatiert. Wahrscheinlich löst es dort heute ähnliches Unbehagen wie der feministische Kampf um Gleichberechtigung in den 1970er Jahren aus. Die traditionellen Feministinnen wiederum fürchten angesichts der Dimension der gesellschaftspolitischen Debatte um geschlechtliche Selbstbestimmung, dass noch immer virulente Problemherde vom Radar der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend verschwinden. Außerdem sind jetzt die Generation Z und die Millenials am Wort, die mit Bewegungen wie „Black lives matter”, dem Kampf um die Rechte für Ehe und Familiengründung von homosexuellen Paaren und dem verschärften Klimaaktivismus sozialisiert wurden und ein verschärftes „Woke”-Bewusstsein besitzen. Die Wut der Jungen prallt auf Gesellschaftskonventionen der „Boomer”-Generation, sprich der Eltern und Großeltern, die sich angesichts der heftigen Transdebatte oft kopfschüttelnd abwenden und die Gegenfrage stellen: „Was geht mich das eigentlich an?” 

Viel. Denn es geht um Menschenrechte, den Kampf gegen Diskriminierung und die Abschaffung des Leids für Trans-Menschen, die ihre Identitätskämpfe oft im Verborgenen ausfechten zu müssen. Trans-Frauen haben in Ländern wie Brasilien, Mexiko und den USA eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur 35 Jahren und werden erschreckend oft Opfer von Gewaltverbrechen. Betroffene Teenager haben eine fünf Mal so hohe Selbstmordrate wie Altersgenossen in der Cis-Norm. Nur durch eine wachsende gesellschaftliche Akzeptanz in einer offenen Zivilgesellschaft, die die Rechte von Frauen, Homosexuellen und Transmenschen schützt und für deren Gleichberechtigung kämpft, kann diesem Leid vorgebeugt werden.

Ein Lexikon der Begriffe, die im Aktivismus-Jargon häufig gebracht werden, wie „Terf”, „Deadname” und „Policetoning”, und zusätzliche Verunsicherung stiften, soll Licht in die oft verwirrende Terminologie bringen.

All diesen Fragen und unterschiedlichen Perspektiven haben meine Kollegin Siobhán Geets und ich uns in der dieswöchigen Cover-Geschichte gewidmet. Das Gespräch zwischen Hammerl, Stankovic und der Feministin und Journalistin Lea Susemichel endete dann auch noch mit versöhnlichen Worten, nachdem die Aufnahmegeräte abgeschaltet worden waren. Steffi Stankovic sagte: „In Wahrheit kämpfen wir doch alle den gleichen Kampf – es geht um Freiheit und Gleichberechtigung.”

Angelika Hager