Wo differenziert er denn da?
Scheuba
Im Ibiza-Video gibt es die berühmte Stelle, an der Strache sagt: „Novomatic zahlt alle.“ Aber etwas später präzisiert er und sagt: „Novomatic zahlt alle drei.“ Und das ist schon ein wichtiger Unterschied. Denn er meint eben nicht alle, sondern genau die ÖVP, die SPÖ und die FPÖ. Und da denke ich mir: Ja, sogar der Strache schafft das. Und deshalb bin ich gern ein bisschen vorsichtig, wenn es darum geht, die politischen Skandale paritätisch aufzuteilen. Man kann eine politische Ungeschicklichkeit des Herrn Babler gerne thematisieren, aber das ist einfach nicht das Gleiche, wie wenn der Herr Kickl sagt, wir müssen Russland entgegenkommen. Da besteht ein Unterschied.
Hat die satirische Bloßstellung denn überhaupt noch ein Gewicht? Herbert Kickl wird Ihr Programm wahrscheinlich nicht lustig finden, aber wenn er sich aktuelle Umfragen anschaut, wird er sich ein Grinsen nicht verkneifen können.
Scheuba
Man darf sich da tatsächlich keine Illusionen machen. Wir sehen es gerade in extremer Form in den USA. Dort passiert vieles, was allen Regeln der Vernunft widerspricht oder auch nur denen des Hausverstands. Und dennoch gibt es genug Menschen, die genau das toll finden. So wie es auch genug Menschen gibt, die mit den Russland-Geschichten der FPÖ kein Problem haben. Es besteht trotzdem die Hoffnung, dass man den einen oder anderen FPÖ-Sympathisanten zumindest ein bisschen erreicht. Und selbst wenn man nur Leute erwischt, die Kickl eh schon schrecklich finden, ist es für mich nicht sinnlos. Satire hat auch die Funktion, den Leuten zu zeigen: Ihr seid nicht allein, Freunde. Es gibt auch noch andere Menschen, die ihre Sinne beieinanderhaben und nicht jeden Wahnsinn hinnehmen.
Manchmal sind die sogar in der Mehrheit.
Scheuba
Die Berichterstattung darüber, dass Kickl in allen Umfragen führt, ignoriert gern jene Umfragen, in denen gefragt wird, wer auf keinen Fall regieren sollte. Hier hat die FPÖ nämlich tatsächlich eine absolute Mehrheit.
Tut die Satire des Kabarettisten Scheuba dem Klubobmann Wöginger denn nun mehr weh als das Verhalten des Klubobmanns Wöginger dem Bürger Scheuba?
Scheuba
Ich ärgere mich natürlich darüber, wie dieses Postenschacher-Verfahren gelaufen ist, aber gleichzeitig markiert es einen Fortschritt. Noch vor ein paar Jahren galt das, was Wöginger gemacht hat, als Brauchtum. Oder als Bürgerservice. Der Gedanke, dass durch Postenschacher auch Leute geschädigt werden, ist relativ neu in der österreichischen Öffentlichkeit. Und ich könnte mir vorstellen, dass es zumindest in Zukunft nicht mehr ganz so leicht gehen wird. Aber ja, das ist natürlich die optimistische Version.
Sie sind Kabarettist und Satiriker, bedienen aber auch journalistische Formate. Im August wurden Sie rechtskräftig wegen übler Nachrede verurteilt, weil Sie einem hochrangigen Polizeibeamten in einer satirischen „Standard“-Kolumne Arbeitsverweigerung unterstellt hatten. Konnte das Gericht nicht erkennen, um welche Textsorte es sich handelt?
Scheuba
Der Erstrichter hat durchaus festgestellt, dass bei meiner Kritik ein Tatsachensubstrat gegeben sei. Die zweite Instanz hat das dann anders gesehen. Womit wir leider einen Präzedenzfall haben, mit dem im Grunde jede Kritik an einem Beamten den Vorwurf des Amtsmissbrauchs begründen kann und somit klagbar wird. Das halte ich für gefährlich, und wir gehen damit auch zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nach Straßburg. Ein prominenter Anwalt, der die Gegnerseite unterstützt, hat im Off-Records-Gespräch übrigens zu einem Journalisten gemeint: „Das Ziel der Klage war, dass wir dem Scheuba das Maul stopfen.“ Ich werde alles dafür tun, dass dieses Ziel nicht erreicht wird.
Die Geldstrafe ist auch nicht so hoch, dass Sie eine Beißhemmung hätten?
Scheuba
Wenn ich jetzt anfange, mich zu fragen, was alles ein Problem sein könnte, werde ich sehr schnell feststellen: Wenn das schon ein Problem war, ist alles ein Problem.
In der deutschsprachigen Comedy- Szene wird gerade eine Art Kulturkampf ausgetragen: Einige Ihrer Kollegen fragen lautstark, was man denn heutzutage noch sagen dürfe und wie sehr die Wokeness den Menschen Sprech- und Denkverbote umhängt.
Scheuba
Ich spiele im neuen Programm auch eine Figur, konkret eine Kabarettistin, die sich genau darüber aufregt. Das ist natürlich lächerlich. Aber auch hier muss man differenzieren. Wokeness und Identitätspolitik führen zu Absurditäten, die man benennen und über die man sich auch lustig machen soll. Aber wir erleben gerade die Perversion dieses Gedankens. JD Vance hat bei einer Rede in München beklagt, dass in Europa wegen woker Linker die Meinungsfreiheit gefährdet sei. Und wenige Wochen später wird auf Druck des Weißen Hauses die Show von Jimmy Kimmel gecancelt. So deppert kann man doch nicht sein, dass einem diese Heuchelei nicht auffällt.
Das Kabarett in Österreich hat eine lange linksliberale Tradition. Dreht die Szene inzwischen mehr nach rechts?
Scheuba
Das ist keine Frage von links oder rechts, sondern eine der Hierarchie. Satire legt sich per Definition mit den Mächtigen an. Ich weiß nicht, worin das Vergnügen bestehen soll, auf einer Kabarettbühne nach unten zu treten. Aber das passiert heute immer häufiger, das stimmt. Vielleicht hat das auch mit dem Erfolg des Rechtspopulismus zu tun, den der US-Historiker Timothy Snyder als Sado-Populismus bezeichnet. Wo der klassische Populismus sagt: „Freibier für alle!“, sagt der Sado-Populismus: „Kein Bier für die anderen!“ Und kurz darauf macht er das Bier teurer.
Haben die Mächtigen, auf die Sie hinhauen, früher sportlicher darauf reagiert als heute?
Scheuba
Es ist tatsächlich ein relativ junger Trend, dass in Österreich Kabarettisten verklagt werden. Das betrifft ja nicht nur mich, das betrifft zum Beispiel auch Malarina oder die Tagespresse. Das ist gleichermaßen bedrohlich wie lächerlich. Kabarettisten zu verklagen, ist ja ungefähr so, wie wenn jemand nach dem Besuch des Lachkabinetts im Wurstelprater die Zerrspiegel wegen Bodyshamings verklagt.