"Ich neige nicht dazu, im Affekt jemanden zu beleidigen“

Wolff-Christoph Fuss

Wolff-Christoph Fuss

Der Sky-Fußballkommentator und neue profil-Kolumnist Wolff-Christoph Fuss über frühkindliche Karrierepläne, Sprachspiele, Red Bull Salzburg und Cristiano Ronaldo.

INTERVIEW: SVEN GÄCHTER

profil: Welches große Fußballspiel hätten Sie gern kommentiert?
Fuss: Das WM-Finale 1990. Ich war 14 und saß voller Emotion und jugendlichem Wahnsinn vor dem Fernseher. Ich habe bis heute Andy Brehme vor Augen, wie er anläuft und den Elfer reinmacht.

profil: Wussten Sie damals schon, dass Sie Fußballkommentator werden wollten?
Fuss: Es gibt frühkindliche Aufzeichnungen von mir, die das eindeutig belegen. Schon mit sechs Jahren schrieb ich in mein Poesiealbum, welche Karriere ich anstreben würde.

profil: Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie ein Spiel kommentieren?
Fuss: In erster Linie treibt mich ein egoistischer Gedanke an: so viel Spaß wie möglich zu haben. Zweitens möchte ich den Zuschauern das Spiel optimal vermitteln. Wenn beide Komponenten im Gleichgewicht sind, bin ich auf dem richtigen Weg.

profil: Wann macht Fußball Ihnen denn Spaß – und wann nicht?
Fuss: Fußball macht mir immer großen Spaß. Ich bin noch nie widerwillig zu einem Spiel gefahren. Nur ein einziges Mal hatte ich keine Lust, ein Spiel zu Ende zu kommentieren. Das war 2008, als Ümit Özat, der damalige Kapitän des 1. FC Köln, in Karlsruhe auf dem Platz zusammenbrach. Zehn Minuten lang herrschte Ungewissheit: Überlebt er oder nicht? Er konnte wiederbelebt werden, musste in der Folge seine Karriere jedoch wegen einer irreparablen Herzmuskelentzündung beenden. In gewisser Hinsicht war das für mich persönlich das wichtigste Spiel, weil sich unter dem Eindruck dieser dramatischen Ereignisse alles relativierte. Fußball mag die schönste Nebensache der Welt sein – aber eben nur eine Nebensache.

profil: Sie haben einen sehr sprachspielerischen Ansatz. Erfordert das viel gedankliche Anstrengung, oder flutscht es sozusagen einfach raus?
Fuss: Ich empfinde das, was ich tue, überhaupt nicht als Anstrengung. Natürlich muss ich gut vorbereitet sein, um im richtigen Moment die richtigen Informationen parat zu haben. Aber ich gehe nicht mit einer vorgefertigten Meinung in ein Spiel, die ich dann unbedingt loswerden möchte. Mir liegt daran, ein Match extrem verlaufsoffen anzunehmen und immer so zu reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Und da ich nicht dazu neige, im Affekt jemanden zu beleidigen, kann ich es einfach laufen lassen.


Wenn ich ein Spiel kommentiere, bemühe ich mich, so zu reden, wie ich auch in jeder anderen Lebenslage reden würde.

profil: Gibt es so etwas wie den perfekten Spielkommentar?
Fuss: Der perfekte Kommentar ist eine Illusion, aber diese schöne Illusion ist der Antrieb.

profil: Ertappen Sie sich, wenn Sie privat Fußball schauen, manchmal dabei, das Handwerk Ihrer Kollegen kritisch zu begutachten?
Fuss: Als Privatmann setze ich nie die professionelle Brille auf. Entweder ein Spiel interessiert mich oder nicht, und kein Kollege könnte mich jemals dabei „stören“.

profil: Welche Kommentatorenphrasen stehen auf Ihrem persönlichen Index?
Fuss: Früher dachte ich, es gebe ein Wörterbuch für Sportjournalisten – mit Formulierungen, die im richtigen Leben nicht vorkommen. Was soll es beispielsweise bedeuten, dass „lange Kerls im 16er rumlaufen“? Wenn ich ein Spiel kommentiere, bemühe ich mich, so zu reden, wie ich auch in jeder anderen Lebenslage reden würde.

profil: Die rasende Kommerzialisierung des Fußballs wird immer lauter beklagt. Teilen Sie diese Kritik, oder sehen Sie die Entwicklung nüchtern geschäftsmäßig?
Fuss: Ich bin durchaus Traditionalist und Romantiker, ich weiß aber auch, dass man sich gewissen Mechanismen nicht verschließen kann. Fußball funktioniert heute in der Regel nur dann ­erfolgreich, wenn er kommerziell betrieben wird. Hinter jedem Klub stehen Investoren oder Unternehmen, die viel Geld in den Sport stecken. Und das tun sie nicht nur, weil sie den Klub so toll finden, sondern weil sie sich etwas davon versprechen. Ob man dabei so weit gehen muss, jeden Stofffetzen, den irgendein Verantwortlicher am Körper trägt, mit Werbung zuzukleistern, ist eine andere Frage.

profil: Wie beurteilen Sie die UEFA-Pläne einer Art Super-Champions-League, bei der die großen Klubs ganz unter sich bleiben?
Fuss: Ich denke, man sollte niemanden ausschließen, sondern die größtmögliche Schnittmenge im europäischen Fußball finden. Das bedeutet dann eben, dass auch Klubs wie Real Madrid oder Bayern München mal aufs Dorf müssen. Darin besteht für mich der Reiz der Gruppenphase. Wenn man jetzt aber anfängt, sich quasi elitär abzuschotten, gibt es vielleicht mehr qualitativ hochwertige Spiele, aber es kommt auch zu einer Entfremdung zwischen ­„denen da oben“ und „denen da unten“. Wenn nur noch die ganz Großen gegeneinander spielen, wird es Red Bull Salzburg beispielsweise nie wieder auch nur in die Nähe einer solchen Liga schaffen.


Ich schätze Typen wie Steven Gerrard ungemein: hochmotivierte Fußballer mit größtmöglichem Identifikationspotenzial.

profil: Nun ja, das ist de facto ohnehin schon der Fall.
Fuss: Aber in einer Super-Champions-League wäre es in Zukunft von vornherein ausgeschlossen.

profil: Sie bezeichnen sich als Fußballromantiker. Welchen Spielertypus schätzen Sie?
Fuss: Ich schätze Typen wie Steven Gerrard ungemein: hochmotivierte Fußballer mit größtmöglichem Identifikationspotenzial. Auf dem Platz sind sie sich für keinen Weg zu schade und strahlen doch immer Nahbarkeit aus. Außerdem haben sie einen Hang zum Spektakel.

profil: Daran schließt sich nahtlos eine Gewissensfrage: Ronaldo oder Messi?
Fuss: Beide sind absolute Ausnahmeerscheinungen. Ich schätze Ronaldo noch einen Tick mehr, weil er sich sowohl bei Manchester United als auch bei Real Madrid durchsetzte und mit beiden Klubs die Champions League gewinnen konnte. Abgesehen davon wird er ja längst nicht mehr nur als Fußballer wahrgenommen, sondern als Marke, als Ikone – mit allen Nebengeräuschen, die dazugehören. Dass es ihm trotz alledem gelingt, ein solches Leistungsniveau zu halten, nötigt mir höchsten Respekt ab.

profil: Guardiola oder Mourinho?
Fuss: Mourinho, ganz klar! Ich mag seine Impulsivität, seine Unberechenbarkeit. Er scheint mir näher bei seinen Spielern zu sein – sie würden für ihren Trainer durchs Feuer gehen. Guardiola dagegen ist in erster Linie sehr nahe bei seinen taktischen Inhalten.

Wolff-Christoph Fuss, 40,
Die Matchkommentare des gebürtigen Baden-Württembergers im Pay-TV-Sender Sky entschädigen oft genug für laues Spielgeschehen auf dem Platz. Fuss pflegt einen fetzigen, anschaulichen Sprachstil und meidet die ­genreüblichen Klischees ­konsequent. Über sein Buch „Diese verrückten 90 Minuten“ (2014) urteilte „Bild“ ­anerkennend: „Er kann nicht nur reden, er kann auch schreiben.“