Zu Besuch in der Obdach Sautergasse in Wien
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Zu jung für die Straße, zu alt fürs System

Immer mehr junge Menschen rutschen in Österreich in die Wohnungslosigkeit. Zwischen fehlendem Rückhalt und steigenden Lebenshaltungskosten wird der Weg ins eigene Leben für viele zur existenziellen Herausforderung.

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Wohnungslosigkeit hat in Österreich oft ein junges Gesicht: Laut Caritas ist in Wien rund ein Drittel aller obdachlosen Menschen unter 30 Jahre alt – das sind also etwa 5.000 Jugendliche und junge Erwachsene. Einer von ihnen ist Patrick. Er ist 19, bald 20, und weiß genau, was es heißt, am unteren Ende der Gesellschaft zu stehen.

Im Spätsommer des vergangenen Jahres musste Patrick drei Monate lang allein auf der Straße überleben, nachdem er seinen Platz in einer betreuten Jugend-WG verloren hatte. Tagsüber bettelte er, um an Essen oder ein paar Münzen zu kommen, nachts suchte er Schutz in einem Stiegenhaus, um nicht im Freien schlafen zu müssen. „Es war sehr kalt, es gab keine Heizung und eines der Fenster war kaputt“, erinnert er sich.

Seit 2021 steigt die Zahl obdachloser Menschen in Österreich wieder an. Laut Statistik Austria sind fast elf Prozent der registrierten Wohnungslosen zwischen 18 und 24 Jahre alt, 18 Prozent unter 30. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein: Viele junge Menschen kommen zumindest vorübergehend bei Freunden oder Bekannten unter und können so ihre Notlage geheim halten und der gesellschaftlichen Stigmatisierung entkommen.

Auch Patrick übernachtete gelegentlich bei einem Freund, die meiste Zeit war er jedoch auf sich allein gestellt. „Ganz wenige Passanten haben mir Geld gegeben, vielleicht zwei von zwanzig. Die einen haben sich vor mir gefürchtet, die anderen haben mich ignoriert oder beleidigt“, erzählt er.

Erst nach drei Monaten erfuhr Patrick von der Jugendnotschlafstelle „a_way“ der Caritas in Ottakring. Nach anfänglichen Zweifeln nahm er seinen Mut zusammen und suchte die Einrichtung auf. „Ich hatte Angst, kannte niemanden, aber ich wollte wieder jemandem vertrauen können“, sagt er.

Ankommen. Aufatmen. Weitermachen.

Die Jugendnotschlafstelle „a_way“ ist österreichweit einzigartig. Sie verfügt über 10 Notquartier-Betten speziell für Jugendliche und junge Erwachsene sowie 8 weitere Betten im Stabilisierungswohnen, bei dem man über längere Zeit betreut wohnt, um das Leben wieder zu ordnen und selbstständig zu werden. Die Einrichtung hat 365 Tage im Jahr geöffnet. Junge Menschen im Alter von 14 bis 20 Jahren können hier täglich von 17 Uhr abends bis 9 Uhr morgens Zuflucht finden.

„Die Notschlafstelle richtet sich in erster Linie an Jugendliche, die in Wien leben oder hier anspruchsberechtigt sind“, erklärt Einrichtungsleiter Thomas Adrian: „In akuten Notfällen wird jedoch jeder aufgenommen, der auf der Straße steht und dringend Hilfe braucht.“ Die betreuten Jugendlichen kommen aus den unterschiedlichsten Lebenslagen: Von Jugendlichen, die aufgrund eines Streits mit den Eltern aus der Wohnung geworfen wurden, über junge Menschen, die direkt nach ihrer Haftentlassung Unterstützung benötigen bis hin Interrail-Reisenden, die bestohlen wurden und von der Polizei am Bahnhof aufgegriffen wurden. 

Wenn ich in einer akuten Krise stecke und noch nicht gleich den Weg über den Amtsapparat gehen möchte, dann gibt es oft keinen Plan B mehr.

Thomas Adrian

Leiter von „a_way“

Dennoch erkennt Adrian ein deutliches Muster: Rund 95 Prozent der Betroffenen würden von physischen oder psychischen Übergriffen innerhalb der Familie berichten. Eine Caritas-Auswertung zeigt zudem, dass rund drei Viertel der jungen Erwachsenen keinen Kontakt mehr zu ihren Familien haben. Viele standen zuvor bereits mit der Kinder- und Jugendhilfe in Verbindung, und etwa ein Drittel hat schon Erfahrungen mit dem Leben auf der Straße oder in einer Notschlafstelle gesammelt. 

„Wenn ich in einer akuten Krise stecke und noch nicht gleich den Weg über offizielle Stellen gehen möchte, dann gibt es oft keinen Plan B mehr“, erklärt Adrian. Er ist überzeugt, dass die Jugendnotschlafstelle eine entscheidende Lücke schließt – sowohl für die jungen Menschen selbst als auch für das Hilfssystem. 

Freiwilligkeit steht bei a_way an oberster Stelle. Jeder Jugendliche entscheidet selbst, ob und wie lange er bleiben möchte. So erhalten Jugendliche und junge Erwachsene zunächst die Möglichkeit, in der Einrichtung anzukommen und zur Ruhe zu kommen. 

Am ersten Abend steht vor allem die Orientierung im Vordergrund, das Vertrautmachen mit der neuen Umgebung. Ab der zweiten Nacht öffnen sich viele Jugendliche schon etwas, und ab der dritten Nacht suchen die meisten aktiv das Gespräch mit den Mitarbeitern. Die Fachkräfte hören zu und zeigen mögliche Wege und Unterstützung auf. Danach entscheiden die Jugendlichen selbstständig über die nächsten Schritte.

Mehrere Personen gehen an einer schlafenden Person vorbei, die unter einer Decke auf dem Gehweg liegt, daneben Taschen mit Habseligkeiten.
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Wenn niemand sonst da ist

Auch Patrick konnte auf diese Weise Vertrauen zu den Mitarbeitenden von „a_way“ aufbauen. Er blickt trotz seines jungen Alters bereits auf ein bewegtes Leben zurück: Mit zehn Jahren wurde er aus seiner Familie genommen. An diesen Tag erinnert er sich noch genau. „Ich hatte gerade mein erstes Handy bekommen – das war ein richtig tolles Gefühl“, meint er. „Doch dann rief mich meine Mutter eines Tages in der Schule an.“ Als er zurückrief, hörte er sie am anderen Ende der Leitung weinen. Sie sagte ihrem Sohn nur, er solle so schnell wie möglich nach Hause kommen. Dort warteten bereits Mitarbeiter des Jugendamts.

„Dann musste ich halt meine Sachen packen“, erzählt Patrick. „Ich bin in mein Zimmer gegangen, habe extra die Tür zugemacht und einfach richtig mies geweint.“ Warum er damals ins Krisenzentrum und später in ein Heim kam, weiß er bis heute nicht. Er wäre noch zu jung gewesen, um es zu verstehen, meint Patrick.

Zu seiner Mutter, die zu dieser Zeit selbst obdachlos wurde, hielt er unregelmäßig Kontakt. Obwohl er sie eigentlich nicht sehen durfte, besuchte er sie hin und wieder. „Ich habe zu meinem Geburtstag sieben Euro bekommen und gesehen, wie schlecht es ihr geht – dann habe ich alles ausgegeben, damit sie etwas zu essen hat“, erzählt der Jugendliche.

Mit 18 trat er den Grundwehrdienst beim österreichischen Bundesheer an. Während dieser Zeit verlor er laut eigenen Angaben seinen Platz im betreuten Wohnen und stand nach dem Dienst vor dem Nichts. Wohin er gehen sollte, wusste er nicht – bis er vor einem halben Jahr schließlich bei „a_way“ landete. 

„Die Mitarbeiter hier sind wirklich großartig“, erzählt Patrick, der immer noch von a_way betreut wird. Sie helfen ihm bei vielen alltäglichen Dingen – zum Beispiel beim Wahrnehmen von Terminen beim AMS oder beim Verfassen von Bewerbungen. Die Tür stehe dabei immer offen. „Einmal habe ich mir spät in der Nacht den Fuß aufgeschnitten und wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Die Mitarbeiter haben mich sofort verarztet. Es tut gut zu wissen, dass man hier immer eine Anlaufstelle hat.“

Wenn wir aufgrund des Spardrucks im Sozialbereich etwas einsparen müssen, dann heißt das Personal, Öffnungszeiten und somit Versorgungsleistungen von Jugendlichen.

Thomas Adrian

Leiter von „a_way“

Insgesamt wurden seit der Eröffnung im Jahr 2005 über 7000 junge Menschen von „a_way“ begleitet und betreut. 58.000 Nächtigungen zählt das Dokumentationssystem. Auch heuer ist die Jugendnotschlafstelle stark ausgelastet. „Wir sind mittlerweile am Limit – eine Situation, die es früher so nicht gab“, betont Adrian. 

In den vergangenen Jahren hätten zunehmende Krisen und der Abbau wichtiger Angebote in der Kinder- und Jugendhilfe zu dieser Verdichtung geführt. „Wenn wir aufgrund des Spardrucks im Sozialbereich etwas einsparen müssen, dann heißt das Personal, Öffnungszeiten und somit Versorgungsleistungen von Jugendlichen, weil wir keinen Luxus haben, den wir einsparen können“, erklärt Adrian: „Und eigentlich sollte das Gegenteil der Fall sein. Denn der Bedarf steigt, Angebote sollten ausgebaut werden.“

Mit 18 auf sich allein gestellt

Eine Gruppe, die besonders von Wohnungslosigkeit betroffen ist, sind die sogenannten Care Leaver, also junge Menschen wie Patrick, die mit 18 Jahren aus der Kinder- und Jugendhilfe entlassen werden – und in der Regel kein familiäres Netz oder sonstige Unterstützung haben. 

„Die größte Herausforderung ist, dass mit dem Ende der Unterbringung auch das gesamte soziale Netzwerk wegfällt. Die WG-Geschwister, die Betreuungspersonen – von einem Tag auf den anderen stehen viele junge Erwachsene vor einem Neuanfang, häufig ohne finanzielle Rücklagen, manche ohne Arbeit und ohne abgeschlossene Ausbildung“, erklärt Michael Kerschenbauer vom Verein Care Leaver Österreich. Das Team besteht ausschließlich aus Personen, die Teile ihrer Kindheit oder Jugend in Kinderdörfern, Wohngruppen, Jugendnotschlafstellen, Krisenzentren oder bei Pflegeeltern verbracht haben. 

Unter anderem fordert der Verein, die Unterstützung bis zum 26. Lebensjahr zu verlängern und Care Leaver besser auf das Leben außerhalb der Einrichtungen vorzubereiten. „Das Thema sollte früh genug angesprochen werden – idealerweise vor dem 16. Lebensjahr –, damit die Jugendlichen wissen, was auf sie zukommt, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt und wie sie sich auf den Übergang gut vorbereiten können.“, erklärt Kerschenbauer und ergänzt: „Unser System geht oft davon aus, dass Familie immer da ist und auffängt, wenn etwas schiefläuft. Dabei wird aber übersehen, dass Care Leaver häufig nicht auf ein solches Netzwerk zurückgreifen können.“

Die fehlende Unterstützung zeigt sich vor allem bei der Wohnungssuche: Sehr oft verlangen Vermieter die Vorlage einer Bürgschaft – die viele Care Leaver ohne familiären Rückhalt oder finanzielle Rücklagen nicht beibringen können. Nicht wenige geraten aus diesem Grund in akute Wohnungsnot oder sogar Obdachlosigkeit. Die steigende Inflation verschärft die Problematik zusätzlich.

Helles Stiegenhaus mit rot-schwarzem Geländer und weißer Tür, daneben ein großes Fenster.
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Chance statt Straße

Die Zimmer in dem Haus an der Billrothstraße 9 wirken wie in einem Studentenwohnheim: hell, sauber und funktional eingerichtet mit Bett, Schrank, Dusche, Küchenzeile, Tisch und Stuhl. Bis zu 41 junge Erwachsene finden hier in Einzel- oder Doppelzimmern ein vorübergehendes Zuhause. 

Junge Erwachsene sind zu einer besonders gefährdeten Gruppe geworden, um die wir uns jetzt gezielt kümmern müssen.

Elisabeth Hammer

Geschäftsführerin von „neunerhaus“

Das „Chancenhaus“ der Wiener Hilfsorganisation „neunerhaus“ richtet sich an obdachlose Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren und bietet schnelle, unbürokratische Unterstützung. Zuletzt stieg die Nachfrage stark an: Pro Tag gehen gerade bis zu zehn Anrufe ein, manche Hilfesuchende müssen abgewiesen werden. 

„Junge Erwachsene sind zu einer besonders gefährdeten Gruppe geworden, um die wir uns jetzt gezielt kümmern müssen“, erklärt Elisabeth Hammer, die Geschäftsführerin von „neunerhaus“. Sie arbeitet seit 15 Jahren in der Wohnungslosenhilfe und erzählt, dass junge Erwachsene früher kaum als eigene Zielgruppe sichtbar waren. Doch der Wohnungsmarkt werde immer schwerer zugänglich und leistbarer Wohnraum für Menschen mit niedrigem Einkommen sei zunehmend knapp. 

„Viele junge Erwachsene stehen am Beginn eines eigenständigen Lebens und sind mit Anforderungen konfrontiert, die sie oft nicht allein bewältigen können – besonders dann, wenn es an stabilen sozialen Netzen oder finanzieller Absicherung fehlt“, erklärt Hammer: „In diesen Fällen ist eine engmaschige Unterstützung besonders wichtig, denn gerade bei jungen Erwachsenen lassen sich Probleme selten schnell lösen.“

Von Kürzungen im Sozialbereich hält Hammer entsprechend wenig: „Wenn wir jetzt in der Wohnungslosenhilfe für junge Erwachsene sparen, riskieren wir unsere Zukunft“, betont sie. Denn die jungen Erwachsenen im „Chancenhaus“ würden zwar viele Herausforderungen mit sich bringen, aber gleichzeitig auch wertvolle Ressourcen, auf die aufgebaut werden könne. Jürgen Hölbling, der Hausleiter der Billrothstraße 9, bringt es auf den Punkt: „Die jungen Menschen stehen nicht am Ende ihres Lebens, sondern am Anfang. Da kann in ein paar Monaten viel weitergehen, wenn man sie nur an die Hand nimmt.“

Vom Betroffenen zum Peer

Jemand, der es geschafft hat, aus der Wohnungslosigkeit herauszukommen, ist Janosch. Der 30-Jährige war selbst jahrelang suchtkrank und wurde nach mehreren stationären Aufenthalten wohnungslos. Drei Jahre lang lebte er in einer Einrichtung der Caritas, konsumierte jedoch weiter. „Dann habe ich erfahren, dass ich Vater werde – das war mein Wendepunkt“, erzählt Janosch: „Ich habe mir vorgenommen, es dieses Mal zu schaffen.“ 

Eine Gruppe von Menschen wirft ihre Hütte zum Abschluss vom Peer-Programm in die Luft.
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Über einen Mitarbeiter der Caritas wird er auf den Peer-Campus von „neunerhaus“ aufmerksam, ein Programm, das sich an Menschen richtet, die selbst obdach- oder wohnungslos waren. Sie werden geschult, ihr eigenes Erfahrungswissen professionell einzusetzen, um andere Betroffene zu unterstützen. 

Janosch bewarb sich und wurde als einer von zwanzig Bewerbern genommen. Insgesamt hatten sich etwa 80 Personen beworben. Er schloss die siebenmonatige Ausbildung erfolgreich ab, ist seit Juni 2025 als Peer im Einsatz und verdient so seinen Lebensunterhalt. „Das ist der erste Job, den ich seit meiner Lehre richtig ausübe“, erzählt er: „Damals habe ich sehr schlechte Erfahrungen gemacht, aber die Peer-Arbeit erfüllt mich und macht mich glücklich.“ 

Es sollte jedem bewusst sein, dass es jeden treffen kann – und wie schnell es manchmal geht.

Janosch

Peer-Mitarbeiter von "neunerhaus"

„Es sollte jedem bewusst sein, dass es jeden treffen kann – und wie schnell es manchmal geht“, meint Janosch: „Durch meine Arbeit habe ich Geschichten von Menschen gehört, deren Leben scheinbar perfekt verlief – und dann kam ein Schicksalsschlag, und innerhalb weniger Monate standen sie auf der Straße.“

Auch Patrick will sein Leben wieder in den Griff bekommen. Gerade befindet er sich auf Jobsuche, leider hat er keinen Lehrabschluss. Zwar bringt er Erfahrung mit, etwa im Einzelhandel, aber das macht die Suche nicht leichter. Aufgeben kommt für ihn aber nicht in Frage: „Ich möchte einfach ein normales Leben führen – eine eigene Wohnung haben und ganz normal arbeiten wie jeder andere.“

Mavie Michelitsch

Mavie Michelitsch

seit Februar 2026 Volontärin bei profil.