Fußballkolumne: Der unmögliche Spagat

Fußballkolumne: Der unmögliche Spagat

"Kabinenpredigt", die brandneue profil-Fußballkolumne. Die Mär von der „Operettenliga“: Warum der heimische Klubfußball gar nicht besser sein kann, als er derzeit ist.

Die schlechte Nachricht gleich zu Beginn: Es gibt derzeit wirklich sehr wenig zum Jammern im österreichischen Fußball. Der in allen Bereichen bemerkbare Aufstieg des Nationalteams wird mittlerweile auch von den größten Skeptikern nicht mehr vehement dementiert; die – in ihrer Beständigkeit tatsächlich sensationellen – Erfolge der ÖFB-Nachwuchsteams werden sogar mit einem großzügigen Nicken zur Kenntnis genommen; auch die Tatsache, dass immer mehr Österreicher bei größeren Vereinen im Ausland Führungsrollen übernehmen, sorgt für mildes Wohlwollen.

Da jedoch allzu viel Positives sehr langweilig wäre und das „Sudern“ als unser wahrer Volkssport auch dementsprechend gepflegt werden muss, haben sich die Möchtegern-Teamchefs dieses Landes nun auf einen Punkt eingeschossen, bei dem sich offenbar alle einig sind: Unsere Liga. Die sei nämlich sehr schlecht. Grottenschlecht. Möglicherweise sogar die allerallerschlechteste der Welt.


Unsere Liga ist – ganz objektiv betrachtet – viel besser als ihr Ruf.

Nun, zunächst könnte man dieser These harte Fakten entgegenhalten: Etwa, dass die heimische Bundesliga ganz objektiv (also nach aktueller UEFA-Fünfjahreswertung) derzeit mit Platz 16 im europäischen Vergleich einen guten Mittelfeld-Platz einnimmt. Mit Ausnahme der Schweiz (derzeit Platz 11), die momentan vor allem durch den Sonderfall FC Basel profitiert, werden die ersten 15 Ränge ausschließlich von Nationen belegt, die mehr Einwohner als Österreich aufweisen können. In anderen Worten: Es gibt nur ein Land der Welt (auch außerhalb Europas wird man vergeblich suchen), das weniger Einwohner als Österreich hat, aber eine bessere Liga stellt. Vergleichbare Länder wie Kroatien (17.), Dänemark (22.), Schottland (23.), Schweden (24.), Bulgarien (25.), Norwegen (26.), Serbien (27.), Slowenien (28.) oder Ungarn (31.) liegen allesamt dahinter. Unsere Liga ist also - ganz objektiv betrachtet - viel besser als ihr Ruf. Noch In der vergangenen Europacup-Saison (2013/2014) gelang es den heimischen Vertretern (nicht zuletzt auch dank der Wiener Austria, die sich für die CL-Gruppenphase qualifizieren konnte und dort immerhin einen Sieg und zwei Unentschieden einheimste) insgesamt 8000 UEFA-Punkte zu erspielen und damit weitaus höher eingeschätzte Ligen wie die griechische, türkische, ukrainische, belgische und holländische hinter sich zu lassen. Eine Tatsache, die weitgehend unerwähnt blieb.

Heuer schwächelte man im Vergleich dazu etwas und sofort machte quasi reflexartig wieder die Mär von der „Operettenliga“ die Runde. Dabei wird eine Kernfrage permanent verdrängt: Wie um alles in der Welt soll es für ein Land der Größe Österreichs möglich sein, auf Dauer eine gute Nationalmannschaft zu haben und gleichzeitig auf Klub-Ebene Jahr für Jahr ein gewichtiges Wort mitzureden? Eben. Es kann sich beim besten Willen nicht ausgehen. Nie und nimmer. Eigentlich ist es sogar ein Widerspruch in sich.


Was bleibt für die Bundesliga übrig, wenn sämtliche Stützen der ÖFB-Auswahlen im Ausland spielen?

Das tatsächlich Absurde an der Situation ist nämlich, dass genau jene, die nun am Lautesten das „ach so miserable“ Niveau der Bundesliga beklagen, genau dieselben sind, die seit Jahren einfordern, dass jeder halbwegs talentierte 15-Jährige sofort den Sprung ins Ausland wagen sollte und unsere Liga nur eine reine Ausbildungsliga sein kann. Nun, dieser Weg wurde jetzt - zumindest größtenteils - tatsächlich eingeschlagen, und das österreichische Nationalteam hat zweifellos von dieser Entwicklung (mit)profitiert. Was bleibt allerdings für die Bundesliga übrig, wenn mittlerweile quasi sämtliche Stützen des ÖFB-A-Teams und der -Nachwuchsteams im Ausland spielen?

Nicht wirklich viel.

Da wäre(n)

1.) die Gruppe jener jungen heimischen Spieler, die noch nicht gut genug für den Sprung in eine bessere Liga ist (Schobesberger, Sabitzer, Schaub etc.)

2.) die ewigen „Hängenbleiber“, die nie gut genug für eine größere Liga waren, fürs Nationalteam auch in der Regel nicht in Frage kommen, in der Bundesliga aber mithalten können

3.) die „Rückkehrer“ – Spieler, die im Ausland den Durchbruch nicht ganz geschafft haben und nun quasi im zweiten Anlauf versuchen, über den Umweg Österreich auf sich aufmerksam zu machen (Holzhauser, Djuricin, Spendlhofer etc.)

4.) die (immer kleiner werdende) Gruppe der Legionäre – diese lassen sich wiederum grob aufteilen in

a) die Etablierten (den Besseren von ihnen - wie Soriano und Hofmann - gefällt es im Idealfall in Österreich so gut, dass sie bleiben)

b) die ambitionierten Jungspunde (Mane, Kampl – aktuell: Keita, Minamino, Avdijaj etc.), die ein bis zwei Jahre in Österreich „zwischengeparkt“ werden, ehe sie gut genug für die weite Fußballwelt sind.

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Angesichts dieser Situation kann es durchaus als ein mittleres Wunder angesehen werden, dass unsere Liga überhaupt so passabel dasteht, wie sie es derzeit im europäischen Vergleich tut. Bei genauerer Betrachtung stellt man nämlich fest, dass dieser eingeforderte Spagat zwischen Top-Nationalmannschaft und Top-Liga in fast keinem Land der Erde machbar ist. Beispiele gefällig? Die Premier League galt (aufgrund ihrer zahlreichen Top-Legionäre) lange Zeit als beste Liga der Welt, das englische Nationalteam zahlt bis heute einen hohen Preis dafür. Die Holländer wiederum spielen seit Jahren auf Nationalmannschaftsebene auf konstant hohem Niveau, gleichzeitig hinkt jedoch der einst so glorreiche niederländische Klubfußball im europäischen Vergleich gewaltig hinten nach (abgesehen von dem oft strapazierten, letztjährigen „Ajax-Salzburg“-Vergleich hatte zu Beginn dieser Saison etwa der PSV Eindhoven mit einem gewissen SKN St. Pölten (derzeit in Österreichs zweiter Leistungsklasse akut abstiegsgefährdet) seine Mühe). In der jüngeren Fußballgeschichte (seit Einführung der Champions League 1992) ist es überhaupt nur drei Nationen gelungen, als regierender WM- oder EM-Titelhalter gleichzeitig einen Champions League–Sieger zu stellen: Deutschland (Europameister 1996) mit Dortmund (1997/1998), Italien (Weltmeister 2006) mit dem AC Mailand (2006/2007) und Spanien (Europameister 2008 und 2012, Weltmeister 2010) mit dem FC Barcelona (2008/2009 und 2010/2011) und Real Madrid (2013/2014).

Es ist zwar ein durchaus nobler und ehrgeiziger Ansatz, in Österreich etwas einzufordern, was nur dem Non-Plus-Ultra der Fußballwelt halbwegs gelingt, aber ein bisschen Realismus könnte in diesem Zusammenhang wohl nicht schaden. Eigentlich müsste man dafür nur die Zusammenhänge halbwegs konsequent zu Ende denken. Falls die heimischen Liga-Vertreter also in den nächsten Jahren tatsächlich im internationalen Vergleich relativ wenig Land sehen sollten: Jammert bloß nicht, ihr habt es nämlich genauso gewollt!