Kabinenpredigt: "Wer den Schaden hat ..."

Ergötzen an der „Entzauberung Österreichs“

Ergötzen an der „Entzauberung Österreichs“

Österreich hat nach dem ohnehin allzu bitterem Vorrunden-Aus bei der EURO ein vielleicht noch bittereres Problem: Das alte Lachnummer-Spiel feiert ein Comeback. Nachdem wir noch vor zwei Wochen auch von ausländischen Medien als „Geheimfavorit“ gehandelt wurden, ist nun der Spott groß. Niemand will wirklich daran glauben, dass wir in den letzten Jahren teilweise richtig guten Fußball geboten haben. Bei den starken Darbietungen in der EM-Qualifikation war die europäische Fußballöffentlichkeit ja im Gegensatz zur Endrunde in Frankreich nicht live dabei. Wenn man nun zu Recht darauf beharrt, dass wir grundsätzlich eine ziemlich gute Mannschaft haben und uns bei der EM einfach in völliger Unform präsentiert haben, klingt das für Außenstehende in etwa so, wie wenn ein Sänger nach einem total verunglückten Konzert davon erzählt, wie gut er eigentlich unter der Dusche singen kann. Dass es zu diesem Zerrbild kommen konnte, ist freilich auch selbstverschuldet.


Auch Qualitätsmedien wie die „Neue Zürcher Zeitung“ geben sich ungewohnt hämisch und scheinen sich an der „Entzauberung Österreichs“ fast zu ergötzen.

Was allerdings wirklich erstaunt, ist, mit welcher Gehässigkeit manche ausländische Printmedien auf das wenig glorreiche EM-Ausscheiden des ÖFB-Teams reagieren – speziell in Deutschland und der Schweiz. Während es bei uns mittlerweile als verpönt gilt, dem deutschen Nationalteam auch nur irgendwie mit Schadenfreude zu begegnen und wir den Schweizern freundlich bis indifferent gegenüberstehen, wird da hemmungslos drauf los gepoltert: Auch Qualitätsmedien wie die „Neue Zürcher Zeitung“ geben sich ungewohnt hämisch und scheinen sich an der „Entzauberung Österreichs“ fast zu ergötzen.

Das Schweizer Leitmedium („ Zugegeben, mit Verlierern macht man keine Scherze. Aber wie war das: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen?“) konnte es sich nicht einmal verkneifen, ein Bild Marcel Hirschers mit dem Text „Don´t worry, Austria – winter is coming!“ zu posten. Dass Österreich im direkten Vergleich mit der Schweiz auf eine nahezu glorreiche Fußballgeschichte zurückblicken kann und die Eidgenossen selbst jahrzehntelang höchstens im Wintersport auffällig wurden, ist natürlich kein Thema. Stattdessen wird darüber philosophiert, wie dieses Team aus dem „Land der zelebrierten Überhöhung“ ernsthaft jemand als Geheimfavorit ansehen konnte. Österreich gehöre nicht einmal ansatzweise zur erweiterten Weltspitze, was man am Kader, der mit Spielern aus der Zweiten Deutschen Bundesliga und der höchsten Liga Österreichs gespickt wäre (Recherche, liebe Zürcher?), sowieso hätte ablesen können. David Alaba wurde in einem ausführlichen Kommentar („Alaba – einfach überschätzt“) gleich grundsätzlich so etwas wie internationale Klasse abgesprochen.


So weit reicht die Reflexionsfähigkeit der „Bild“ freilich nicht.

Ähnlich die Reaktionen in der deutschen Presse: „Desolate Österreicher fahren nach Hause. Island steht Kopf - und die blamierten Österreicher müssen kleinlaut „servus" sagen“, vermeldete die „Welt“. Die „Bild“ griff in altbekannter Weise ganz tief in den Klischee-Topf: „„DÖSIS! Elfer verballert - und servus. Normalerweise ist Österreich berühmt für Kaiserschmarrn. Doch beim 1:2 gegen Island gab’s anderen Schmarrn ... Die Ösis scheiden aus, verdeppern sogar einen Elfmeter.“ Alles klar. Was es über die Qualität der Deutschen Bundesliga aussagen könnte, wenn zahlreiche dieser „Dösis“ bei deutschen Klubs Schlüsselpositionen einnehmen – so weit reicht die Reflexionsfähigkeit der „Bild“ freilich nicht.