Kalle Mattson: „Ich war lange nicht bereit für dieses Album“

Kalle Mattson: „Ich war lange nicht bereit für dieses Album“

Vergleiche mit Bob Dylan findet Kalle Mattson lächerlich. Zu Recht. Denn mit seinem dritten Album, "Someday, The Moon Will Be Gold", emanzipiert sich der 22-jährige Kanadier endgültig von allen Vorbildern und lässt seiner eigenen Handschrift freien Lauf. Im Gespräch mit profil online erzählt der junge Indie-Singer-Songwriter von seinem neuen Album als Trauerarbeit und Tom-Petty-Fotos im Aufnahmestudio.

Interview: Stephan Wabl

profil online: Du spielst das erste Mal außerhalb Kanadas. Was hast du dir von deiner Europatour erwartet und wie ist sie bisher verlaufen?
Kalle Mattson: Das Ganze ist sehr aufregend für mich und ich bin sehr zufrieden. Die Konzerte sind meistens ausverkauft, wir spielen allerdings auch in kleineren Venues vor 50 bis 150 Leuten. Es ist ja eine Art Warm-Up-Tour, denn die Platte erscheint erst Mitte Februar. Im Sommer komme ich dann für einige Festivals zurück und im Herbst gibt es noch eine Tour. Ich muss zugeben, dass ich die Hälfte der Städte dieser Tour gar nicht gekannt habe, aber bisher ist alles sehr gut gelaufen.

profil online: Du meintest über deine neue Platte, Songs zu schreiben sei wie eine wohl dossierte Mischung aus Flucht und Realität. Was bedeutet Touren für dich?
Mattson: Auf Tour zu gehen ist für mich ebenso eine Mischung aus Flucht und Realität. Wenn ich auf der Bühne stehe und meine Songs spiele, dann ist das ein Ausschalten der Realität für mich, dann zählen nur diese Momente. Die Realität holt dich beim Touren aber schnell wieder ein, wenn es darum geht, alles für die Show vorzubereiten, den Soundcheck zu machen, die langen Fahrten.

profil online: Einige Musikkritiker haben dich bereits mit Bruce Springsteen, Bob Dylan oder Neil Young verglichen. Wie siehst du das?
Mattson: Darüber kann ich nur lachen. Natürlich fühle ich mich geschmeichelt, aber von diesen Namen bin ich noch sehr weit entfernt. Come on, das ist die Topliga der Singer-Songwriter! Natürlich hatten diese Musiker einen Einfluss auf mich, aber ich würde Sänger und Bands wie John K. Samson, Wilco oder Nick Drake als eigentlich wichtiger für mich bezeichnen. Das war die Musik, mit der ich als Teenager aufgewachsen bin. Ganz ehrlich, ich glaube diese Vergleiche mit Bruce Springsteen oder Bob Dylan sind nur aufgekommen, weil auch ich manche Songs mit Mundharmonika spiele. Das hat dann wahrscheinlich ein Journalist aufgegriffen und einige andere haben es einfach übernommen. Journalisten sind ja durchaus faul.

profil online: Aber hat nicht dein Produzent Gavin Gardiner im Studio Bilder von Bruce Springsteens Album „Nebraska“ und von Tom Petty aufgehängt?
Mattson: (lacht) Ja, das stimmt. Er hat sich gedacht, vielleicht überträgt sich deren Geist dann ein wenig auf mich. Das war auch nicht so ernst gemeint. Ich glaube auch nicht, dass es einen Einfluss auf mich ehabt hat. Wenn, dann eher unbewusst. Ich habe zudem beim Einsingen der Lyrics die Augen immer geschlossen, aber wer weiß.

profil online: Du bezeichnest deine neue Platte „Someday, The Moon Will Be Gold“ als Album ( Stream zum Album ), das sich zwischen Tod und Hoffnung bewegt und verarbeitest darin den Tod deiner Mutter, die vor sechs Jahren verstorben ist. Davor seist du nicht in der Lage gewesen, dich damit auseinanderzusetzen. Warum war jetzt die Zeit reif?
Kattson: Ich war 16 Jahre alt als meine Mutter gestorben ist, das ist sehr jung, und ein Alter, in dem man nicht auf den Tod eines Elternteils vorbereitet ist. Ich habe eigentlich erst ab diesem Zeitpunkt angefangen, ernsthaft Musik zu machen. Ich wusste damals aber einfach nicht, wie ich damit umgehen soll und was tatsächliche Trauerarbeit für mich bedeuten könnte. Vor zwei Jahren bin ich dann für einige Monate von Ottawa zurück in meine Heimatstadt Sault Ste. Marie gezogen und habe mich bereit dafür gefühlt, den Tod meiner Mutter musikalisch zu verarbeiten. Manches braucht einfach Zeit und man kann es nicht beschleunigen. Das kann Jahre dauern, aber dann kommt der Moment und du weißt: Jetzt ist es soweit.

profil online: Wie war das, nach einigen Jahren wieder in dein Elternhaus zurückzukehren?
Mattson: Es war natürlich etwas eigenartig, denn ich bin ja weggezogen, um nicht in dieser Kleinstadt hängen zu bleiben. Ich habe damals einen Job gehabt in der lokalen Verwaltung, um mir die Aufnahmen für das neue Album leisten zu können. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie sich das alles entwickeln würde. Ich konnte mich allerdings gut auf die neuen Songs einlassen und mir war bald klar, dass ich nun über Dinge schreibe, die mir wirklich wichtig sind und eine große Bedeutung für mich haben. Und da wollte ich auch hin als Musiker. Ich mag Platten, die einen Kontext haben, eine Geschichte von Anfang bis Ende erzählen und bei denen ich merke, der Künstler oder die Künstlerin spricht von wirklich relevanten Momenten und Gefühlen. In dieser Zeit wurde mir klar, dass ich diesen Weg auch gehen möchte und war froh, dass ich mich dazu in der Lage fühlte.

profil online: Das Album ist nun seit acht Monaten fertig. Wie hat dich der Entstehungsprozess als Mensch und Musiker verändert?
Mattson: Ich glaube, ich bin einfach ein besserer Mensch geworden. Ich weiß nun auch besser was ich will, vor allem als Musiker. Mir ist klarer, welche Art von Musik ich machen möchte, was ich dafür benötige und was dafür notwendig ist.

profil online: Dein neues Album handelt in erster Linie von Hoffnung für die Zukunft. Darüber, dass es „Someday“, also eines Tages, besser werden wird. Aber wie schaut es mit der Gegenwart aus?
Mattson: Mir geht es momentan sehr gut. Ich bin auf Tour in Europa, das Album erscheint in wenigen Wochen und es sind viele Konzerte für den Rest des Jahres geplant. Das sind sehr gute Gründe, um mit der Gegenwart zufrieden zu sein.

profil online: Musikalisch ist „Someday, The Moon Will Be Gold“ komplexer als deine früheren Alben. Lässt sich das mit der Bedeutung, die das Album inhaltlich für dich hat, erklären?
Mattson: Ja, auf jeden Fall. Nachdem ich mich inhaltlich für diese Platte bereit gefühlt hatte, war mir klar, dass sich das auch musikalisch widerspiegeln sollte. Daher habe ich auch mehr Instrumente verwendet, weitere Musiker an Bord geholt, mir Zeit gelassen und mir mehr Gedanken über die Aufnahmesituation gemacht. Auch das war ein Reifeprozess, den man dem Album glaube ich auch anhört.

Zur Person

Kalle Mattson veröffentlichte sein Debüt „Whisper Bee“ im Jahr 2009, zwei Jahre später erschien das Nachfolgealbum „Anchors“. Mit den beiden Videos zu „Water Falls“ und „Thick as Thieves“ landete der 22-jährige Kanadier zwei YouTube Hits. „Someday, The Moon Will be Gold“ erscheint am 11. Februar auf Parliament of Trees.