Der Obmann redet schnell, gestikuliert, zieht alte Vereinszeitungen aus dem Archiv, zeigt auf Fotos und referiert Zahlen. Rund 260.000 Euro habe sein Klub über die Jahre gesammelt und an Rapid übergeben. „Wir unterstützen den gesamten Nachwuchs, alle Kinder- und Jugendmannschaften, die Akademie und jetzt natürlich auch die Frauen- und Mädchenmannschaften“, sagt Reiser. Das Geld stammt größtenteils aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Weihnachtssammlungen. Jeder Schilling, jeder Euro ist dokumentiert. Wenn Reiser alte Sitzungsniederschriften aufschlägt, blitzen seine Augen hinter der Brille auf. Aus einem Stapel Papier holt er eine alte Ausgabe der Vereinszeitung. „Die erste ging 1968 in den Druck“, sagt Reiser stolz. Auch heute erscheint das „Grünzeug“ einmal monatlich.
Dann bringt er die wahren Schätze, die Sitzungsbücher. Hans Krankl, Jürgen Macho, Andreas Herzog – fast alle, die einmal für Grün-Weiß aufliefen, haben sich in ihnen verewigt. Bei jedem Treffen des „Klubs der Freunde“ sind ein paar Spieler oder Vereinsfunktionäre zu Gast. Mitgliederversammlungen, Beschlüsse, Archivierung: Vereinsarbeit ist Verwaltung. Für die einen pedantisch, für die anderen eine Voraussetzung für Beständigkeit. „Wir sind der älteste Anhängerverein Europas, der das nachweisen kann“, sagt Reiser. Seit dem 22. November 1951 steht der „Klub der Freunde“ im Vereinsregister, im Herbst feiert man 75-jähriges Bestehen. Reiser betont das Wort „nachweisen“. Denn natürlich kennt er die 1950 gegründete „Torcida“ aus der kroatischen Hafenstadt Split. Jedoch durfte diese sich im sozialistischen Jugoslawien nie voll als Verein organisieren und bestand daher nur informell.
Zu den in Hütteldorf dominierenden Ultras wahren die rund 230 Mitglieder des „Klubs der Freunde des S.C. Rapid“ Distanz. Pyrotechnik, Choreografien oder italienisch inspirierte Gesänge sind ihnen fremd. Als Gruppe treten die „Freunde“ im Stadion nicht auf, die Mitglieder sitzen über alle Sektoren verteilt, der Obmann meistens in einer Loge. Früher organisierte der Verein noch Tanzbälle, aber das Alter setzt Grenzen. „Wir haben Mitglieder, die heuer 60 Jahre Zugehörigkeit feiern“, sagt Reiser. Manche gehen die Stiegen zum Vereinsheim heute schon sehr behutsam hinab. Für Nachwuchs sorgt der Obmann selbst: „Meine Enkel habe ich am Tag ihrer Geburt eingeschrieben.“ Das jüngste Mitglied ist sieben.
Martin Reiser war Unternehmer, er leitete ein Logistikunternehmen, organisierte Umzüge für Privatpersonen, Museen, Botschaften – und für Rapid. Auch heute noch ist der Pensionist der Rapid-Logistik ehrenamtlich verbunden. Bälle, Hütchen, Dressen, Schuhe und Anzüge des Teams fährt er persönlich ins Trainingslager. „Ich bin in Pension und habe Zeit“, sagt er. Als die Mannschaft im Jänner zum Trainingslager nach Benidorm aufbrach, war Reiser schon vier Tage lang unterwegs. Mehr als 2000 Kilometer im Kleintransporter. Reiser kennt die Preise für Luftfracht und Übergepäck. „Viel zu teuer“ sei das. „Da hatte ich die Idee“, die den Vereinsoffiziellen offenbar gefiel. Freilich werden „alle Kosten vom Verein gedeckt, aber verdienen will ich daran nichts“. Im Gegenzug wohnt er im Teamhotel und ist „immer mit dabei“. So ist Reiser auch in der spielfreien Zeit nah an seinem SCR.
Im Fall des Herrn Reiser verschwimmen die Grenzen zwischen Fan und Dienstleister. Wenn neue Spieler beziehungsweise Trainer nach Wien kamen, fiel ihr Umzug in seinen Zuständigkeitsbereich. „Manche haben mitangepackt“, sagt er. „Andere haben dir nur den Schlüssel gegeben.“ Einer, der es sehr genau nahm, war Lothar Matthäus. Der Weltmeister von 1990 ließ seine Garderobe in München nach Farben sortieren, als er im Jahr 2001 als Cheftrainer verpflichtet wurde. In Wien wollte er die Helfer dirigieren – bis Reisers Ehefrau einschritt. Weniger strukturiert war sein Umgang mit Parkregeln: Im 1. Bezirk stellte Matthäus sein Auto mit Vorliebe in der Fußgängerzone ab. Abschleppdienst inklusive.
Die Geschichten, die Martin Reiser aus dem Rapid-Alltag erzählt, haben teilweise eine leicht skurrile Note. Dem dänischen Verteidiger Jacob Laursen ging einmal auf der Wiener Tangente das Benzin aus. Er stellte den Wagen auf den Seitenstreifen und fuhr mit dem Taxi weiter. Ein anderer Spieler rammte in Schwechat bei Schneefall ein Auto, ließ den Schlüssel stecken und begab sich fahrerflüchtig ins Trainingslager. Immerhin war der Wagen noch in Österreich. Das ist nicht immer selbstverständlich: Nach seinem Abgang im Jahr 2003 fehlte plötzlich der Dienstwagen des schweizerisch-argentinischen Innenverteidigers Iván Knez. Dank eines auffälligen Sponsorenschriftzugs entdeckte ihn ein Mitarbeiter Reisers Monate später zufällig in der Schweiz. „Chef, hom Sie ned wos g’sogt von ’am abgängigen VW Beetle?“, erinnert sich Reiser an den Anruf.
Reisers Anekdoten sind auch Zeugnisse menschlicher Unzulänglichkeiten in der nach außen oft schillernden Fußballwelt. Zwar verhindern die in Österreich immer noch vergleichsweise niedrigen Spielergehälter große Allüren, doch Ausnahmen bestätigen die Regel. 1997 wechselte der kamerunische Nationalspieler Samuel Ipoua von Inter Mailand zu Rapid. Sportlich blieb er blass, sein Umfeld war dafür umso auffälliger. Während die Mannschaft auswärts spielte, reiste Ipouas Frau einmal zum Shoppen nach Mailand – freilich ohne den Familienhund. Als besorgte Nachbarn wegen des ständigen Gebells den Verein informierten, war es Reiser, der das Tier aus der Wohnung holte und kurzfristig adoptierte. Auch sonst sorgte Ipoua für einige Mehrarbeit. Vier Umzüge musste Reiser in eineinhalb Jahren organisieren, weil sich die Nachbarn immer wieder über den Geruch von Marihuana beschwerten, den Freunde des Kickers fabrizierten, während dieser bei der Arbeit war.
Der „Kronen Zeitung“ erzählte der Obmann einmal, dass er darüber nachdenke, ein Buch zu schreiben. Stoff hätte er dafür genug. Seinen Keller daheim hat er zu einem kleinen Museum umgebaut. Darin ausgestellt sind unter anderem über 230 Dressen aus allen Epochen des SCR. Bis 2018 war Reiser ein sogenannter Allesfahrer, einer, der kein Heim- oder Auswärtsspiel auslässt. Mittlerweile liegt sein Fokus auf den Partien daheim, jedoch nicht nur auf jenen der Kampfmannschaft. „Ein bis zwei Spiele des Nachwuchses, des Special-Needs-Teams und der Frauen“ kommen pro Woche dazu. Auch beim Training der Profis schaut der Obmann regelmäßig vorbei. Damit bleiben ihm noch „zehn bis 15 Stunden für die Vereinsarbeit“. Ein Leben ohne Rapid erscheint Martin Reiser unter Umständen möglich, aber sinnlos.