<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Fisch vom Bruder

Die Naschmarkt-Bastion Umar hat eine City-Dependance.

Seine Silhouette, der Schattenriss im Profil mit den Konturen des Piratenkopftuchs, ist längst sein Markenzeichen geworden; sein Restaurant, dieses enge, quirlige am stadtnahen Ende des Wiener Naschmarkts, eine Bastion inmitten fernöstlicher Abspeisungsstätten. Erkan Umar, Fischhändler und Gastronom, hat auch einen Bruder, Gökhan, der seine nahe Verwandtschaft nicht verleugnen kann. Den sah man auch immer rund um Fischgeschäft und Lokal herumwuseln. Das tut er jetzt weniger oft, denn in markanter Lage hat er kürzlich ein weiteres Fischrestaurant unter dem Namen „Umar“ eröffnet – „Umar special seafood by gökhan umar“. Es ist alles andere als ein Klon des Ur-Umars.

Früher war hier, auf dem Wildpretmarkt in der Innenstadt, das „Salut“ und bemühte sich redlich, französische Küche in Wien zu verbreiten. Das ging nicht so gut, und noch weniger gut ging das rustikal angehauchte Nachfolgelokal „Stadthaus“. Gökhan Umar ließ es völlig entkernen und neu einrichten. Und ich finde: Hätte er es doch lieber sein lassen. Entstanden ist leider ein seelenloses, austauschbares Szene-Restaurant von der Stange, das wohl schnörkellose Schlichtheit, die nicht vom Essen ablenken soll, im Sinn hat, aber bloß gähnende innenarchitektonische Langeweile verströmt (der Schanigarten draußen auf dem Wildpretmarkt hat aber was).
Es verwundert also nicht, dass sich auch die Küche, geleitet von Stefan Doubek (vormals „Bittermann Vinarium“ in Göttlesbrunn), als modern und stylish bezeichnet. Zu beweisen ist nun, ob sie etwas mehr Charisma hat als Stühle, Bänke und Lampen. Die Austern sind um 20.30 Uhr leider schon aus, aber als vielversprechend stellt sich ein Küchengruß mit kleinen, Büsumer Krabben nicht unähnlichen Garnelen heraus: knusprig frittiert, bloß mit ein wenig Salz durchgeschüttelt, herrlich nussig im Geschmack – ein Teller wie auf einem mediterranen Fischmarkt. Ziemlich stylish dann der gebeizte Saibling mit Kohlrabi, gesäuertem Holundersirup und Rahmklecksen, von denen wir gleich noch hören werden. Der Fischstreifen, etwas schonend gebeizt, könnte gerade einmal einen Ballen Sushi-Reis bedecken, das gesamte Gericht fände auf einem Fingerfood-Löffel Platz; mit 14 Euro ist es also selbstbewusst kalkuliert.

Spannend klingt die Sache mit den Mini-­Oktopussen: daumennagelgroße, hübsch bissfeste, aber keineswegs zähe Tintenfischchen auf einem Kingsize-Bett aus Blutwurst, dazu leider nicht ganz frischer Kren, der ungefähr so scharf schmeckt wie eine geraspelte Petersilwurzel – und als Bettvorleger rund um die Blunze schon wieder Rahm, diesmal als Streifen. Um allzu üppiger Blutwurstigkeit zu entgehen, verzichte ich auf den Seeteufel mit Speckkraut, Nussbutterpüree und Blunz’n und frage nach, ob es sich denn bei den Scampi um echte Kaisergranate handle. Natürlich.
Zu Tisch werden allerdings Langostinos, durchaus köstliche Langostinos getragen. Ob denn den die Scheren abgeschnitten wurden? Ja, erklärt die Dame vom Service. Okay, das kommt jetzt in einem Fisch-Kompetenz-Zentrum mit Namen „Umar“ nicht so gut. Was allerdings schon erfreulich ist: eine fein komponierte, gastfreundlich kalkulierte Weinkarte mit ausgesprochen interessanten älteren Jahrgängen.

Umar special seafood
Wildpretmarkt 3, 1010 Wien
Tel.: 01/532 21 93;
www.umar1.at ;
So geschlossen;
Hauptgerichte:
20 bis 40 Euro (Languste)

klaus.kamolz@profil.at