<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Mein Bier und mehr

Kulinarische Nachbemerkungen über das Jahr 2013.

Kikeriki
Ein paar tausend Hähne wuchsen 2013 in einem Pappelwald im niederösterreichischen Marchfeld auf. Hähne, die üblicherweise unmittelbar nach dem Schlüpfen getötet werden. Der REWE-Konzern veranstaltete ein großes Gegacker um das Projekt „Moosdorfer Gockel“. Und tatsächlich: Das Fleisch schmeckt großartig, bei richtiger Behandlung. Das bedeutet behutsames Schmoren und vor allem die Zugabe von Säure in Gestalt von Wein. Bleibt zu hoffen, dass das Projekt fortgesetzt wird, denn offenbar krähen in Österreich, außer der üblichen Foodie-Gemeinde, noch nicht allzu viele Menschen nach Hahn. Die Gockel lagen kurz vor dem Ablaufdatum haufenweise in der Kühlung – um 50 Prozent verbilligt. Tja, in meinem Tiefkühlschrank liegen wenigstens noch vier Exemplare.

Feinkost olé
Ein kleiner Laden in der Wiener City ist mein Feinkost-Favorit des vergangenen Jahres: Ignacio vinos e ibéricos. Wochentags bis 21 Uhr geöffnet, feine und günstige Auswahl an spanischen Weinen abseits des Mainstreams und von Edelkonserven, Weinbarbetrieb mit Tapas, angenehme Stimmung … Das wird für einen kleinen Award hier doch wohl reichen. www.ignacio.at

Meine Bier-­Entdeckung
Eigentlich habe ich mit einem Hellen gerechnet, als ich in Budweis ins Bierregal griff, denn mit den Dunklen hab ich es nicht so. Es war dann aber ein Halbdunkles, und ich dachte mir, die restlichen Flaschen würden eben – weil zu süß und zu malzig – in den Schweinsbratensaft fließen. Nach dem ersten Schluck hatte ich ein neues Lieblingsbier: Jantarovy‘ Ležák, das Bernstein Lager der tschechischen Privatbrauerei Bernard in Humpolec: unpasteurisiert, unfiltriert, gar nicht süß, mit zarten Karamelltönen und einem Hauch Bitterkeit. Ziemlich gelungen! www.bernard.cz

Online-Versand des Jahres
Biofleisch von alten Tierrassen in außerordentlicher Qualität: Waldviertler Blondvieh, Turopolje-Schweine, Lämmer, Weidegänse, Selchwaren. Unter Mitwirkung des Waldviertler Fleischhauers Roman Schober liefern die Betreiber des Projekts „Porcella“ Premiumqualität nach Hause. Nicht günstig, aber jeden Cent wert. www.porcella.at

Zitrus-Hype des Jahres
Früher einmal ist man einander in Bars („Darf ich Sie auf einen Erdbeer-Mojito einladen?“) oder beim Spaziergang mit dem Hund („Ist Ihrer auch so lebhaft?“) nähergekommen. Damit kann man sich jetzt brausen gehen, denn neuerdings geht das so: „Ich hab übrigens noch ein paar Meyer-Zitronen zu Hause.“ Der mehr als 100 Jahre alten, gar nicht so sauren Kreuzung aus Zitrone und Mandarine gebührt im besten Wortsinn der Titel „Goldene Zitrone“. Wenn irgendwo in den sozialen Netzwerken eine der raren Lieferungen von Citrus x meyeri bekannt wird, sind die Aficionados schneller dort, als man eine der Früchte auspressen kann.

Schade drum
Dass Christian Petz nicht mehr auf dem „Badeschiff“ am Wiener Donaukanal kocht, stand hier zu lesen. Nicht einmal ein Jahr gab es draußen in Hütteldorf „François im Vierzehnten“. Herrn Lallibertés orientalisch beeinflusste Mittelmeerküche war die beste der Stadt. Der Eigentümer, mit dem er nicht mehr konnte, muss irgendetwas nicht ganz verstanden haben. So einen Koch hätte man hofieren müssen. Jetzt kokettiert Lalliberté mit dem Ausland.

Samen gegen den Skandal des Jahres
Saatgut von 14 blauen Blumen der Hoffnung versendet die Journalistin Ute Woltron im Kampf gegen die geplante EU-Saatgutverordnung, weil „gerade blaue Blumen sind die eher seltenen“. Und das Seltene, das fast Vergessene, kurzum also das, was wir in unseren Küchen und Gärten neuerdings so lieben gelernt haben, soll zurückgedrängt werden. Also müssen wir wieder mal ran: Petitionen unterschreiben, „Gefällt mir“ klicken – und spenden. Der Erlös von Woltrons Saatgut im Stoffsackerl fließt vollständig in den Kampf von Global 2000 gegen die EU-Initiative.
www.utewoltron.at/blog/die-blauen-blumen-der-hoffnung

Mein Wunschtrend für 2014
Bries, Bruckfleisch und Beuschel. Herz, Hirn und Nieren. Mit den Innereien von Säugetieren geht es imagemäßig stetig bergauf. Mit denen vom Geflügel noch nicht. Immerhin tauchen da und dort in guten Häusern wieder Hühnerherzen-Ragouts auf. Und wer das Gänsebeuschel aus dieser Rubrik (profil 46/2013) nachgekocht hat, weiß, dass es kaum etwas Butterzarteres gibt als den Magen einer Gans. Leser Michael Polzer hat sich allerdings darüber beklagt, dass ich dieses Gericht ohne Lunge Gänsebeuschel genannt habe. Das sei „ein Affront der Wiener Küche gegenüber“. Also gut, ich korrigiere mich: Magen (analog zu Kutteln), wie Beuschel zubereitet, ergibt: Gänsekuschel. Das geht, oder?

klaus.kamolz@profil.at