<small><i>Kommentar: Klaus Kamolz</i></small>
Die Zukunft der Herkunft

Klaus Kamolz über die Bilanz aus acht Jahren DAC-Politik und potenzielle neue Gebiete, in denen das Herkunftsprinzip sinnvoll sein könnte.

Wer mit dem Prinzip der Herkunftsweine mit DAC-Siegel einen Aprilscherz treiben möchte, hat im Grunde nur eine einzige Möglichkeit, der Sache einen ultimativ absurden Anstrich zu verleihen. Prompt geisterte die Idee vor Kurzem durch önophile Foren und Wein-Blogs: Die Wachau wird DAC-Gebiet; Federspiel, Steinfeder und Smaragd haben in der internationalen Vermarktung versagt; die Regionalkaiser der Vinea Wachau geben klein bei; und Willi Klinger, der Chef des Österreichischen Weinmarketing (ÖWM), freut sich, dass sein Projekt des Umbaus der heimischen Weinwelt endlich ein kräftiges Zugpferd hat.

Scherz lass nach. Daran, dass die Wachau jemals ihre bestens etablierten Kategorien zugunsten eines Systems aufgibt, das noch immer nicht restlos vom Makel befreit ist, eine Vermarktungsstrategie für solide Durchschnittsweine zu sein (was nur zum Teil stimmt, denn im Kamptal etwa machen auch international renommierte Winzer DAC-Lagenweine), glaubt niemand – außer die Betreiber jener Wiener Weinbar, in der ich kürzlich auf der Karte unter den glasweise ausgeschenkten Weinen einen Wachau DAC für 3,90 Euro entdeckte.

Es gibt zwei mögliche Gründe für diesen Widerspruch in sich. Erstens: Der Begriff DAC sorgt immer noch für heillose Verwirrung selbst in weinaffinen Zirkeln, was viele Winzer auch bestätigen. Als Argument dafür wäre etwa die Geschichte ­eines Traisentaler Winzers zu nennen, der mir erzählte, er sei von Weinviertler Kollegen gerügt worden, weil im Traisental das Erfolgsprinzip des Weinviertels abgekupfert werde. Zweitens: DAC ist eine veritable Erfolgsgeschichte und somit wie alle Erfolgsgeschichten nicht davor gefeit, als Marke missbräuchlich verwendet zu werden.

Der heurige Jahrgang des profil-DAC-Weintests ist jedenfalls eine gute Gelegenheit, vorerst Bilanz zu ziehen über dieses Umbauprojekt vom germanischen Weinrecht, das Rebsorten in den Vordergrund stellt (deutscher Riesling), hin zum romanischen, in dem die Herkunft eine entscheidende Rolle spielt (Bordeaux, Chianti, Rioja). Es ist in den vergangenen Jahren Schlag auf Schlag gegangen; nach dem Weinviertel traten in rascher Folge sechs weitere Gebiete dem Appellationssystem bei. Jetzt scheint der quantitative DAC-Ausbau erstmals zu stagnieren.

Zwar hat das Herkunftsprinzip auch den Zweck, schwer nachvollziehbaren und in der Folge schlecht vermarktbaren Sortenwildwuchs einzudämmen, aber es gibt auch noch andere historisch gewachsene regionale Stärken als Grünen Veltliner, Riesling und Blaufränkisch: Zierfandler, Rotgipfler und Pinot noir im Thermenland, Zweigelt und Süßweine im Seewinkel, Welschriesling und Sauvignon blanc in der Steiermark (oder Traminer aus einer potenziellen Mikro-DAC namens Klöch). Das Weinbaugebiet Wagram zögert, wie jüngst Österreichs Weinbaupräsident Josef Pleil sagte, weil man dort eben nicht „den fünften DAC-Veltliner machen“ will. Unter diesem Blickwinkel war Leithaberg DAC mit den Burgundersorten in gebietstypischem Ausbau jedenfalls eine richtige Entscheidung – nicht zuletzt auch deshalb, weil es dort rasch gelungen ist, das von der internationalen Kritik bereits hochgelobte Geschmacksprofil auf eine wesentlich breitere Basis zu stellen, wie heuer die Verkostungsergebnisse zeigten.

Genau das scheint mir der wahre Erfolg der DAC-Politik zu sein. Die drei Buchstaben, um deren Stellenwert schon so viel gestritten wurde, haben kleinen Weinbauern in kleinen ­Gebieten Selbstvertrauen und Motivation verliehen, was vor allem im Traisental und um den Eisenberg spürbar ist.

Und selbst eine Flasche Grüner Veltliner aus dem Weinviertel ist nicht mehr diese Forrest-Gump’sche Pralinenschachtel, bei der man nie weiß, was man kriegt. Die Zahl der Weine, die schmecken, als stammten sie aus einer bereits etablierten DAC Südsteiermark, sinkt laufend.