Zwar hat sich Wecker durch die Beachtung des Mindestschutzalters in den bekannten Fällen keines Vergehens schuldig gemacht, dennoch ist es legitim, über seine moralische Verantwortung zu sprechen. Davon, dass es sich hier im deutschen wie auch im österreichischen Recht „um eine Schutzlücke“ handelt, ist die Wiener Anwältin und Spezialistin für Sexualstrafrecht Sonja Aziz überzeugt: „Wer von Freiwilligkeit spricht, muss auch über Macht sprechen. Solange das Gesetz nicht berücksichtigt, wie stark Bewunderung, Autorität und Altersgefälle die Entscheidungsfreiheit Minderjähriger beeinflussen können, bleibt eine Schutzlücke bestehen.“
Dieses Schutzdefizit war auch ein Beweggrund, warum Marie Franz, heute Verlegerin und Mutter einer Tochter und eines Sohns, ihr Buch „Auserwählt“ veröffentlichte. Darin legt sie ihre damalige schwärmerische Hingabe und ihre uferlosen Emotionen für Wecker in Form von Gedichten und Tagebucheinträgen offen. Wie schmerzhaft die Erkenntnis eines jungen Mädchens nach dem Sex ist, nicht mehr als ein flüchtiges Abenteuer gewesen zu sein, beschreibt sie in dem damals verfassten Gedicht „06.10/9:45 Uhr“: „während er sich wie selbstverständlich (rauchend und nackt) in diesen Sessel setzt / als würde er nie etwas anderes tun als von einem rotwangigen, zitternden, ungläubigen, aufrichtigen, dankbaren Mädchen bewundert zu werden.“profil hat eine Bitte um Stellungnahme an Wecker und dessen Management gerichtet; diese blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Es sind mehr als 20 Jahre vergangen, seitdem Sie dem bayrischen Liedermacher Konstantin Wecker die Gedichte, die Sie jetzt mit Ihren Erlebnissen veröffentlichten, geschickt haben. Wie hat er damals reagiert?
Marie Franz
Er reagierte auf die handgeschriebenen Gedichte, die ich liebevoll in ein Buch transkribiert hatte, gar nicht. Was natürlich für mich als siebzehnjährige Teenagerin extrem verletzend und kränkend war. Ich wollte doch von ihm als Poetin wahr genommen werden und nicht als schüchternes, schwärmerisches Mädchen. Ich legte ihm in den Gedichten mein Herz zu Füssen, weil ich auch wollte, dass er meinen Schmerz nachempfinden kann.
Das heißt, Sie haben Wecker völlig idealisiert und romantisiert.
Franz
Ich hielt ihn damals für die Liebe meines Lebens, für ihn war es nur eines von vielen flüchtigen Abenteuern. Doch davon wusste ich vor 20 Jahren nichts. Mein Anker war die Projektion, die Idolisierung eines Mannes, der 16 Jahre älter war als mein Vater. Ich, sowieso unsicher und noch immer recht kindlich, fühlte mich von ihm gesehen. Unter all den jungen Mädchen, die ihn umschwärmten, war ich die, mit der er diese geheime Liebesbeziehung hatte. Ich glaubte tatsächlich, ich stehe über alle anderen. Dass einige nahezu Identisches erlebt haben, wusste ich noch nicht. Er legte damals Wert darauf, dass unsere Geschichte geheim blieb. Ich glaubte wirklich, dass ich etwas Besonderes für ihn war. Deswegen habe ich meinem Buch den Titel „Auserwählt” gegeben. In Wahrheit hatte er nicht Sex mit mir, weil ich ihn so interessierte, sondern weil ich jung war. Ich dachte, er interessiert sich für mich als Mensch, dabei war es nur mein Körper.
Der Altersunterschied zwischen dem Star und seinem Fangirl betrug in Ihrem Fall mehr als 40 Jahre.
Franz
Und natürlich handelte es bei so einem Unterschied auch um ein Machtgefälle. Um das Ausnutzen einer Machtposition. Ich war 17 Jahre alt und der damals 58jährige Konstantin Wecker war für mich wie ein Gott. Man ist ja in diesem Alter sowieso voller Selbstzweifel.Und deswegen dürstet man danach, gesehen zu werden, dass einem gezeigt wird, dass man wertvoll ist. Und bei ihm habe ich dieses Gefühl bekommen, er hat mir unglaublich viele Komplimente gemacht.
Strafrechtlich war Wecker ja auf der sicheren Seite, weil Sie siebzehn Jahre alt waren.
Franz
Strafrechtlich hat er keinerlei Verfehlung begangen, aber natürlich war das Benutzen und der Missbrauch meiner Hingabe und meiner Bewunderung eine krasse moralische Verfehlung. Im Zuge dessen muss man sich tatsächlich überlegen, ob man bei einem derartig großen Altersunterschied überhaupt von einvernehmlichen Sex sprechen kann. Aber das ist oft nicht mehr von Relevanz, weil laut deutschem Sexualstrafgesetz nach fünf Jahren die Verjährungsfrist greift. Früher waren das 20 Jahre. Wir hatten ja in Deutschland kürzlich auch einen Fall, der jenem von Gisele Pelicot ähnlich war. Dabei wurden 67 Vergewaltigungsdelikte offenkundig, aber nur zwei davon hatten strafrechtliche Konsequenzen, weil alle anderen verjährt. Sie haben das Gesetz also im Zuge der Sexualstrafrechtsreform in Deutschland zugunsten der Täter verbessert.
Sie schreiben am Ende Ihres Buch in einem Brief an Ihr früheres Ich, das junge Mädchen von damals: „Dein Körper hätte nie eine Währung für eine vermeintliche Wertschätzung werden dürfen.”
Franz
Ein Teil der Recherche der „Süddeutschen” zu sein, hat mir geholfen das aufzuarbeiten, was ich jahrelang verdrängt habe. Ich bin ja bis heute in Therapie. In Berlin gibt es eine Vertrauensstelle namens Themis, an die sich Frauen, die sexuelle Übergriffe in der Kultur- und Medienbranche erfahren haben, wenden können. Dort werde ich therapeutisch begleitet.
Was war denn an Ihrer Begegnung mit Wecker das nachhaltig Traumatisierende?
Franz
Ich litt lange an Bindungsängsten, Vertrauensproblemen, Depressionen, Panikattacken. Ich habe damals so für Wecker geschwärmt, auf dessen Lieder mich ja ursprünglich eigentlich meine Eltern überhaupt aufmerksam gemacht hatte. Irgendwann begann ich eine echte Leidenschaft für seine Musik zu entwickeln. Man darf nicht vergessen: Ich war ein Dorfkind, habe viel Musik gehört und Bücher gelesen. Als er mir nach einem Konzert, wo ich mich für ein Autogramm angestellt hatte, anbot, etwas mit ihm trinken zu gehen, konnte ich nicht bleiben, weil ich mit meinem damaligen Freund unterwegs war. Wecker fragte mich, ob ich stattdessen am nächsten Morgen ins sein Hotelzimmer kommen möchte und steckte mir einen Zettel mit folgender Aufschrift zu: 9 Uhr Hilton, Zi. 4050. Ich ging also am nächsten Tag in das Hotel. Und schwänzte zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben die Schule. Er kam mir schon in der Eingangshalle entgegen. Wir redeten kurz....
Worüber?
Franz
Über Spiritualität. Und seine Schulzeit. Wir sind sehr schnell mit dem Fahrstuhl auf sein Zimmer gefahren. Und nach etwa nur dreißig Minuten hatten wir Sex. Während wir miteinander schliefen, fragte er mich, ob ich verhüte. Sehr schnell war alles vorbei. Sexuelle Selbstbestimmung ist das eine. Was man nicht vergessen darf: Die neurologisches Entwicklung ist ja in diesem Alter noch völlig unausgegoren, man ist sehr von seinen Emotionen geleitetet, die rationale Entscheidungsfähigkeit ist noch nicht abgeschlossen. Ob die sexuelle Selbstbestimmung beim Sex bei so jungen Mädchen mit soviel älteren Männern, die noch dazu Autoritäten sind, Priorität haben sollte vor dem Mindestschutzalter, würde ich verneinen.
Wie verlief die Geschichte mit K., wie Sie ihn im Buch nennen, weiter?
Franz
Es gab dann noch ein paar Begegnungen. Einmal erklärte er mir, dass er mich an dem Abend „nicht mitnehmen könne” aus „familiären Gründen”. Sieben Jahre später habe ich ihn kontaktiert, nach einem Konzert in der Berliner Philharmonie. Wir gingen zum Italiener, später in eine Bar und küssten uns in der Öffentlichkeit. Irgendwann kam die Schauspielerin Hannelore Elsner an unseren Tisch und sagte nur: „Tu dem Mädchen nicht weh!” Später traf ich auf der Toilette eine Frau, die mich ebenfalls vor ihm warnte. Rückblickend hat mir diese Solidarität der Frauen bei der Entscheidung geholfen, allein ins Taxi zu steigen und nicht mit ihm in sein Hotelzimmer zu gehen.
Warum haben Sie Ihre Gedichte – im Gegensatz zu anderen Frauen, denen ähnliches mit Wecker widerfahren ist ¬– unter Ihrem Klarnamen öffentlich gemacht?
Franz
Ich habe lange darüber nachgedacht und hatte natürlich auch ein mulmiges Gefühl. Es erschien mir jedoch wichtig, nicht anonym damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch um anderen Frauen Mut zu machen, ihre Geschichten zu erzählen. Ich bekomme tolle solidarische Kommentare unter meinem Instagram-Profil, aber auch solche wie „Du wolltest es doch auch” oder „Warum bist du überhaupt in sein Zimmer gegangen?!” Die Erfahrung mit Wecker war für mich extrem prägend und schmerzhaft zugleich. Letztes Jahr im Oktober jährte sich unsere Begegnung zum 20. Mal und ich habe das zum Anlass genommen, meine Texte über ihn zu veröffentlichen, da ich sie für ein Zeitzeugnis halte. Der Metoo-Diskurs muss weiter gehen und diese patriarchalen Strukturen müssen weiter dekonstruiert werden. Ich habe dieses Buch auch für meine Tochter geschrieben und all die Mädchen, die ich vor solchen Erlebnissen schützen möchte.Wir müssen dieses Thema weiter enttabuisieren und müssen aufhören, die Schuld bei den jungen Mädchen zu suchen. Und natürlich habe ich es auch für mein siebzehnjähriges Ich getan.