Schöner Schein: Die Konsumprodukte des Jahres
Labubus
Sie baumeln an Schultaschen, hängen in Ramschgeschäftsauslagen und grinsen wie verrückt. Sie stammen aus China, sind definitiv nicht fälschungssicher und erzeugen bei Menschen jenseits des K-Pop-Alters ein irritierendes Gefühl von Was-soll-das-bitte? Die von dem chinesischen Hersteller Pop Mart vertriebenen und erstaunlich hochpreisigen Kuschelfiguren mit den schiefen Zähnen haben kaum sechs Jahre nach ihrer Lancierung endlich alle guten Kinderstuben erobert und sind dank einflussreicher Geschmacksträgerinnen im Social-Media-Bereich zum Must-have des Jahres geworden. Ob es zu einer echten, nachhaltigen Karriere nach diddelmausigem Vorbild reicht, wird sich zeigen. Die Zeiten sind auch für Schultaschenanhängermaskottchen schnelllebiger geworden.
Sabrina Carpenter: „Man's Best Friend“
Die Irritation war wohl kalkuliert, die Rechnung ging selbstverständlich auf: Auf dem Cover zu ihrem neuen Album „Man’s Best Friend“ ist die US-Popsängerin Sabrina Carpenter in einer zweideutigen Pose zu sehen, die man als postfeministischen Rückschritt in präfeministische Rollenmuster deuten konnte. Und wie da gedeutet wurde! Die, auch was ihre sexuellen Bedürfnisse betrifft, sehr selbstbewusst auftretende 26-Jährige macht ihren Deutern allerdings einen klaren Strich durch die Meta-Ebene: „I promise non of this is a metaphor / I just want you to come inside“. Statt um schlichte Unterwerfung geht es auf „Man’s Best Friend“ eher um beharrlich schlichte Männer („Manchild“) und das Dilemma, dass man diese zwar beim besten Willen nicht so ernst nehmen kann wie sie sich selbst, dass man selbst aber auch nicht immer ganz sekundengenau tickt, wenn Lust oder Liebe am Zeiger hängen. Vor allem aber geht es um den Spaß am Leben in einer Zeit, die einem genau das nicht immer leicht macht. Und das ist leider keine Metapher.
Klimaticket
Seit Ende Oktober 2021 ist das österreichweite Klimaticket für den öffentlichen Personenverkehr erhältlich, und schon per 2023 waren laut einem aktuellen Rechnungshofbericht etwa doppelt so viele Klimatickets verkauft wie ursprünglich prognostiziert (wobei der Rechnungshof bei der Gelegenheit etwas süffisant anmerkte, dass es mit den Prognosen in diesem Fall nicht gar so weit her gewesen sein könne). Klingt eigentlich nach einem ziemlichen Erfolgsprojekt. Trotzdem wurde im Zuge der budgetwirksamen Rückabwicklung klimaschützender Subventionen das kürzlich erst eingeführte Gratis-Klimaticket für 18-Jährige im April auch schon wieder ausrangiert. Budgetsanierung geht vor #trainlife. Kleiner Trost: Uns bleiben immer noch die PR-Tattoos.
KTM-Bike
Die Insolvenz des oberösterreichischen Motorradherstellers KTM war unter den Insolvenzen dieses Jahres sicher die prominenteste und ist ausnahmsweise auch recht einfach erklärt: Offenbar waren in Mattighofen trotz deutlich sinkender Verkaufszahlen unbeirrt weiter Bikes produziert worden, was zu einem erheblichen Lagerbestand samt sinkenden Cashflows führte – aber in weiterer Folge halt auch zu einer Reihe von schönen Sonderangeboten beim notleidenden Händler. Aktuelles Schnäppchen aus dem Bereich „Sports Tourer“: „Die KTM 1290 SUPER DUKE GT musst du dir als bequeme Interkontinentalrakete vorstellen. Mit Hilfe ihres V-2-Motors mit 175 PS und 141 Nm Drehmoment lässt du Landes- und Bundesgrenzen ganz schnell hinter dir. Ihre Fähigkeit, tausende Kilometer mühelos abzuspulen, machen die KTM 1290 SUPER DUKE GT zu einer scharfen Waffe.“ Aber Obacht, die richtige Ausrüstung bleibt trotz der Kampfpreise essenziell: Der Palmers-Pyjama taugt nicht als Outfit für Interkontinentalraketenfahrten, und wenn er noch so günstig geschossen wurde.
Matcha Latte
Die erstmalige Zusammenrührung von traditionellem japanischen Grünteepulver und europäischer Milchschaumgetränketradition lässt sich nicht exakt datieren, dürfte aber gegen Ende des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben. Im Jahr 2006 führte die US-Kaffeehauskette Starbucks dann ihren standardisierten „Matcha Latte“ ein, was der weltweiten Verbreitung einigen Vorschub leistete. Anno 2025 erreichte der Boom schließlich seinen Zenit, die japanische Grünteeproduktion konnte die Nachfrage kaum noch bedienen. Überhaupt scheint ein grünes Zeitalter ausgebrochen zu sein, anders wäre auch der diesjährige Hype um die mit Pistazien und Knusperteig angereicherte „Dubai-Schokolade“ nicht zu erklären. Das reihenweise Scheitern von Klimakonferenzen und CO2-Ausstiegsszenarien heizt den grünen Rachekonsum offenbar ganz enorm an.
"Veggie-Burger"
Pflanzliche Alternativen wie Veggie-Burger stehen beispielhaft für Produkte, die vom EU-USA-Handelsdeal betroffen sein könnten.
„Veggie-Burger“
Eine wunderbare Klamotte aus dem Genre „die EU macht sich Sorgen“ erlebten wir im Oktober: Das Europäische Parlament votierte damals mehrheitlich für ein Verbot irreführender Fleischersatz-Bezeichnungen wie „Veggie-Burger“ oder „Veganes Schnitzel“. Der von der französischen EVP-Abgeordneten Céline Imart eingebrachte Antrag hatte „ein echtes Verwechslungsrisiko“ beklagt, sofern pflanzliche Proteine mit tierischen Speisebezeichnungen gekoppelt würden. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz beharrte daraufhin im TV: „Eine Wurst ist eine Wurst. Wurst ist nicht vegan.“ Die Rückkehr des klassischen Grünkernlaibchens steht also möglicherweise unmittelbar bevor. Dass es diesmal nicht von Reformhausköchen, sondern von den Spindoktoren christlichsozialer Parteien zubereitet wird, macht die Sache gleich noch viel aromatischer.
Drohnen
Was heuer alles mit Drohnen gemacht wurde: Kriege geführt, Sabotage verübt, Nachbarn geärgert, Aufforstungsprojekte überwacht, Hochzeiten fotografiert, Rennen gefahren, Netflix-Dokus gedreht, Pakete verliefert. Diese Liste ist keineswegs vollständig, der Traum vom Fliegen wurde nämlich längst als Volkssport und Massengeschäft realisiert. Die eigene Drohne gehört heute einfach zum guten Ton. Wenn die Dinger nur nicht so nervig summen würden.
Dyson Airwrap
Wie sehr das menschliche Sein vom Dasein technischer Gerätschaften abhängt, kann man im Alltag gut beobachten. Der gemeine Bandscheibenschaden zum Beispiel hängt ebenso ursächlich mit der Verwendung eines schlecht eingestellten Bürosessels zusammen wie die pandemische Ausbreitung der Gleitsichtbrille mit dem Anstieg der kollektiven Screentime. Selten aber hat ein Elektrogerät derart offensichtliche Folgen gehabt wie der Dyson Airwrap. Seit der Marktdurchdringung des „Multi-Hairstylers“ aus James Dysons Staubsaugerimperium haben vor allem weibliche Kopfhaare im europäischen Stadtbild massiv an Volumen, teils auch an Schläfenlocken, gewonnen. Es ist dennoch nicht ganz auszuschließen, dass dieser Trend auf heißer Luft aufbaut.
Tennissocken
Das Jahr, in dem die Giganten spielten: Sobald Jannik Sinner oder Carlos Alcaraz heuer auf einem Tennisplatz aktiv waren, idealerweise gemeinsam, wurde der fragile Glaube an das Gute im Sport wieder einigermaßen gefestigt. Aufschläge jenseits der 200 km/h, Returns, die mit Lichtgeschwindigkeit dagegenhalten, darauf Stopps, bei denen tatsächlich die Zeit stehen bleibt, und Vorhand-Crosses gegen jeden physikalischen Hausverstand. Einstein hatte schon recht: Raum und Zeit sind relativ. Und Gott würfelt nicht. Er spielt Tennis.
Apple expected to unveil a new iPhone model at an event streamed from their Silicon Valley headquarters
iPhone Air
Der Schlankheitswahn hat endlich auch den Handy-Markt erfasst: Im September präsentierte Apple die längst überfällige Slimfit-Variante seines populären Smartphones, die zwar erstaunlicherweise keinen erkennbaren Hype auslöste, aber trotzdem ein Ding der Stunde ist: Das Slimphone geht mit gutem Beispiel voran, wirft sämtlichen Ballast ab und damit auch das schlechte Gewissen über all die smartphonebasierten Zoll- und Rohstoffkriege der Gegenwart – und zeigt, worauf es wirklich ankommt: dass die Kamera trotzdem eine schöne Optik macht und dass man mit ihr nach vorn und hinten gleichzeitig filmen, also immer auch selbst im Bild sein kann, egal, was es da sonst noch zu sehen gibt.
K-Beauty
Dass ein Zeichentrickfilm über eine fiktive Girlgroup den wirklich absolut unwiderstehlichsten Pophit eines kompletten Jahres enthält, ist noch keine ganz grandiose Neuigkeit, Ähnliches soll auch schon in der alten Disney-Zeit vorgekommen sein. Aber die Unerbittlichkeit, mit der die Netflix-Produktion „KPop Demon Hunters“ ihren Segen über die Welt brachte, hat schon etwas Bemerkenswertes. Es mag an der koreanischen Welle liegen, auf der dieser Film dahergeschwommen kam und die uns nicht nur Superhits wie „Golden“ von der besagten Girlgroup huntr/x bescherte, sondern auch eine ganze Schwemme an Corndog-Imbissbuden, K-Pop-Fanstores und – nicht zuletzt – K-Beauty-Boutiquen. Leuchtende Augen, glänzende Gesichter, exotische Ingredienzen. Goldene Zeiten.
Ozempic
In der diesjährigen Sonderbeilage des „New York Magazine“ über das Leben der oberen zehntausend Sommerfrischler in den Hamptons berichtete ein anonymer Privatkoch über seine wohlhabende Kundschaft: „Seventy-five percent of the population out here is on the shot. It’s not something people talk about. You don’t talk about property values; you don’t talk about Ozempic.“ In Österreich ist die Verbreitung der neuen Gewichtsverlust-Wunderwaffe wohl nicht annähernd so hoch wie in der New Yorker Milliardärsenklave, aber immerhin: Wir reden dafür gern darüber.