Läuft uns die Zeit davon?

Läuft uns die Zeit davon?

Warum wir dauernd das Gefühl haben, dass uns die Zeit davonläuft.

Unlängst auf einer italienischen Autobahntankstelle: Noch vor dem Aussteigen steht ein Tankstellenmitarbeiter an der Zapfsäule, füllt auf den Cent genau die gewünschte Menge ab, kassiert durchs Autofenster. Effektive Dauer der Prozedur: etwa 30 Sekunden. Gefühlte Dauer: Formel-1-Boxenstopp . Denn normalerweise läuft das ja so: Man steigt aus, sucht selbst nach dem richtigen Zapfhahn, tankt selbst, geht selbst zur Kasse, wieder zurück zum Auto und braucht länger als ein Formel-1-Wagen für fünf Runden in Spielberg. Und hat es hinterher doppelt eilig.

Das Problem existiert nicht nur auf Tankstellen, sondern prägt den Alltag insgesamt spürbar. Der US-Autor Craig Lambert bezeichnet es in seinem neuen, gleichnamigen Bestseller als „Shadow Work“ (ein Begriff, den er sich bei dem in Wien geborenen Philosophen Ivan Illich ausgeborgt hat). Gemeint sind all die kleinen bis mittleren Aufgaben, die wir zunehmend selbst übernehmen, weil wir den Eindruck gewinnen, dadurch unabhängiger zu sein oder zumindest billiger auszusteigen. In Wahrheit raubt uns diese Schattenarbeit aber nur Zeit (und anderen Menschen die Jobs): Selbstbedienungsrestaurants und -kaffeehäuser, Selbstzusammenbaumöbel, Selbstdiagnosen per Online-Gesundheitsportal, selbst gebuchte Italienreisen .

Und schon wieder ist der Tag vorbei, ohne dass man zum Arbeiten gekommen wäre, geschweige denn zum Leben. Aufgabe bis nächste Woche: einen Tag lang mitstoppen, wie viel Zeit man mit Selbstbedienung verbringt. Und dann ab ins Reisebüro.