So schildert sie in ihren im flapsig-ironischen Trademark-Stil gehaltenen Memoiren „Famesick“ (krank vor Ruhm), die bislang nur in der englischen Originalfassung vorliegen, eine Biografie zwischen Verzweiflung und Adrenalin-Räuschen. Dunhams medizinische Via dolorosa hat es tatsächlich mehr als in sich: Endometriose, Darmentzündungen, Brandverletzungen inklusive Hauttransplantationen, Migräne, Angststörungen, das Ehlers-Danlos-Syndrom (eine Erbkrankheit, die sich in Überdehnung der Haut äußert), Essstörungen und Depressionen reihen sich nahtlos ineinander und werden – fast ein wenig stolz über die eigene Leidensfähigkeit – in all ihrer grausamen Plastizität erzählt. Tatsächlich fragt man sich, wie Dunham bei diesen körperlichen Ein- und Beschränkungen so produktiv und erfindungsreich bleiben konnte.
Gossip und Psyche
Das Buch gibt nicht nur, bei aller Tragik des Geschehens (inklusive monatelanger Rehab-Aufenthalte wegen Psychopharmaka-Entzug), Einblicke in eine Künstlerinnen-Psyche und verfüttert allerlei Hollywood-Gossip (ja, Adam Driver hat ein Anger-Management-Problem und warf mit Stühlen), sondern ist auch ein zeitgeschichtliches Dokument über jene Periode, in der das Internet in die 2.0-Phase schlitterte und mit Beginn der Herrschaft der sozialen Medien zu einer globalen Bassena mutierte, in der jeder ungestraft und ungefiltert seine Meinung und Befindlichkeit auskotzen konnte.
An Dunham und ihrer Weigerung, sich anzupassen, konnte man sich perfekt abarbeiten. „Ich bekam alles ab, was man sich nur vorstellen konnte“, schreibt sie in „Famesick“: „Ich ging wie eine Baby-Giraffe, ich sollte mir, bei all den Millionen, die ich scheffelte, die Zähne richten lassen, eigentlich war ich in Natur noch viel hässlicher als im Film, und langsam stellte ich mir selbst die Frage: War ich lustig und authentisch oder doch nur schlampig und anstrengend?“
Dabei hatte alles so begonnen, wie man sich Hollywood-Märchen vorstellt: Als Dunham im Alter von 23 erfuhr, dass sie mit der Komödie „Tiny Furniture“ über eine planlose College-Absolventin, die depressiv wieder bei ihren Eltern einzieht, zu einem prestigeträchtigen Filmfestival eingeladen worden war, saß sie gerade in ihrer Funktion als Babysitterin auf einer Toilette in einem Haus, in dem alle fünf Kinder einen Vornamen hatten, der mit J beginnt, und ein eigener Kühlschrank für die Snacks des Hauspersonals existierte.
Von da an explodierte das Leben der Autorin/Regisseurin/Schauspielerin in unvorstellbare Dimensionen. HBO, der Bezahlsender, der mit der ursprünglichen Thirty-Something-Serie „Sex and the City“ Cosmopolitan-Cocktails, Designer-Dildos und Manolo-Blahnik-Slingpumps weltweit zu Haushaltsaccessoires gemacht hatte, brauchte dringend eine Nachfolgerin für die Sexkolumnistin Carrie Bradshaw mit ihren drei Freundinnen und einer toxischen Obsession für den bindungsparanoiden Mister Big, die langsam in die redundante Fadesse gestöckelt war.
Auf dem einseitigen Pitch-Paper, um das sie die HBO-Produzenten gebeten hatten, schrieb Dunham: „Die Mädchen, von denen ich erzählen möchte, sind gut ausgebildet, finden aber keine angemessenen Jobs und schlagen sich als Nannies, Assistentinnen oder Kellnerinnen durch. Sie sind gleichzeitig von harten Selbstzweifeln geplagt, haben aber auch eine gewisse Selbstherrlichkeit, die allen großen jüdischen Komikern und vielen 24-jährigen Frauen mit einem Kunststudium auf einer liberalen Uni eigen ist. Sie wissen, dass sie irgendwann erfolgreich sein wollen, aber nicht genau, worin. Es fehlt ihnen der Ehrgeiz, den sie von ihren Eltern eigentlich eingetrichtert bekommen hatten.“
Hungover und ambitionslos
Sie bekam den Auftrag für eine Pilotfolge, und Hannah Horvath, Dunhams Alter ego, das sich nur durch eine Herkunft aus der Provinz von Dunham mit ihrer Tribeca-Loft-Künstlereltern-Provenienz unterschied, ließ relativ früh den Satz ab, der wie ein Stirntattoo an ihrer Schöpferin kleben bleiben sollte: „Ich bin die Stimme einer Generation.“
In der Rezeptionsideologie der Woke-Wachsamkeit wird die sechs Staffeln umfassende Serie über vier New Yorkerinnen, die oft zu hungover und faul sind, um ihr Glück zu suchen, heute zwar als nicht mehr zeitgemäß abgestempelt, weil die Protagonistinnen zu weiß, zu privilegiert, zu Manhattan, zu hetero und zu dünn (abgesehen von Dunham selbst) waren; dennoch war der Stoff nach der gelackten, krisenresistenten Vivienne-Westwood-trifft-Park-Avenue-Ästhetik von „Sex and the City“ so wohltuend wie bahnbrechend: In Dunhams New York dominierten verschmierte Wimperntusche, schlecht bezahlte Jobs, deprimierende One-Night-Stands, nervige Landlords, Couchsurfing und Bettwanzen, war also alles endlich so viel echter.
Hannah vulgo Lena avancierte zur Schutzheiligen dysfunktionaler Millennials. Heute lebt Dunham in London, hat den Musiker Luis Felber geheiratet und ließ die Welt in Form der Netflix-Serie „Too much“ an diesen Lebensveränderungen teilhaben (ihr Alter ego wird diesmal von Megan Stalter dargestellt). „Too much“ bleibt zwar blass, bemüht und ziemlich „cheesy“, aber Lena Dunham hat „überlebt“, wie ihr letzter Satz in „Famesick“ verdeutlicht: „Meine Augen sind wieder braun und keine schwarzen Löcher mehr voller Bedürftigkeit, die nichts als Leere ausstrahlen.“ Dafür nimmt man gern in Kauf, im Internet als „has-been“ abgestempelt zu werden und kein Büttenkuvert mehr von Anna Wintour, der ehemaligen Chefin der „Vogue“, mit einer Einladung zur Met Gala zugestellt zu bekommen. Oder?