Lou Reed (1942–2013): Erinnerungen an die streitbare Rocklegende

In memoriam Lou Reed (1942–2013): Der Musiker und Kulturmanager Edek Bartz erinnert sich an seine Begegnungen mit dem legendären New Yorker Menschenfeind.

Ich hatte mit Lou Reed erstmals 1973 zu tun, ein paar Wochen nach Erscheinen seines zweiten Soloalbums „Transformer“. Ein Agent kam zu mir, weil ich damals Konzerte veranstaltete, er bot mir ein Musikfestival an, das in der Wiener Stadthalle stattfinden sollte, dessen Line-up aus heutiger Sicht etwas bizarr erscheint. Die britischen Rocker Wishbone Ash sollten da unter anderem neben dem Jazzer John McLaughlin und eben Lou Reed auftreten, der als Headliner gebucht wurde. Kurz vor dem Konzert sagte er ab. Es fand trotzdem statt, lief auch ohne ihn ganz gut, denn er war damals tatsächlich weniger populär, als man heute meint. Die Kunst-Insider kannten und schätzten Reed natürlich, aber die breitere Öffentlichkeit interessierte sich für ihn nicht mehr. The Velvet Underground spielten in der Popgeschichtsschreibung zu jener Zeit so gut wie keine Rolle; sie wurden erst später Mainstream. Sogar Andy Warhol galt damals nur noch als ehemaliger Superstar, er signierte Dollarnoten in Wien, um irgendwie Aufmerksamkeit zu erregen.

Ein Jahr nach Reeds Absage tauchte derselbe Agent wieder bei mir auf, teilte mir mit, dass Lou nun allein mit seiner Band auf Tournee gehe – und fragte, ob ich als Veranstalter nicht dabei sein wolle. Wir beschlossen, Reed für einen Auftritt im Wiener Konzerthaus zu engagieren. Wir quartierten ihn in einem seltsam muffigen Hotel in der Wiedner Hauptstraße ein. Vor dem Konzert wollte er mir im Hotel unbedingt noch etwas vorspielen, also begleitete ich ihn und die wunderschöne junge Freundin, die er im Schlepptau hatte, auf sein Zimmer. Als ich so dasaß und mir Lous Musik anhörte, nahm ich plötzlich aus den Augenwinkeln wahr, dass sich seine Freundin auszuziehen begann, als wäre ich gar nicht da – und ich stellte fest, dass dieses hübsche Mädchen gar kein Mädchen war. Ich war völlig baff, hatte keine Ahnung, dass Lou Reed schwul war. Ich verabschiedete mich unter irgendeinem Vorwand, und schon bald kam mir diese Geschichte sehr surreal vor: Hatte ich mir das nur eingebildet? Aber dann las ich das Buch „Please Kill Me“, diese oral history der Punk-Ära, und fand genau diese Story wieder: Lou Reed hatte damals tatsächlich mit einem jungen mexikanischen Transvestiten gelebt, der dann irgendwann spurlos von der Bildfläche verschwand.

Das Konzert in Wien war jedenfalls fantastisch, es war ausverkauft, und der Schauplatz passte perfekt zur dekadenten Musik Reeds. Danach sah ich ihn nicht mehr, er reiste sofort ab. In den Jahren danach hörte ich, dass er geheiratet hatte, aufs Land gezogen war. Man hörte nur hin und wieder von ihm. Erst im Spätsommer 1992 begegnete ich ihm wieder, in München, wo ein mehrtägiges Festival namens „Art-Projekt“ stattfand, an dem Leute wie Ornette Coleman, Philip Glass und Arto Lindsay teilnahmen – und jeder von ihnen konnte seine Programme frei kuratieren: Mich hatte John Zorn für sein Projekt der „Radical Jewish Music“ eingeladen. Abends an der Bar standen John und ich und unzählige andere Musiker herum, plötzlich tauchte Lou Reed auf. Alle begrüßten ihn überschwänglich, wunderten sich aber auch, was er dort mache; er sagte nur trocken, dass er im jüdischen Programm auftrete – und irgendjemand traute sich dann zu fragen: „Äh, warum eigentlich? Was hast du denn mit jüdischer Musik zu tun?“ Das war natürlich sehr typisch für New York, wo das Judentum viel selbstverständlicher als bei uns im Alltag verschwimmt. Als Jude hatte Lou Reed nie jemand wahrgenommen.

Übrigens spielte auch Laurie Anderson beim „Art-Projekt“, und ich glaube, sie und Lou lernten sich da erst kennen. Später erfuhr ich, dass die beiden seither ein Paar waren. 2008 heirateten sie – was erstaunlich klang, denn Lou Reed konnte persönlich ein außerordentlicher Widerling sein. Ich kenne niemanden aus seinem Umfeld, der je auch nur ein gutes Wort über Lou verlor. Die Drogen und der Alkohol hatten wohl dazu beigetragen, dass er derart misanthropisch wurde. Er war mit allem und allen unzufrieden, zog grundlos auch über Leute her, die ihn unterstützten. Nur John Zorn schaffte es irgendwie, mit ihm auszukommen. Die beiden trafen sich auf einer anderen Ebene. Üblicherweise entwickeln Musiker über ihre Kunst schnell Beziehungen zueinander. Aber es war offensichtlich, dass das mit Lou Reed nicht ging. In den letzten Jahren trat er mit den einzigen Leuten, die ihn aushielten, mit Anderson und Zorn, gern in einem kleinen New Yorker Lokal auf, das „The Stone“ heißt. Es gehört Zorn, der sich einen Ort für Avantgarde-Performances geschaffen hat; dort wird nur die härteste Musik gespielt, vor maximal 100 Leuten, mehr passen gar nicht rein. Reed, Zorn und Anderson improvisierten frei zwischen Jazz und Rock, was oft fast unerträglich klang; auch deshalb erlebte diese Konzerte meist nur eine Handvoll Menschen – die wirklichen Liebhaber eben.

Vor drei Jahren erschien Lou Reed dann bei der Viennale, weil er einen Kurzfilm über seine uralte Cousine, eine aus Osteuropa stammende Jüdin und ehemals flammende Sozialistin, gemacht hatte; ich sollte das Gespräch mit dem Stargast im Gartenbaukino moderieren. Nun hatten wir schon im Vorfeld geahnt, dass das nicht gut funktionieren würde – anderswo hatte Reed öffentliche Interviews dieser Art regelmäßig torpediert. Aber da es schon im Programm war, musste es stattfinden. Ich hatte Reeds Film inhaltlich ganz spannend gefunden. Darauf hatte ich mich vorbereitet, denn Reeds Management hatte vorab wissen lassen, dass zur Musik keine Fragen zu stellen seien, dass nichts Privates zur Sprache kommen, dass man ausschließlich über den Film reden durfte. Aber ich fand dann schnell heraus, dass der Filmemacher selbst überhaupt keine Beziehung zu seiner Geschichte, null Interesse an der historischen Dimension dieser Frau hatte. Er sagte immer wieder nur, dass er der Tante ein Denkmal habe setzen wollen und deshalb eben diesen Film gemacht habe. Das war für ihn nur eine weitere Tätigkeit, wie auch das Fotografieren. Aber klar: Wenn Lou Reed einen Film dreht oder Fotos schießt, wird alles gleich gezeigt und ausgestellt – auch wenn der Künstler selbst das alles völlig gedankenlos hergestellt hat.

Reed wirkte schon im Herbst 2010 schwer krank; er war extrem schwach, konnte kaum noch Stiegen steigen. Mit einem ganzen Tross war er nach Wien gekommen, mit Manager und Sekretärinnen und unzähligen Taschenträgern, was auch ein bisschen absurd war, denn es ging ja eigentlich nur um einen 20-Minuten-Film. Er verbreitete Superstar-Aura, wo er auftrat, aber das war durch die Realität nicht mehr gedeckt. Sein Publikum schwand. Noch 2008 hatte er mit seinem alten „Berlin“-Programm im Wiener Gasometer konzertiert, ausverkauft war der Abend nicht. Er hatte bis zuletzt einen Namen, aber eine echte Aktualisierung seiner Kunst brachte er nicht mehr zuwege.

Edek Bartz, 67, wurde als Sohn polnisch-wienerischer Eltern in einem kasachischen Flüchtlingslager geboren. Als Zwölfjähriger kam er nach Wien, reüssierte später als Musiker (auch als Teil des Duos Geduldig und Thimann), arbeitete als Konzertveranstalter, lehrte an Kunsthochschulen und leitete die Kunstmesse Viennafair.

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Fragen an die Schildkröte
In seinen Begegnungen mit der Presse ging Lou Reed stets davon aus, es mit Idioten zu tun zu haben. Seine legendäre Arroganz beruhte immerhin auf Erfahrung.

Von Robert Rotifer

Lou Reed, heißt es, habe das Spiel nicht mitgespielt: die falsche Freundschaft zwischen Rockstar und Medien, die geheuchelte Intimität zwischen Künstler und geschmeicheltem Verkünder seiner Botschaft. Doch in den Mutmaßungen über den undurchschaubaren Charakter dieses Misanthropen, der in seinen Texten gleichermaßen Galle sprühen und Zärtlichkeit zeigen konnte, wird eine unbestreitbare Tatsache beharrlich übersehen: Wenn Lou Reed die Meinung der Presse wirklich so egal gewesen wäre, wie er stets behauptete, hätte er sich mit ihr nicht auseinandersetzen müssen. Stattdessen verbrachte er Interview um Interview damit, der Welt mitzuteilen, dass er ihr nichts zu sagen habe. Lou Reed spielte sehr wohl ein Spiel, bloß war es sein eigenes: „And fuck you!“

Reed war nicht der einzige „schwierige“ alte Held, der sich auf Kosten gedemütigter Interviewer gern den leicht verdienten Beifall seiner Verehrer sicherte (siehe Ginger Baker oder Van Morrison), aber er hatte bessere Gründe dafür als andere. Die Rock-Kritik hatte der Debüt-LP von The Velvet Underground 1967 die kalte Schulter gezeigt, und dem heute legendären Bananen-Album wurde sein Klassikerstatus erst zu Punk-Zeiten gewährt, als der immense Einfluss dieser Platte auf nachfolgende Generationen nicht mehr zu leugnen war. Reeds erschütternde Studie des Junkie-Lebens, die er „Berlin“ nannte, wurde 1973 als Geburt eines kranken Geistes verdammt. Die vielschichtigen Feedback-Nebel des radikalen Lärm-Experiments „Metal Machine Music“ (1975) hielt man überhaupt für eine Trotzaktion gegen die Plattenfirma oder bloß für einen schlechten Witz.

Als Lou Reed 2011 gemeinsam mit der Band Metallica eine Annäherung an Frank Wedekinds „Lulu“ wagte, erntete er erneut den Hohn der Kritik. In den Jahren davor hatte dieselbe Öffentlichkeit Wiederauflagen und Bühnenbearbeitungen von „Berlin“ und „Metal Machine Music“ als fällige Rehabilitationen verkannter Meisterstücke abgefeiert. Wer konnte Reed also verdenken, dass er Journalisten für ahnungslose Idioten hielt? Die weitgehende Reduktion seines Lebenswerks auf „Walk on the Wild Side“ und „Perfect Day“ in den hastigen Nachrufen nach seinem Tod am Sonntag vorvergangener Woche hat ihm ein letztes Mal Recht gegeben.

Ich selbst hatte Reed vor einigen Jahren schon einmal interviewt, bevor ich mit ihm 2012 vor einem Berliner Auftritt im Rahmen seiner als Karriererückschau konzipierten Tour „From VU to Lulu“ noch sprechen konnte. Beim ersten Mal hatte er mich teils zur Sau gemacht, teils mit tontechnischen Banalitäten belehrt. Beim zweiten Mal war ich darauf vorbereitet und wild entschlossen, die Mauer seiner Verachtung mit konsequenter Freundlichkeit zu durchbrechen. Das ging am Ende erstaunlich leicht: Man musste seiner Arbeit nur Respekt erweisen und ihm zugestehen, dass er wusste, was er tat, ob es einem nun gefiel oder nicht. Und zwar von Velvet Underground bis zu Lulu. In Wahrheit war das nicht zu viel verlangt.

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Perfect Day
Rekonstruktion eines Treffens mit Lou Reed.

Von Thomas Mießgang

Dass Lou Reed ein alter Journalistenfresser war, galt als bekannt. Als sich der Mann vor zwei Jahren in New York zu einer Audienz herabließ, empfahl man mir, einen Motorradhelm aufzusetzen und mich mental auf eine deutlich überproportionale „F-Wort“-Frequenz in seinen Antworten einzustellen. Das Problem war dann jedoch ein anderes: Reed blieb tagelang verschwunden, obwohl das Interview fix vereinbart war. Am letzten Tag, als die Hoffnung bereits verendete, war er plötzlich am Telefon und dirigierte mich durch ein paar Cafés im East Village, in denen er sich allesamt nicht aufhielt. Erst beim vierten Zwischenstopp sah ich neben einem Bären von Mann ein schrumpeliges Männlein sitzen. War das etwa …? Tatsächlich. Es handelte sich bei der Figur neben dem Manager um Lou Reed höchstselbst, den Poète maudit der Bohème-Exzesse und der Rinnsteinmelodramen.

Schutzkleidung brauchte ich nicht: Die fragile Erscheinung mit der minimalen Mimik und der reduzierten Körpersprache hätte keine Fliege totschlagen können. Sorgen bereitete einem eher sein Generalzustand: Würde er vom Sessel rutschen und unter dem Tisch verschwinden? Doch der Manager hatte seine haarige Pranke bereits ausgestreckt, um im Notfall einzugreifen. Lou Reed erwies sich als durchaus redewillig, wenn auch einsilbig. Er aktivierte sein iPhone, um das Gespräch mitzuschneiden. „So kriegen wir eine radiotaugliche Aufnahme“, meinte er, echte Begeisterung kam auf. Es ging dann vor allem um Reeds einzige Filmarbeit, dessen 100-jährige Heldin, eine linke Aktivistin, die im Film erschütternderweise deutlich vitaler wirkte als ihr berühmtes Gegenüber.

Wenn Lou Reed maulfaul Antworten formulierte, blitzte seine untere Zahnreihe metallisch auf. Man musste schon ein wenig fantasievoll sein, um aus seiner verwitterten Gegenwart die Konturen jenes transgender trash chic herauszumeißeln, mit dem Reed in den 1970er-Jahren zur Avantgarde einer düsteren Queer-Ästhetik wurde, die mit Protagonisten wie Antony Hegarty bis heute weiterwirkt. Nach abgezählten 15 Minuten klopfte der Manager auf seine Uhr: „Sie haben nun alles, was Sie brauchen. Let’s go.“ Ich habe nichts!, wollte ich schreien, doch die Worte wurden von einem Gefühl der Sinnlosigkeit erstickt. Und schon standen sie auf, Lou Reed schwer auf den Arm des Managers gestützt. Mit vorsichtigen Trippelschritten entschwand er Richtung Bowery, wo die Schauplätze seiner einstigen Klangverwüstungen waren: Max’s Kansas City und CBGB. Just a perfect day.