Lustreisende: Die Journalistin Henriette Hell auf der "Mission Orgasmus"

Lustreisende: Die Journalistin Henriette Hell auf der "Mission Orgasmus"

Ihre "Mission Orgasmus“ führte die Journalistin Henriette Hell durch fünf Kontinente und wurde zum Bestseller. Ein Gespräch über nervige Deutsche, desinteressierte New Yorker und Israelis - die Sieger in ihrem Nationencup.

Henriette Hell hatte die Schnauze voll von den deutschen Männern. Dabei konnte man wirklich nicht behaupten, dass die damals 26-jährige Journalistin nicht experimentierfreudig gewesen wäre. "Ich kannte fast alle Spielarten der Liebe“, schreibt sie im Prolog zu ihrem Bestseller "Achtung, ich komme!“. "Ich hatte Sex im Fahrstuhl, Sex zu dritt, Sex im Wasser und Sex total auf Droge gehabt.“ Nirgends ein Orgasmus in Sicht - zumindest nicht beim normalen Rein-Raus-Sex. Auch Vibratoren im Delfin-Design oder in Form einer pinken Schildkröte als unterstützende Werkzeuge beim Liebesspiel konnten ihr kein Happy End bescheren. "Ich fühlte mich einerseits wie eine Versagerin und sehr verunsichert“, erzählt sie im Interview. "Ich war aber auch schwer genervt. Bei den deutschen Männern hat sich noch immer nicht herumgesprochen, dass 70 Prozent der Frauen durch die Stimulation der Klitoris kommen.“

Die Hamburgerin, die rein optisch bei jeder Jane-Austen-Verfilmung als Idealbesetzung für die verschüchtert-sehnsüchtige Pastorentochter durchgehen würde, beschloss, ihr sexuelles Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. "Mission Orgasmus, kurz MO“ nennt sie ihren sexuellen Selbstversuch, für den sie zwei Jahre lang fünf Kontinente bereiste, um mit verdammt vielen Männern endlich auf ihre Kosten zu kommen. Aus den Reisetagebüchern entstand ein Buch, das sich über Wochen auf der Sachbuch-Bestsellerliste des "Spiegel“ hielt, auch im "Stern” kolumnisiert sie über ihre "Miles & more“-Abenteuer.

Selbst vor ihren engsten Freunden hielt sie 2011 das Projekt "Mission Orgasmus“, das sie anfangs mit einem aufgelösten Bausparvertrag und während des Trips mit Jobs bei Zeitungen in Indien und Tansania finanzierte, geheim, vor der Familie sowieso: "Allen log ich vor, dass ich einfach einmal eine Auszeit brauchte.“

"Wie das achte Weltwunder"

Ihre erste Station führte sie nach Indien, in das Land der Massenvergewaltigungen und "überschüssigen Männer“ - durch die jahrelange Praxis, weibliche Föten abzutreiben, sind in Indien rund 15 Millionen Männer im Alter von 15 bis 35 Jahren ohne Frau. Die Porno-Filme, die sich diese Männer im Internet reinziehen, stammen zu 99 Prozent aus Amerika und Europa. Bei einem alten Yoga-Guru in Varanasi fand Hell für die ersten Monate Unterschlupf, ernährte sich vegetarisch und entspannte erst einmal ihren Körper mit täglichen, mehrstündigen Exerzitien, die "die Chakras ordentlich durcheinanderwirbelten“. Sie gewöhnte sich daran, "wie das achte Weltwunder“ angestarrt zu werden, erlebte aber nie einen gewaltsamen Übergriff.

Ihr erstes maßgebliches sexuelles Erweckungserlebnis sollte sie zwar in Indien haben, aber mit einem Israeli und Oralsex. "Eine wahre Hommage an die Weiblichkeit“, schwärmt sie in dem Kapitel des Buches, das den prickelnden Untertitel "In 80 Orgasmen um die Welt“ trägt (ein gewiefter Marketingslogan, der dann natürlich doch etwas übertrieben war): "Ich war mir wie eine Königin vorgekommen, als ich auf dem Bett gethront und Yonnie zwischen meinen Schenkeln gekniet hatte.“

Nach Yonnie hatte Henriette Hell Sex mit einem tibetischen "Tiger Boy“, der vor dem Akt Fruchtbarkeitstänzchen veranstaltet hatte, mit einer tansanischen männlichen "Jungfrau“ in einer Wellblechhütte, einem in einer Waldhöhle lebenden Souvenirverkäufer im winterlich kalten Nordindien, in einem Rudel von Weltenbummlern ("Es wurde gestöhnt, gekeucht, geschrien und gelacht“) im Shiva-Café, mit einer deutsch-französischen Aussteigerin, die sich in Goa zu einem Leben als Waldgeist entschlossen hatte, einem Franzosen, der "zwar wirklich schlecht ausgestattet war, aber der Sachen mit mir anstellte, die mich fast um den Verstand gebracht hatten“, um nur einige Abenteuer aus diesen erstaunlichen sexuellen Befreiungsbekenntnissen herauszugreifen.

"Handarbeit mit beeindruckender Selbstverständlichkeit"

Der "Sonnenkönig“, den sie im indischen Mandurai dingfest machte, demontierte für Hell auch endgültig das Klischee, dass die Schwanzgröße eines Mannes in einem direkten Verhältnis zu seinem Beglückertalent steht: "Die Penetration war bei diesem Erlebnis völlig zweitrangig. Er hat nach dem Akt sofort mit beeindruckender Selbstverständlichkeit Handarbeit geleistet.“

Israel hält in Hells Nationencup nach zwei Jahren Reisen in Afrika, Asien, Nord- und Südamerika und Europa die Bestnote. "Ich fand es toll, wie Israelis, die ja oft nach drei Jahren Militärdienst durch die Welt ziehen und es dabei ordentlich krachen lassen, auf die individuellen Bedürfnisse von Frauen einzugehen imstande sind“, erzählt sie, "da läuft nichts nach einem Schema ab. Die haben eine große Freude an der Sexualität der Frauen.“

"Roboterhaftes Herumgerammel“ erlebte sie in der Dating-Hölle von New York City: "Die amerikanischen Männer kamen mir tatsächlich wie Roboter vor. Steven (Art Director, 37) war auch so ein Roboter. Routiniert tastete er mich ab und warf mich auf das Bett - als wäre mein Körper eine Art verdienter Belohnung für den bisherigen Abend. Als wir, ähm, er fertig war, fühlte ich mich irgendwie benutzt. Trotzdem erdreistete er sich, mich zu fragen:, Bist du gekommen, Baby?‘ Ich brach in Gelächter aus.“

Irritierendes Manhattan

Als einen besonders irritierenden Faktor im Paarungsverhalten der "totalen Leistungsgesellschaft“ empfand Hell das Benehmen der Frauen von Manhattan: "Die sind total darauf konditioniert, einen Mann an Land zu ziehen, der sie gesellschaftlich und finanziell weiter bringt. Begegnungen mit Männern müssen sich für diese Frauen in irgendeiner Weise bezahlt machen.“

Dass eine junge Frau, die selbstbestimmt und ohne die üblichen romantischen Hintergedanken ihre Lust in einem weltumspannenden Selbstversuch auslebt, vor allem auf Männer irritierend wirkt, hat Hell nach dem Erscheinen des Buches im Frühjahr erlebt: "Da kamen die plattesten Beleidigungen, vielen fiel nichts Besseres ein, als mich Schlampe zu nennen. Wirklich deprimierend, welche mittelalterlichen Frauenbilder deutsche Männer noch immer haben.“

Dass Lust und Liebe nicht unbedingt im Doppelpaket kommen müssen, ist für Hell "ganz natürlich, das ist keine Haltung, die ich mir antrainieren musste“. Genauso wie ihre Angstfreiheit: "Ich war nicht einmal in eine Situation gekommen, die ich als bedrohlich empfunden hatte.“ Nach zwei Jahren in der "totalen Befreiung“ tut sich Hell mit der "neuen Spießigkeit“, die sie unter jungen Deutschen beobachtet, schwer: "Da wird viel nach der Norm gelebt, Lifestyle extrem hoch bewertet. In diesen üblichen Beziehungsmodellen bin ich sehr oft an meine Grenzen gestoßen. Ich habe hier in Deutschland lange keinen Mann gefunden, der das akzeptiert, was ich will.“ Ihr nächstes Buch dreht sich um die Themen Treue, Seitensprung und "offenere Modelle“. Sie reist weiter: "Ohne das Reisen würde ich hier eingehen. Ich komme gerade aus Kalifornien und fahre jetzt nach Indonesien.“ Ihre Eltern fanden übrigens Henriettes weltumspannende Orgasmus-Mission "mutig“ und waren "richtig stolz“ auf ihre Bestseller-Tochter: "Mein Vater hat vielen Kollegen mein Buch geschenkt.“ Was macht Herr Hell beruflich?

Sie kichert: "Der ist Beamter.“

Henriette Hell: "Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt“ bei Blanvalet, 12,99 Euro