Marcel Reif: Der ganz normale Wahnsinn

Manchester City soll angeblich rund 80 Millionen Euro Ablöse für die Dienste des Wolfsburgers Kevin de Bruyne bezahlen.

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Deutschlands Fußballer des Jahres würde bei dem Megadeal nicht zu kurz kommen: Es winkt ein Fünfjahresvertrag mit einem Gesamtsalär von 120 Millionen - ein 200-Millionen-Paket also. Wohlgemerkt handelt es sich dabei um den hochbegabten Fußballer Kevin de Bruyne und nicht um Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo.

Louis van Gaal, der Trainer von Manchester United, hat 190 Millionen in der Kriegskassa, um Barcelonas Wunderknaben Neymar nach Manchester zu locken - eine Zahl, die den Stolz Kataloniens nicht einmal mit der Wimper zucken lässt.

Ist unsere Welt völlig aus den Fugen geraten? Kann man diese Summen moralisch rechtfertigen, wenn gleichzeitig verzweifelte Flüchtlinge um eine Flasche Wasser betteln? Wird de Bruyne für sein Geld plötzlich sechs Tore pro Spiel schießen?

Meine Frau ist Krebsärztin. Wie so oft kehrte sie dieser Tage spät abends nach Hause zurück, nachdem sie viele Stunden versucht hatte, einer Patientin das Leben zu retten. Sie ist durchaus interessiert an Fußball, versteht die Mechanismen des Marktes. Dennoch muss sie schon mal schlucken, dass sie dafür mit einem Lohn abgespeist wird, für den sich kein Drittliga-Spieler in Deutschland überhaupt umziehen würde.

Obszön. Wie kann man angesichts dieser Kommerzialisierung der Jugend noch die unschuldige Freude am Grundnahrungsmittel Fußball vermitteln? Wie will man erklären, dass ein einziger Profi des FC Bayern mehr wert ist als der gesamte Kader des FC Ingolstadt?

Fußballvereine sind keine Banken, die Geld bunkern, und offensichtlich sind selbst diese aberwitzigen Summen für die TV-Stakeholder refinanzierbar. Es macht keinen Sinn, als empathisch denkender Mensch die Moralkeule zu schwingen. "Fußball“, so hieß es einst, "ist deshalb so spannend, weil wir nie wissen, wie es ausgeht.“ (Ein Zitat des deutschen Weltmeistertrainers Sepp Herberger) Heute wissen wir es in unschöner Regelmäßigkeit sehr oft sehr wohl.

Es gibt keine vernünftige Antwort auf diese finanziellen Auswüchse. Nur - ein bisschen traurige - Ratlosigkeit.

Das Financial Fairplay der UEFA ist ein lächerlich halbherziger Versuch, die Auswüchse zu reglementieren. Beim FC Bayern sitzen regelmäßig Topstars auf der Tribüne, die wir doch alle spielen sehen wollen. Und ein junger Spieler, der dorthin wechselt, hat nur die Option, sofort auf höchstem Niveau zu funktionieren, oder er wird bald wieder aussortiert. Keiner hat mehr die Lust, Zeit, Geduld, langfristig etwas aufzubauen, und angesichts der extrem hoch angesiedelten Ziele muss jeder sofort abliefern, sonst droht der brutale Abschied.

Österreich oder die Schweiz sind bei diesem Overkill dazu verdammt, lediglich als Ausbildungsländer zu fungieren. Salzburg kann mit seinem finanziellen Background vielleicht noch ein wenig mithalten, aber auch da wird es angesichts der internationalen Erfolglosigkeit irgendwann freudlos. Der Rest ist nur dazu da, Frischfleisch in Gestalt von talentierten Spielern auf den Markt zu bringen: ein wenig Luft atmen und schauen, dass man bald wieder einmal zehn oder 20 Millionen für einen Spieler kassiert, der in Richtung England abwandert, wenn er gerade mal unfallfrei die Schuhe binden kann.

Dorthin, wo die Revolution ihre Kinder frisst. Denn Engländer sind in der Premier League längst eine aussterbende Rasse. Daher prophezeie ich, dass sie bei der EM kommendes Jahr in Frankreich wieder nichts auf die Reihe kriegen werden.

Es gibt keine vernünftige Antwort auf diese finanziellen Auswüchse. Nur - ein bisschen traurige - Ratlosigkeit.

Marcel Reif ist Grimme-Preisträger und kommentiert wöchentlich die Topspiele der Deutschen Bundesliga und der UEFA Champions League live auf Sky.